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Von Putzfeen, Hauselfen und anderen Fabelwesen oder: Feministisch putzen 101

Feministisch putzen ist, wenn der Mann es macht!

Spaß beiseite. Schließlich ist nicht jede Frau – zum Teil aus guten Gründen – mit einem Mann zusammen. Und das bisschen Haushalt muss auch erledigt werden, wenn Frau alleine ist. Geht das, feministisch putzen?

Es ist etwa ein halbes Jahr her. Ich saß mit Kind2 in der Krabbelgruppe. Nach dem Begrüßungslied („Hallo Hugo hallo Hugo wo bist du? Wo bist Du? Wie geht’s Dir denn heute, wie geht’s Dir denn heute? Hoffentlich recht guuut, hoffentlich recht guuuuut!“ Nach der Melodie von Bruder Jakob. Dazu die passenden Handbewegungen mit Winkewinke und Daumen hoch) tauschen wir immer ein wenig Befindlichkeiten aus. Das Schlafen, das Essen, die Hoffnungen oder Ängste mit der Lohnarbeit. Eine Mitmutter setzt an und flüstert fast:

„Wir haben uns jetzt eine Putzfrau gegönnt. Einmal die Woche“

Und dabei geniert sie sich so offensichtlich als würde sie berichten, dass sie seit der Geburt inkontinent ist. Haushaltshilfen, das Tabu unserer Zeit?

Ich gebe zu: Ich war ein bisschen neidisch. Ich meine, sich einmal nicht um den Haushalt kümmern müssen? Ich bin auch nur ein Mensch! Ich hatte noch nie eine externe Putzkraft.

Es ist auch nicht so, als sei ich zu Hause alleine fürs Putzen zuständig. Ich streite mich auch nur selten mit dem Mann um den Haushalt. Wir machen etwa beide gleich wenig (wir streiten uns eher um die Sachen, die jede_r von uns ANDERS macht. Und um die Wäsche. Wer die machen darf und jetzt weiß ich, ist das Bild von mir als Freak komplett, aber Wäsche mach ich wirklich gerne!).

Deshalb geht es hier nicht um allgemeine Anklage, auch wenn ich mich wunder, wer in meiner feministischen Timeline alles auf die Fabelwesen Hauselfe und Putzperle zurück greift. Sondern eine kleine Analyse und Darstellung der Fragen und Möglichkeiten, die sich bei dem Thema für mich auftun. 

Manche brauchen Hilfe, können sich aber keine leisten

Und: es gibt natürlich total legitime Situationen und familiäre Rahmenbedingungen in denen Hilfe bitter nötig ist. Nur fände ich es schön, wenn auch da mitgedacht wird, dass das nicht für jede Mutter oder Familie umsetzbar oder wünschenswert ist:

  • Geldmangel. Egal wie „billig“ die Putzkraft ist. Auch wenig Geld muss man erst mal übrig haben. Da wird die Relation von „wieviel Geld bekomme ich für Lohnarbeit und wieviel bleibt übrig, um es für Aufgaben, die ich theoretisch selber machen kann, auszugeben“ schnell sichtbar.
  • Stigma. Bevor man jemanden zum Putzen rein lässt, muss man meistens aufräumen. Es gibt nicht wenige Leute, die damit ein echtes Problem haben.
  • Was sollen denn die anderen denken? Ist ähnlich wie das Stigma, aber es geht tatsächlich darum, wem man denn die Putzfeen und Hauselfen gönnt! Darf sich die Supermarktkassiererin jemanden zum Putzen leisten, woher hat die das Geld? Vielleicht ist das aber gerade die Zeit, die sie sich für eine Fortbildung „freikauft“? Und sollte nicht die Karrierefrau mit Kind wenigstens selber putzen, wenn sie schon die Kinderbetreuung deligiert?

Putzfeen, Putzperlen und Hauselfen: Fabelwesen und die nackte Wahrheit

Wer putzt dann eigentlich, wenn ich es nicht tue?* Oder der Mann es nicht tut (also in meinem Fall, wo einer da ist)? Wer sind diese Fabelwesen, die die Hausarbeit machen und, ganz unsichtbar, aus dem Saustall ein liebliches, bewohnbares zu Hause? Muss ich eigentlich sagen, dass ich die Begriffe nicht mag? ‚Fee‘ und ‚Perle‘ oder wie auch immer man die Frauen nennt, die den Dreck weg machen? Es hat was sehr verniedlichendes und macht die buchstäbliche Drecksarbeit dahinter unsichtbar.

Wer sind denn die putzenden Menschen? Ich weiß schon, klar. EURE Putzhilfe wird anständig bezahlt, ist angemeldet und überhaupt. Und putzt dann wie viele Stunden bei Euch? Ich meine: Meines Wissens darf man nur einen 450Euro-Job unversteuert machen. Also, wer bei Euch 4 Stunden á 10€ die Woche putzt verdient im Monat – 160€. Jetzt bin ich neidisch. Nicht.

Die wollen ja gar nicht angemeldet werden, die wollen so arbeiten“ – äh ja, siehe oben: Wer in einem Haushalt putzt, putzt meist auch noch in anderen, jedenfalls wenn ein nennenswertes Einkommen erwirtschaftet werden muss. Ein Job angemeldet, der Rest unter der Hand. Kein Verdienstausfall, kein Versicherungs- und Kündigungsschutz – nix.

Oder doch lieber die Putzkolonne? Drückerkolonne? Da kenne ich mich nicht aus, denn Zahlen dazu zu finden ist fast unmöglich.

Woher kommen Eure Putzfrauen? Nicht nur das delegierte Hausarbeit meist von Frauen erledigt wird, sie wird auch meistens von Frauen erledigt, die aus Gründen putzen: Weil ihre Ausbildung, wenn sie denn eine haben, in Deutschland nicht anerkannt wird. Oder ihnen sonst wie der Zugang zu qualifizierter Arbeit hier in Deutschland fehlt.

