Browsing Category

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus & Mutterschaft 14: Muttersein ist nicht genug

Hier ein Gastbeitrag von Mamischreibt:

MUTTERSEIN IST NICHT GENUG

Ich wollte nie Kinder haben. Ich gebe es zu, ich gehörte zu den Frauen, die Kindergeschrei immer eher als lästig empfunden haben und die sich nie vorstellen konnten, jemals ein Kind zu haben. Ich wollte nie zu den verlassenen Frauen gehören, die dann allein mit ihrem Kind zurück bleiben und ihr gesamtes Leben nur noch ihrem Nachwuchs widmen. Nicht, weil ich es nicht könnte, nicht, weil ich mir das nicht zutrauen würde.

Aber die Entscheidung für ein Kind träfe nicht ich alleine, also sollte auch die Versorgung gleichermaßen gleichberechtigt ablaufen und nicht eine/r alleine verantwortlich sein, sollte die Beziehung doch in die Brüche gehen. Natürlich gibt es auch Partnerschaften, die halten, aber als generell pessimistisch eingestellter Mensch würde ich sicherlich niemals eine solche erleben. Thema abgehakt.

Und dann kam er. Er stand einfach vor mir. Mein Traummann. Stark und einfühlsam und bereits Vater einer Tochter, die bei ihm lebte. Ein Mann, der nicht nur Mann und Partner ist, sondern eben auch leidenschaftlicher Vater trotz dessen, dass das Verhältnis zur Ex und Mutter des Kindes mehr als schlecht ist. So schnell konnten wir gar nicht schauen, da war das gemeinsame Kind Thema und ich wurde schwanger, viel schneller, als es eigentlich geplant war und trotzdem konnte uns alles nicht schnell genug gehen, so sehr wünschten wir uns ein Kind.

Es fühlte sich richtig an, es fühlte sich gut an und ich wusste, selbst wenn unsere Beziehung irgendwann tatsächlich scheitern sollte – ich erwähnte bereits, dass ich ein generell pessimistisch eingestellter Mensch bin – stünde ich nicht mit dem Kind alleine da. Getrennt von meinem Partner ja, aber nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Kindsvater für das Kind verantwortlich, es liebend und unterstützend.

Ich, die Bedürfniserfüllungsmaschine

Und dann kam er, mein kleiner, süßer, unglaublich entzückender Sohn, und mit ihm das Gefühl des Alleingelassenseins, das Gefühl der Fremdbestimmung, das Gefühl, nicht mehr Frau meines eigenen Körpers, meiner eigenen Gedanken, meiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu sein. Stattdessen bin ich eine Bedürfniserfüllungsmaschine für meinen kleinen Sohn geworden und kämpfe mit einem wahnsinnig familienunfreundlichen System, einem System, das darauf aufgebaut ist, dass die Mutter sich kümmert. Immer. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vierzig Stunden am Tag, zehn Tage die Woche.

Müdigkeit? Kennt eine Mutter nicht. Krankheit? Alle Viren und Bakterien prallen wie an einem unsichtbaren Schutzschild von der Mutter ab. Arbeitswunsch? Eine Mutter hat keinen Arbeitswunsch, denn eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter ist eine … Ihr versteht schon. Der Vater? Der ist nicht so wirklich eingeplant – höchstens als Geldbeschaffer.

Es ist als hätte ich als Frau, als Mensch, als Individuum all meine Wünsche und Träume und Seinszustände an der Tür des Krankenhauses abgegeben und wäre mit dem Stempel „MUTTER“ wieder nach Hause gekommen. Und da bin ich nun. Zu Hause. Mit meinem zuckersüßen, wundervollen Sohn. Und ich bin zu Hause und zu Hause und zu Hause und erlebe das erste Mal in meinem Leben, wie es ist, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, weil ich nichts anderes mehr denken darf, als Baby! Wie sehr beneide ich meinen Freund, der zur Arbeit gehen kann, der Konversation mit Kollegen hat, der Abends Meetings hat, während ich zu Hause bin und die Entwicklungsfortschritte meines Sohnes beobachte und dankbar bin, dass ich gerade nicht krank bin.

Der Unterstützungsmythos

Und was ist, wenn ich doch mal krank bin? „Holt euch Unterstützung!“ heißt es immer. Toller Vorschlag! Und woher? Wie genau soll denn diese Unterstützung aussehen? „Jemand der mit dem Kind rausgeht!“ Hervorragender Vorschlag! Und wer soll das sein? Den allermeisten Menschen geht es doch so, wie meinem Partner: die gehen tagsüber arbeiten und haben keine Möglichkeit, mir mal den Kleinen abzunehmen!