Machen wir weiter: Nicht nur, aber besonders wenn man mit Kindern Räume teilt entsteht unglaublich viel Haushalt. Der war vorher auch irgendwie da und im Nachhinein frage ich mich immer, warum meine kleine Alleinewohnung nicht immer tippitoppi war, denke ich doch: das hätte ich in FÜNF MINUTEN erledigen können!

Mit Kindern potenziert sich der Haushalt und es hilft nix: er muss halt gemacht werden. Ist also die naheliegende erste Frage: Wer macht es. Nee, eigentlich fängt die Frage vorher an:

Warum macht es keine_r gerne und freiwillig?

Sonst gäbe es ja den ganzen Streit und die Diskussionen darüber nicht, der Haushalt ist einer der größten Zündstoffe bei Heteropaaren (mit und ohne Kinder). So das sich manche Paare direkt für das getrennt Leben entscheiden:

Untersuchungen über Paare, die zusammen sind, aber nicht zusammen leben (=LAT: Living apart together) haben ergeben: Es sind oft Paare, bei denen es nicht die erste lange und feste Beziehung ist und bei der die Frauen das getrennt leben bevorzugen:

„Männer sind schliesslich dafür bekannt, nicht gerne alleine zu leben. Diesbezüglich kamen zwei deutsche Studien zum selben Schluss: Es sind tatsächlich die Frauen, die das getrennt leben bevorzugen. Sie sind in LAT-Beziehungen glücklicher als Frauen in klassischen Haushalten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: In der eigenen Wohnung liegen nur die die eigenen Socken rum, ist nur der eigene Abwasch nicht erledigt. In den meisten Partnerschaften bleibt der Haushalt an den Frauen hängen, ganz zu schweigen von der Kinderbetreuung- und erziehung. Ein gutes Einkommen garantiert einer Frau heute eine Selbständigkeit, die sie so schnell nicht mehr aufgeben möchte. Seltenere Streitereien sind nur ein weiterer Pluspunkt im Plädoyer für das LAT.“ (Quelle)

Putzen ist redundant, es wiederholt sich immer. Das Ergebnis weilt nur kurz, der Dreck kommt oft schneller wieder als man ihn beseitigen kann. Man hat hinterher nichts in der Hand, kein fertiges Gericht, das man gemeinsam mit der Familie essen kann, keinen Text, den andere lesen können – nichts. Hat man grade den Anblick einer sauberen Küche genossen stürmen die Kinder rein und ruinieren das Gesamtbild wieder. Der Mann hier sagt immer ganz pragmatisch: „Aber ich dusche doch auch jeden Morgen, obwohl ich danach nur dreckiger werde“. Ja, aber das Duschen hat noch irgendwie den selbstfürsorgerischen Effekt, es tut mir gut. Außerdem: Ich verlasse die Tür und bin für alle sichtbar, da ist Sauber-Sein ein Muss. Unsere Wohnung wird nicht ganz so oft betreten. Warum also putzen, wenn es außer mir keiner sieht? Das Schlimme an meiner aktuellen Arbeitslosigkeit ist auch: Ich verbringe sehr viel Zeit hier und sehe also wie es aussieht. Selbst wenn ich das vormittags, so lange Kind2 betreut wird (Kind 1 hat längere Betreuungszeiten) ausblende – ein kleiner Teil meines Gehirns nimmt den Dreck zur Kenntnis. Da ich aber mit Stellensuche, Bewerbungen schreiben und Auftragsakquise beschäftigt bin, versuche ich das auszublenden.

Wenn mal Besuch kommt, sagt dieser Besuch nicht anerkennend: Oh, hier sieht es aber sauber aus. Der Mann auch nicht (also wenn er arbeiten ist und ich zu Hause versuche, den Laden zu schmeißen. Wer lohnarbeitet, bekommt Feedback und idealerweise auch mal positives, wer hausarbeitet eher nicht). – Auch weil es selten stimmt. Es bleibt also Fakt: Putzen ist Sysiphosarbeit und findet keine Anerkennung.

Und grade hier in Deutschland hat Haushalt einfach den Muff der 50er Jahre. Auf pinterest habe ich eine Pinnwand mit Zusammenstellungen von Tipps für den Haushalt. Zugegeben, die ist noch recht überschaubar. Aber der Fundus ist riesig und er ist vor allen Dingen aus den USA stammend, da wo Martha Stewart, bis sie ins Gefängnis musste, mit ihren „Hausfrauensendungen“ fett Kohle machte. So was sucht man in Deutschland vergeblich.

Warum Putzen nicht gelernt wird

Habt ihr putzen gelernt? Also welches Putzmittel für was und mit welchem Lappen oder Schwamm? Ich nicht. Oder ehrlicher: Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern mir da was beigebracht haben, muss aber auch fairerweise sagen, dass ich vielleicht nicht empfänglich dafür war.

Hauswirtschaftsunterricht hatte ich keinen. Und ich mein, mal ehrlich: Putzen lernen?

Warum eigentlich nicht? In den Vereinigten Staaten gibt es einige Blogger_innen, die damit Geld verdienen. Ich selber versuche immer noch herauszufinden, ob man für jede Art von Schmutz (Kalk, Fett, Staub, Glas) und jedes Zimmer (Badreiniger, Küchenreiniger) ein eigenes Putzmittel braucht, oder ob es nicht auch ein Oldschool-Ansatz mit Essig, Zitronen und Natron tut.

Dass Putzen aber ein Job sein könnte, den man erlernen muss, glaubt wohl keine_r. Darum kann es auch jede_r (so der Gedanke).

Alternativen und Lösungsansätze:

Wie kommt man aus dieser misslichen Situation heraus und findet eine Lösung, die nicht auf dem Rücken anderer ausgetragen wird?

SCHWARZER**: Und die Hausarbeit? Was ist damit? Sollten Frauen sich weigern, mehr als die Männer im Haushalt und bei der Kindererziehung zu tun?

DE BEAUVOIR: Ja. Aber das genügt nicht. Für die Zukunft müssen wir andere Formen finden. Hausarbeit darf nicht mehr nur von Frauen, sondern muß von allen gemacht werden. Und — ganz wichtig! — sie muß aus der Isolierung heraus! Damit meine ich keine Vergesellschaftung der Arbeit des Stils, wie man ihn in der UdSSR zu einer gewissen Zeit praktiziert hat: nämlich Spezialtruppen, die dann die Arbeit machten. Das scheint mir sehr gefährlich zu sein, denn das Resultat ist eine noch schärfere Arbeitsteilung. Es gibt dann Leute, die ihr Leben lang kehren oder bügeln. Das ist keine Lösung. Sehr gut finde ich allerdings, was in einigen Gegenden von China zu existieren scheint, wo alle Leute — Männer, Frauen, sogar Kinder — sich an einem bestimmten Tag zusammentun und aus der Hausarbeit eine öffentliche Sache machen, die lustig sein kann. So waschen zum Beispiel alle zusammen zu einer bestimmten Stunde oder putzen. Es gibt ja keine Tätigkeit, die an sich erniedrigend ist. Alle Tätigkeiten sind gleichwertig. Es ist die Gesamtheit der Arbeitsbedingungen, die erniedrigend ist, Fenster putzen, warum nicht? Das ist genausoviel wert wie Schreibmaschine schreiben. Erniedrigend sind die Bedingungen, unter denen man das Fensterputzen verrichtet: in der Einsamkeit, der Langeweile, der Unproduktivität, der Nicht-Integration ins Kollektiv. Das ist es, was schlecht ist! Und auch diese Arbeitsteilung drinnen! draußen. Alles müßte sozusagen draußen sein! (Quelle)

Also: Warum nicht mal einen Putzmob statt eines Flashmobs? Oder die Putz- statt Tupperparty. Ja geht nicht, weil dann würden die Freund_innen ja sehen, wie dreckig es bei einer ist. Scham, das Stigma des Alltäglichen, des Dreckigen – will und darf doch keine_r sehen außer uns. Wir haben eher ein Verständnis dafür, dass auch Models ka*cken gehen, als dafür, dass auch Models putzen müssen.

Tauschringe: In manchen Städten und Regionen gibt es Tauschringe. Tauschen kann man dort Zeit. Dort ist eine Stunde putzen genau so viel wert, wie eine Stunde massieren oder Webdesign. Wer also irgendeine (Dienst-)leistung anbieten kann – von Hundesitting oder Einkaufsdiensten, Ablage, Steuererklärung – whatever, kann diese gegen Putzen als Dienstleistung eintauschen.

Architektur: Für den/die Einzelne schwierig. Aber in der zweiten Frauenbewegung gab es bereits Ansätze zum Thema „selbstreinigendes Haus“. Auch ein Grund, mehr Frauen in der Architektur zu fördern. Könnte praktischere Ergebnisse zeigen als das, was ich derzeit an Trends beobachte. Ich meine, schon schick wenn sich ein Haus selbst steuert, die Heizung zu einem bestimmten Zeitpunkt einschaltet oder der Kühlschrank sagt, dass die Milch alle ist. Aber wie viel geiler wäre es, wenn das Haus sich selber reinigte? Und ja, Staubwischroboter sind da ein Anfang. Aaaaanfang.

Minimalismus: In der Hinsicht werde ich hier boykottiert. Aber eigentlich ist es logisch: Je weniger irgendwo rumsteht, desto weniger muss man aufräumen und putzen. Downsizing nennen das auch Einige. An dem Ansatz habe ich zwar auch einige Kritikpunkte (im Kritisieren bin ich gut), aber es ist – theoretisch – für einige umsetzbar.

Quality-Time: In einer Nicht-repräsentativen Umfrage auf meiner facebook-Seite wurde als einer der häufigsten Gründe für eine Putzfrau genannt: Damit ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Und ich denk mir: Verbringt doch Zeit miteinander! Beim Putzen! Jaaaa, das macht vielleicht nicht ganzzzz so viel Spaß, aber wie ich hier schrieb, ist es in manchen Lebensphasen der Kinder gar nicht sooo schwierig. Es dauert nur zigfach so lange. ABER: Ich möchte auch meinen Kindern vorleben, dass das eben dazu gehört. Aufräumen, Putzen. Dass das nicht mal eben so ausgelagert wird. Sondern eine ganz selbstverständliche Aufgabe ist wie Zähneputzen. Na gut, ich seh die mangelnde Überzeugungskraft ein, aber UTOPIE!

Putzplan: Waren in Eurer WG schon doof? Machen aber vielleicht noch mal sichtbar, was alles zum Haushalt gehört. Man braucht ihn ja auch nicht, so lange alle Beteiligten das Gefühl haben, die Arbeit ist fair verteilt. Aber bei Lohnarbeit gibt es auch meistens Stellenbeschreibungen und klar definierte Aufgabenfelder. Ausgesprochen oder unausgesprochen gehört zum Haushalt mehr als Saugen und Wischen. Und dem_derjenigen, die es macht, fällt es meist viel mehr ins Auge, als die_dem es ein Rätsel ist, wann der Duschvorhang das letzte Mal gewaschen wurde, die Waschmaschine mal vorgerückt wurde um dahinter zu reinigen, die Spülmaschine mit Salz und Klarspüler befüllt wurde, dem Staubsauger ein neuer Beutel geschenkt wurde, die Kaffeemaschine entkalkt wurde…

Zum Abschluss: Was mich aber richtig ankotzt in der Rhetorik auch feministischer Gegner_innen von Putzfrauen: die Argumentation, dass (deutsche) Frauen ihre Emanzipation auf dem Rücken anderer Frauen ausleben. WHAT? Es sind meistens die Männer, die ihren Anteil in der Hausarbeit nicht leisten. Die tragen also ihren Privilegienerhalt auf dem Rücken anderer Frauen aus. Damit sie ihn nicht mit der eigenen Frau austragen müssen.

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* Ich rede nur vom Putzen im Privathaushalt, nicht in Unternehmen

** Isch bin keine Freundin von Schwarzer, nicht erst seit meinem semioffenen Brief. Aber sie führte viele Interviews mit Beauvoir und so war die Verbindung nahezu unvermeidlich.

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Weitere Links:

Deutsche schätzen ihre Putzfrau aber zahlen mies

Podcast: Heiter Scheitern – Das Putzen ist politisch

Wem gehört mei Dreck? makellosmag

Die Perfidität des Nicht-Aufräumens bei Aufzehenspitzen

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Der Tag, an dem die rosa Brotdose meines Sohnes zu Hause bleiben musste

Die rosa Brotdose

Die rosa Brotdose

Montag morgen, der übliche Trubel. Ich schmiere Butterbrote. Minime besteht auf Erdnussbutter. Aber erstens finde ich, das Erdnussbutter eine Süßigkeit ist und fürs Wochenende und zweitens ist in seiner Nachbargruppe ein Kind mit Nussallergien. Sicher ist sicher, aber das erste Drama hat schon begonnen. Mit vier Jahren ist er momentan nicht sehr empfänglich für  „Argumente“.

Ich lege also das Brot und seine halbe Banane wie jeden Morgen in die heißgeliebte, rosa Brotdose. „Ich will die rosa Brotdose nicht mehr mitnehmen!“

Das kommt unerwartet. Erst neulich hatte er gesagt, die anderen Kinder würden ihn auslachen oder sagen, er sei ein Mädchen. Ich bin dann zu seiner Erzieherin gegangen und habe sie drauf angesprochen. Sie selbst war verwundert und versprach, das Thema in der Morgenrunde noch mal anzusprechen.

Nun war ich bei dieser Morgenrunde nicht dabei. Minime kam nachmittags fröhlich auf mich zu gerannt und sagte: „Mama, Jungs dürfen auch rosa Brotdosen haben!“ (Dass sein Papa und ich das vorher auch gepredigt haben und ich ein kleines bisschen meine Autorität schwinden sah, weil die Worte der Erzieherin wohl mehr Einfluss haben als meine, lasse ich mal außen vor).

Ich dachte, damit hätte sich die Sache erledigt. Aber dem war wohl nicht so. Wie gesagt, ich weiß nicht genau, wie die Erzieherin an die Sache gegangen ist. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: „Wisst ihr Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Jeder darf jede Farbe haben“. Das hat dann vermutlich den gleichen pädagogischen Effekt, wie wenn ich meinen Kindern das Zähneputzen predige: Nachhaltigkeit gleich null. Die Botschaft kam offensichtlich nicht bei allen Kindern an.

Und da stand ich nun am Montag morgen vor einem verzweifelten und enttäuschten Jungen, der Angst hat seine heißgeliebte rosa Brotdose mit in den Kindergarten zu nehmen. Alles Zureden half nicht: „Schatz, Du weißt doch, dass rosa ne super Farbe ist, für alle Kinder! Und wenn Dich jemand ärgert, dann ist das schlechtes Benehmen und Du kannst der Erzieherin Bescheid sagen.“

Hat das mal bei eine_m von Euch funktioniert? Dass das Kind damit umgestimmt wird? Ich packte also sein Butterbrot in eine andere Dose und brachte ihn zum Kindergarten.

Ähnliche Szenen gab es mit seinen rosa Glitzerschuhen, die ihr vielleicht noch aus diesem Beitrag kennt. Im Sommer habe ich ihm ein rosa Kleidchen gekauft, ganz schlicht. Seine Augen leuchteten erst. Dann schlug er wild um sich, als ich ihm helfen wollte, es anzuziehen. Vermutlich begreift man auch schon mit vier, dass es verschiedene Abstufungen von „rosa ist nicht ok für Jungs“ gibt. Ich frage mich, wie lange seine rosa Zahnbürste noch bleiben darf.

rosa Zahnbürste

Die rosane ist von Minime

Ich geb es ja zu: Nach meinem Studium der Gender Studies war mir klar, das es nicht einfach werden würde, meine Kinder, in einer Welt, in der alle Menschen in Männer und Frauen unterteilt werden und unterschiedliche Rollen zugewiesen bekommen, geschlechtsneutral* zu erziehen.

Man hat mal eine kleine Umfrage gemacht und Eltern von Neugeborenen gefragt, für wie groß und schwer sie ihr Baby schätzen. Die Eltern von Mädchen schätzten ihre Babys kleiner und leichter ein, als sie 1. tatsächlich waren und 2. als gleich große und schwere Jungs, die man ihnen zeigte. Bei den Eltern von neugeborenen Jungen war es umgekehrt: Sie hielten ihre Babys für größer und schwerer als vergleichbar große Mädchen und auch, als sie tatsächlich waren.

Und jetzt sagt mir noch mal, dass die Gesellschaft keine Rolle spielt? Dass alles angeboren sei, was Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen macht. Immer wenn Eltern sagen: Also wiihir erlauben unseren Söhnen auch mit Puppen zu spielen oder unseren Mädchen mit Autos“ muss ich an Szenen denken wie

  • die Mama in der Krabbelgruppe, die vor Entzückung quietscht, weil ihre 18 Monate alte Tochter ihre Schuhe holt und gleich noch ein paar andere die dort rumstehen mit. „Sie steht auch schon auf Schuhe, ganz die Mutter“
  • der Vater auf dem Bolzplatz, der mit seinem zwei Jahre alten Sohn Tore schießt, während die ca. vierjährige Tochter am Rande steht und sehnsüchtig zu den Beiden rüber schaut, aber nicht dazu gerufen wird.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von anderen Eltern im Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Turnverein oder bei der Krabbelgruppe Sätze höre wie „typisch Mädchen/Junge“.

Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie ich Überzeugungsarbeit leisten musste, damit Minime eine Puppe und einen Puppenwagen bekommt. Oder mal was aus der Elfen- und Feen-Serie von Playmobil, nicht nur Ritter und Piraten. Oder als beim Kindergeburtstag die Seifenblasen mit Cars-Motiv automatisch in seinem GoodieBag landen, obwohl er viel lieber die Eiskönigin gehabt hätte.

Und auch der Kindergarten bietet auf dem Weg zu einer geschlechtsneutralen (oder sagen wir besser: -sensiblen) Erziehung Stolpersteine. Minime erzählt, dass sie in der Mittagsruhe (in der die kleinen Kinder noch Mittagsschlaf machen, die größeren eine „Pause“) oft von den Kindern mitgebrachte CDs hören oder Bücher lesen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Medien nicht danach geprüft werden, ob sie Genderklischees (von Rassismus und Co. ganz zu schweigen) reproduzieren. Zu Hause halte ich es oft wie Suse und lese Bücher mit vertauschten Rollen vor. Dann erst fällt auf, wie eklig 50er Jahre-mäßig nicht nur die Hauptcharaktere in ihren Geschlechterrepräsentationen sind. Und das bei recht aktuellen Büchern. Ich habe das mal bei den Olchis ausprobiert.

Im Kindergarten braucht es mehr als eine Morgenrunde, in der eine Erzieherin die Kinder ermahnt, niemanden für seine rosa-Vorliebe auszulachen. Deswegen muss nicht gleich die Puppenecke abgeschafft werden. Aber es gibt – siehe unten – tolle Tipps und Anregungen um eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der alle Kinder ihre Interessen und Vorlieben ausleben können.

Ob ich da ein bisschen überempfindlich reagiere? Wenn mein Sohn einfach fröhlich oder genervt seine rosa Brotdose liegen lassen würde – damit käme ich zurecht. Aber am Montag morgen, da war er nicht fröhlich oder genervt, sondern zutiefst traurig und enttäuscht. Und das kann ich weder als Mutter, noch als Pädagogin gutheißen.

Es ist mir ein Rätsel, dass ich mit meinen Studienabschlüssen in Sozialpädagogik und Gender Studies nicht schon eher drauf gekommen bin. Zumal ich bereits für den Bereich Berufsorientierung von Jugendlichen solche Workshops für pädagogisches Personal konzipiert und durchgeführt habe und ja schon eine Weile als Freiberuflerin unterwegs bin. Vielleicht war es zu naheliegend und mein Sohn musste mich erst darauf bringen, aber:

Wer mich für Vorträge und Workshops zur gendersensiblen Pädagogik in Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Schule oder zur geschlechtersensiblen (andernorts wird geschlechterneutral verwendet) Erziehung einladen will: Ich freue mich auf Eure Nachricht an

gluecklichscheitern @ gmail.com

– und hier noch ein bisschen zu meinem fachlichen Hintergrund


Wer sich ebenfalls für geschlechtersensible Pädagogik interessiert, findet hier einige Literaturhinweise, Links und Materialien:

Bücher:

Almut Schnerring und Sascha Verlan (2014): Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees

Melitta Walter (2005): Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung


* geschlechtsneutral heißt für mich nicht, dass ich mein Kind als „Neutrum“ erziehen will, sondern das ich ihm alle Optionen offen halte.

 

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Warum ich meine Kinder erst aus dem Lebenslauf strich, und dann wieder rein schrieb

Jobsuche mit Kind

Das mit den Bewerbungen ist bei mir gefühlt Dauerzustand. Ende 2013, als mein letzter Vertrag auslief war ich grade schwanger. Ich hatte wenig Hoffnung und Motivation in dem Zustand eine Stelle zu finden. Zaghafte Versuche gab es dann wieder kurz nach Cashews Geburt. Aus der – relativ? – luxuriösen Situation namens Elternzeit.

Mein Lebenslauf ist lang und bunt. Nach meinem Studium der Sozialpädagogik, Soziologie und Gender Studies war ich eine Weile an der Uni, als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das war der Plan: an der Uni „Karriere“ machen. Doktorarbeit, Post-Doc-Phase, Frau Professor. Ja, ihr dürft lachen.

Ich habe mich entschieden diesen Weg nicht mehr zu gehen. Bilde mich jetzt in BWL und Management fort. Bin derweil freiberuflich unterwegs, weil ich finde: Ich weiß was, das kann ich anderen erzählen.

Kinder in den Lebenslauf oder nicht?

Nun hätte ich gern wieder eine Anstellung. Früher hätte ich die Kinder definitiv nicht erwähnt. Ja, ich habe sogar allen, die in der gleichen Situation sind, davon abgeraten, ihre Kinder zu erwähnen (jedenfalls wenn sie eine Frau sind). Als Argumente „dafür“ hörte ich dann oft:

Aber wenn mein_e Arbeitgeber_in das erst erfährt, wenn ich die Zusage habe, denkt man, ich lüge. Und wenn ich dabei lüge, lüge ich ja vielleicht auch bei anderen Sachen in meinem Lebenslauf.

Man lügt nicht, wenn man die Kinder nicht erwähnt. Man muss Familienstand und Co. nicht (mehr) im Lebenslauf erwähnen. Rechtlich ist man auf der sicheren Seite und schließlich sollten – aus fachlicher Sicht – die Familienverhältnisse auch keine Rückschlüsse auf meine Qualifikation zulassen. Ich argumentierte also, überzeugte aber selten.

Ich ließ die Kinder weg. Und erwähnte sie manchmal erst im persönlichen Gespräch. Und egal, wie sehr ich wusste, dass es ok ist, fühlte es sich blöd an. Nicht weil ich ein schlechtes Gewissen meinem möglichen zukünftigen Arbeitgeber gegenüber hatte.

Warum meine Kinder jetzt wieder im Lebenslauf stehen

Sondern weil ich, nach allem, was ich über die Arbeitswelt weiß, was ich darüber weiß, wie motiviert, qualifiziert und engagiert berufstätige Mütter sind, den Gedanken nicht mehr ertragen kann, bei einer Arbeitgeberin angestellt zu sein, für die mein Muttersein ein Problem ist. Ja, es ist vielleicht naiv. Weil die Personaler_in nicht immer das Gleiche denkt, wie die_er Vorgesetzte. Weil ich mir so vielleicht Chancen verbaue.

Kinder im Lebenslauf als Bullshitdetector

Vor einigen Wochen hatte ich ein Telefonat mit einer Personalvermittlerin. Es war sehr nett, sehr offen und ich sprach sie deshalb drauf an, fragte was ihre Kunden von Müttern hielten. Sie sagte, dass die das erstmal nicht interessiert, da es oft um Zeitarbeit bzw. Arbeitnehmerübernahme geht. Das heißt: Über die Personalvermittlung können die Arbeitgeber_innen die Angestellten erst mal unverbindlich testen. Wenn man da nicht besteht, geben die Unternehmen die Kandidatin einfach wieder zurück an die Personalvermittlung (jetzt mal etwas lapidar verfasst). Ich dankte ihr für das Gespräch und grübelte nach.

Was, wenn meine Kinder der Bullshitdetector für meinen zukünftigen Arbeitsplatz sind? Will ich in einem Unternehmen arbeiten, dass Bewerberinnen aussortiert, weil sie Kinder haben – Mütter sind? Bei EditionF schreibt Alu vom Blog großeköpfe über ihre dreisteste Erfahrung in, bzw. nach einem Vorstellungsgespräch. Solche Geschichten sind so oder so ähnlich Legion. Ich möchte sie in Zukunft sammeln, ebenso Geschichten von verhinderter Rückkehr nach Elternzeit. Diesem Drama, das in der Politik kleingeredet wird Sichtbarkeit verschaffen. Wenn ihr mir Eure Geschichte schreiben wollt, schickt mir Post an gluecklichscheitern@gmail.com.

Bis dahin stehe ich zu meinen Kindern, im Leben sowieso, im Lebenslauf ab jetzt auch.

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P.S.: Manche können es ich auch gar nicht leisten, ihre Kinder zu „verschweigen“. Entweder, weil die Lücken im Lebenslauf zu groß sind oder weil die Rahmenbedingungen eine_n verständnisvolle_n Arbeitgeber_in nötig machen.

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Wie mein Kind ein Junge wurde – Part 2

Minime ist inzwischen dreieinhalb. Vor gut einem Jahr beschrieb ich meine Beobachtungen, wie aus ihm ein Junge gemacht wird: Durch Interpretation seines Verhaltens, Auswahl seiner Geschenke und Anziehsachen und so weiter. Inzwischen ist Minime ein kleiner Mensch, der durchaus selber kommunizieren kann und ich sehe plötzlich, dass es nicht nur „Erwartungen“ sind, die an ihn heran getragen werden, ich sehe oft deutlich, wie seine Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden, wenn sie nicht den geschlechtsspezifischen Anforderungen entsprechen. Oft tut es mir richtig weh, wenn ich sehe, wie er versucht, einen Wunsch oder ein Bedürfnis zu formulieren und dieses ignoriert, übergangen oder lächerlich gemacht wird. Ein paar konkrete Beispiele:

Im Schuhladen. Winterschuhe stehen auf dem Einkaufszettel. Wir sind in einem kleinen Laden für Kinderschuhe. Minime hat wenig Interesse, die Schuhe anzuprobieren, ihm gefallen scheinbar die tristen (Jungs!)Farben nicht. Neben ihm sitzt ein ca. 8 Jahre altes Mädchen und probiert Turnschläppchen an, wie wir (Mädchen) sie früher im Turnunterricht trugen. Mit Glitzer! Minime war fasziniert. „Ich will auch Glitzerschuhe!“ Ich merke sofort: Ich komm aus diesem Laden nicht raus und kriege ihn auch nicht dazu, was anderes anzuprobieren, bevor er solche Schuhe hat. Ich wende mich also an die Verkäuferin. Ihr Gesichtsausdruck überrascht mich: Sie wirkt peinlich berührt und versucht Minime zu überreden: „Aber probier doch hier mal die Schuhe, die sind besonders cool!“ Wie vermutet interessiert sich Minime grade nur noch für diese Glitzerschuhe. Ich sage „Ist schon ok, haben sie welche in seiner Größe?“ Jetzt kann ich den Gesichtsausdruck der Verkäuferin nicht mehr deuten. Glaubt sie, ich mein das nicht ernst? Ist sie verwirrt, schockiert? Sie versucht noch ein schwaches, an Minime gerichtetes „Komm, ich zeig Dir noch kurz…“ aber Minime steht schon wie versteinert vor dem Mädchen, dass die Glitzerschuhe anhat. Mit wunderschönen Glitzerschuhen verlassen wir doch noch den Laden.

Beim Kinderschminken. Minime möchte ein Schmetterling werden. Das sagt er, laut und deutlich. Der junge Mann, bei dem er sich zum Schminken anstellt, schaut – ja wie. Verdutzt? „Hier guck mal, möchtest Du ein Pirat sein?“ (Er deutet auf seine Vorlage). „Nein, ein Schmetterling!“ „Oder hier, hier habe ich einen Bären!“ Jetzt ist Minime überfordert. Er schaut wirklich so, als wenn er sich fragte, warum sein Gegenüber ihn nicht versteht. Ich werfe also ein: „Er möchte ein Schmetterling sein“ – Vielleicht braucht der junge Mann diese Legitimation meinerseits, aber endlich fängt er an, aus Minime einen Schmetterling zu machen.

Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Nikolaus waren wir bei Freunden zu einer Nikolausfeier. Die Eltern brachten kleine Geschenke mit, die in einen großen Beutel gesteckt wurden, die der „Nikolaus“ später verteilen sollte. Für Minime hatte ich ein Buch. Die Mädchen in der Runde bekamen fast ausnahmslos Feen und Pferde aus der Playmobil-Serie. Minime war hin-und-weg. Sein Buch fand er zwar auch toll, aber erst mal wollte er mit Feen und Pferden spielen. Es war gar nicht leicht, jemanden zu finden, der bereit ist, ihm Weihnachten eine kleine Fee mit Pferd zu schenken (wir hatten unsere Geschenke schon zusammen, sonst hätte ich es einfach selber gemacht).

Im Kindergarten. Ich hole Minime ab. Die Erzieherin und die Kita-Leiterin stehen neben uns und unterhalten sich über die kaputte Telefonanlage und wie sie weiter verfahren werden. Die Erzieherin sagt, sie würde noch einmal probieren, den Stecker rauszuziehen und wieder rein zu tun, ansonsten würde sie den Techniker anrufen. Die Kita-Leiterin dreht sich lachend um und ruft: „Ja ja, Frauen und Technik!“ Minime starrt ihr hinterher.

Die Liste ließe sich endlos weiter führen. Minime hat inzwischen ein Gespür dafür entwickelt, was „Mädchen“ und „Jungen“ dürfen. Er scheint zu verstehen, dass bestimmte Sachen und Verhaltensweisen für Mädchen ODER Jungen sind. Dann sagt er zum Beispiel: „Mama, ich bin jetzt ein Mädchen“, wenn er Haarspangen möchte. Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option „ich bin ein Mädchen“ einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.

Fortsetzung: Der Tag, an dem die rosa Brotdose meines Sohnes zu Hause bleiben musste.

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KonsensKarneval – Mein Kostüm ist keine Einladung!

Mitten in den Sommerferien denkt vielleicht grade Keine_r an Karneval bzw. Fasching. Aber Kampagnen brauchen etwas Vorlaufzeit und ich nutze grade die Zeit, in der ich zwei freie Hände habe um an einer zu arbeiten: KonsensKarneval – eine Präventionskampagne gegen sexuelle Übergriffe während der Karnevals-/Faschingsaktivitäten, die sich nicht an die möglichen „Opfer“, sondern an die Täter richtet.

Bisher heißt es auch während der Karnevalszeit an die Frauen gerichtet: „Zieh Dich nicht zu sexy an!“ (Und wenn doch wunder Dich nicht, wenn Du blöd angemacht, begrapscht oder eben Schlimmeres wirst), „Geh nicht alleine!“, „Trink nicht zu viel“ und so weiter.

Es wird Zeit, den Fokus auf die zu richten, die Übergriffe begehen und auch: ermöglichen.

The only thing that causes rape: rapists

The only thing that causes rape: rapists

(Übersetzung: „Sachen, die Vergewaltigungen verursachen: – flirten, – was ich anhabe, – zu viel Alkohol, + Vergewaltiger)

Die Kampagne könnte noch Unterstützung brauchen: Ideen für Slogans, Erfahrungsberichte (oder tweets unter #konsenskarneval), Fotos mit Euch im Kostüm und Schildchen „Mein Kostüm ist keine Einladung“ – was immer Euch einfällt.

Natürlich gibt’s auch eine facebook-Seite und einen twitter-Account (@konsenskarneval) sowie eine E-Mail Adresse für Anfragen/Einsendungen: konsens.karnevalATgmailPUNKTcom

Auch sonst freu ich mich über Euer Feedback!

Familie, Feminismus, Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 5: Eine unmögliche Beziehung?

Meine Freundin Nadine kennt ihr vielleicht schon von ihrem Blog „fashion, baby“ – dort schreibt sie über den Alltag mit Kind, Mode für Groß und Klein und ihre (Dienst! *Neid*)Reisen. Hier ihre Gedanken zum Thema meiner Interviewreihe:

Ich behaupte, dass die Mutterschaft für viele Frauen die erste Begegnung mit der Notwendigkeit zum Feminismus überhaupt ist.

Klar sind wir als Kinderlose alle irrsinnig moderne Frauen – und moderne Frauen sind doch automatisch emanzipiert (welch altmodisches Wort) und damit Feministinnen. Schließlich gehen wir arbeiten, und mehr als das, wir stehen im Beruf unseren Mann (eine Formulierung, die sich hartnäckig hält, als wäre die Orientierung an der Arbeit des Mannes die einzig wertige Messgröße). Manchmal recken wir sogar triumphierend die Faust in die Höhe, wenn wir uns im Job mal gegen reaktionäre Vorurteile und althergebrachte Verhaltensweisen so richtig durchgesetzt haben und sagen „das lass ich mir von dir nicht gefallen, du Mann, du!“.

Wir haben Beziehungen auf Augenhöhe, auch wenn der Partner in der Praxis häufig nur den Müll rausbringt und im Sommer die Steaks auf dem Grill wendet, bei der restlichen Hausarbeit aber eher geringfügig beschäftigt ist. Wir sind gut ausgebildet, reisen um die Welt und treffen wen wir wollen wann wir es wollen. Bei all dem glauben wir, die völlige Gleichberechtigung der Frau sei längst Realität und alles, wofür die Frauen früherer Generationen gekämpft haben erreicht.

Und dann werden wir schwanger.

Das Mantra der (erstmalig) Schwangeren lautet „Es bleibt alles wie es ist!“ (später ersetzt durch „es ist alles eine Phase!“). Wir wollen so cool bleiben wie vorher, werden weiterhin eine gute Freundin sein, natürlich nachts durch die Clubs tingeln („schließlich hat das Baby ja einen Vater!“) und natürlich nach spätestens einem Jahr wieder in den Beruf einsteigen. Wie genau insbesondere letzteres von statten gehen soll überlassen wir gerne dem Zufall – und begehen damit den ersten Fehler. Denn wir haben uns ja bislang viele Jahre lang in unseren Jobs bewiesen, glauben, dass unsere Arbeitgeber uns kennen und schätzen und dies natürlich auch weiterhin tun werden, wenn wir in Teilzeit und ohne klaren Plan wieder in den Beruf zurückkehren. Und sind dann überrascht, wenn das nicht der Fall ist, obwohl Arbeiten für eine Mama ganz klar das neue Frei ist. Dabei passiert es doch gar nicht so oft, dass unser Babysitter ausfällt, das Kind krank wird und/ oder wir selbst, wenn wir zu müde sind, um unsere Arbeit jeden Tag mit dem gleichen Elan zu tun wie vorher, auch weil wir wissen, dass dies nur die erste Schicht eines langen Tages ist.

Wenn uns die Kollegen nämlich ein neidisches „ach, schon frei?“ hinterher rufen wenn wir deutlich vor 18 Uhr das Büro verlassen, wissen wir selbst nämlich, dass zu Hause niemand die Tonnen Wäsche gewaschen hat, die mit Kind wundersamerweise nie weniger werden. Dass niemand eingekauft hat, niemand neue Hosen für das Kind gekauft hat, weil es aus den alten schon wieder rausgewachsen ist. Niemand hat einen Termin für die nächste U gemacht hat, niemand das Paket zur Post gebracht, und die Frage „Sekt oder Selters?“ beantwortet sich von selbst wenn man Abend für Abend am liebsten um 20 Uhr gemeinsam mit seinem Kind ins Bett sinken würde.

Wie konnte es soweit kommen?

Nun, zum einen sagt einem niemand vorher wie sehr man dieses kleine Wesen, das man so (relativ) nonchalant im Bauch herumgetragen hat lieben wird. So sehr, dass man nicht mehr ohne es sein will, dass Freundschaften und selbst die Partnerschaft in den Hintergrund treten vor dieser neuen, großen Liebe.

Dann die ganzen Zwänge, de facto, eingebildet oder selbst geschaffen. Man ist nämlich mit einem kleinen Kind tatsächlich nicht mehr so flexibel und mobil wie vorher. Klar, vieles geht im Prinzip schon, so wir uns das vorher ja auch überlegt hatten. Aber dabei hatten wir übersehen, dass wir es ja nicht mit einem Gegenstand zu tun haben, sondern mit einem kleinen, hilfsbedürftigen und manchmal ganz schön nervigen Menschen. Und dann geht man eben doch nicht mit dem Baby im Tuch zum Konzert, weil es sich zu wuselig anfühlt, und sowieso zu laut ist. Und man tanzt auch nicht mit der Freundin die Nächte durch, weil man einfach keinen weiteren Müdigkeitsfaktor mehr ertragen kann, Elternzeit hin oder her. Ausschlafen war früher.

Auf einmal steht man auch vor völlig neuen Herausforderungen. Stillen oder nicht? Tragetuch oder Kinderwagen? Und was ist überhaupt Attachment Parenting? Ich behaupte, wenn Frauen sich mit der gleichen Energie, die sie dabei aufwenden zum Beispiel das Stillthema im Netz zu kommentieren, ihren Karriereplänen widmen würden, stünde es um die Rolle der Frau in Führungspositionen in Deutschland deutlich besser.

Nun hat man ja, wie bereits vielfach beschworen, im Allgemeinen noch eine zweite Person am Start. Diese Person nennt sich nun Papa, liebt uns – warum sonst hätte er mit uns ein Kind gemacht? – und ist immer für uns da. Leider beinhaltet dies nicht unbedingt, dass er auch da ist, also physisch. Denn wenn wir uns auf die Rolle der Teilzeitmutti zurückziehen (weil wir das so wollen, nicht weil wir in irgendwelche Rollenklischees verfallen wären, neeeeee!), muss ja schließlich auch einer fürs Geld sorgen. Und da kommt er, der böse Satz: „Mein Partner verdient ja ohnehin mehr als ich, also geht er arbeiten und ich bleibe zu Hause.“. Ich will da nicht einfach drüber hinweg gehen, schließlich ist Geld kein überflüssiger Luxus. Trotzdem, eins ist sicher: Mit dieser Haltung bleibt der Mann derjenige, der mehr verdient, und spätestens ab dem zweiten Kind ist die klassische Rollenverteilung verfestigt, mit allem was dazu gehört.

Und dann ist es passiert, man ist eine von diesen „Muttis“, eine von denen, wie die man nie werden wollte. Es ging schnell, lautlos und hat nicht mal wehgetan. Denn man hat ja auch etwas bekommen: Viele schöne Stunden mit dem Kind, Vormittage mit den neuen Krabbelgruppenfreundinnen beim Brunch, Sommernachmittage mit den Füßen im Spielplatzsand. Das Leben mit Kind ist schön, manchmal verführerisch schön, so dass das fröhliche Kindergelächter ganz leicht die kleine Stimme übertönt, die sagt: „Du hast nicht mehr die gleichen Rechte wie früher, aber dafür viel mehr Pflichten. Ist das gerecht? Warum lässt du das zu?“.

Und dann wird eben nicht dafür gekämpft, dass sich etwas ändert. Nicht beim Partner, dass er mehr übernimmt, als während der zweimonatigen Elternzeit das Kinderzimmer mit Biofarbe zu streichen, nicht beim Arbeitgeber, damit er qualifizierte Arbeit zulässt und auch bezahlt, obwohl man um 13 Uhr gehen muss und vor allem nicht bei sich selbst. Denn man hat es ja so gewollt und schließlich gibt es nichts auf der Welt was einen so glücklich macht wie das eigene Kind.

Mit Feminismus hat das leider nichts zu tun, so wie es das Leben „davor“ auch nicht hatte, denn worauf man mal so stolz war, ist längst gesellschaftliche Selbstverständlichkeit.

Deshalb bedeutet Mutterschaft vielleicht zum ersten Mal, dass wir wirklich für unsere Rechte kämpfen müssen – und wenn wir das tun, dann werden wir auch etwas erreichen. Kämpfen heißt übrigens nicht unbedingt auch gewinnen. Es ist anstrengend und man wird manchmal verletzt. Trotzdem: Ich glaube fest daran, dass man Mutter sein und Mensch bleiben kann, aber von selbst geschieht das ganz sicher nicht.