Es ist tatsächlich so, es gibt in meinem Umfeld niemanden, der mal vorbei kommen könnte, und sich im Notfall mal um den Kleinen kümmern könnte. Aber glücklicherweise werde ich sojemanden ja auch nie brauchen, immerhin gibt es ja besagtes Viren- und Bakterienschutzschild. Sollte das doch einmal versagen, so hat das egal zu sein, denn ich kümmere mich, muss mich kümmern, weil es sonst niemand macht.

Und dann sitze ich mit meinem hundertsten Nervenzusammenbruch in einer Ecke, während mein kleiner Sohn in den Armen seines Vaters schreit und mein wundervoller Partner kommt zu mir und sagt: deshalb machen wir das doch zusammen! Ja, wir machen das zusammen. Aber machen wir es auch gleichberechtigt? Wir haben in vielen Dingen bereits wundervolle Modi gefunden, die für uns gut funktionieren. Wir haben die Nächte aufgeteilt, so dass jeder von uns zu Schlaf kommt, wir haben Auszeiten eingerichtet, in der jeder von uns die Möglichkeit hat, etwas babyfreie Zeit zu verbringen und ich bin dankbar und froh, dass mein wundervoller Traummann die Möglichkeit hat, sich gerade so viel Zeit für uns zu nehmen und mich zu unterstützen.

Trotzdem fühle ich mich allein gelassen und auf mein Mutterdasein beschränkt. Ich möchte auch arbeiten, ich möchte mich auch verwirklichen, ich möchte auch auf Meetings gehen, ich möchte auch wunderbare Projekte leiten und durchführen … Während das bei einem Mann überhaupt kein Problem ist, stehe ich jetzt in einer Existenz, in der ich so nie sein wollte, in der ich jetzt aber wohl noch länger sein werde, als ursprünglich geplant, weil Vater sehrschlau Staat dafür gesorgt hat, dass ich mein Kind erst einmal nicht in eine Betreuungseinrichtung geben kann, weil es schlicht nicht genug Plätze gibt. Und einen privaten Kindergarten oder gar eine Nanny kann sich halt auch nicht jeder leisten. Verdammt, irgendwie müsste das doch alles viel leichter gehen!

Von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung

Statt leicht scheint es an jeder Stelle schwer zu sein und überall begegne ich plötzlich Fremdbestimmung, wo ich früher einfach nur ICH war. Der Staat bestimmt meine Arzttermine seit der Schwangerschaft, der Staat bestimmt, wann ich wieder arbeiten kann, der Staat bestimmt, wie lange meine Auszeit mit dem Baby ist. Und mein Baby bestimmt den Rest. Als immer selbstbestimmte Frau, die sich alles in ihrem Leben selbst erarbeitet hat, die alles in ihrem Leben selbst erkämpft hat, die jeden Selbstverteidigungskurs mitgenommen hat, die sie kriegen konnte, lebe ich jetzt voll und ganz FÜR einen anderen Menschen, lasse mich von einem kleinen Wesen schlagen und kratzen und beißen und den Tagesablauf von ihm bestimmen.

Das fühlt sich nicht immer richtig an, das fühlt sich nicht immer gut an, das fühlt sich manchmal so an, als wäre es nur zu ertragen, wenn ich einfach funktioniere und nicht darüber nachdenke, dass es neben meinem Mutterdasein noch ganz andere Fassetten in meinem Leben gibt. „Genieße die Zeit!“ sagt mir jeder. „Das geht alles so schnell vorbei!“ sagt mir jeder. Und ich verstehe natürlich, was sie meinen, aber auch die schnellstvorbeigehende Zeit kann manchmal zu lange dauern, wenn man keine Kraft mehr hat zu kämpfen für ein kleines bisschen ich-sein abseits des 24/7 wir-seins. Denn eine Mutter ist eine Mutter und existiert nur in symbiotischer Mehrsamkeit mit ihren Kindern. NICHT!

Besinnen auf unser ICH

Ich bin keine symbiotische Einheit mit meinem Sohn. Ich bin ein Individuum, genauso wie mein Sohn ein eigenständiger Mensch ist. Seit ich Mama bin, spüre ich das umso mehr. Und ich habe den Wunsch, mir meine Selbstbestimmung zurück zu erobern, zurück zu erkämpfen. Nicht gegen meinen Sohn, sondern FÜR mich! Denn um eine gute Mutter sein zu können, muss ich mich selbst wahrnehmen dürfen und diese Zeit, in der ich ganz Mutter bin, wird mir zeigen, was mir abseits meiner Familie sonst noch wichtig ist im Leben und was ich noch zusätzlich brauche, um mich glücklich, ausgeglichen und selbstbestimmt zu fühlen. Ich versuche mein Mama-Sein anzunehmen und mich in Geduld zu üben, nicht zu viel auf einmal zu wollen, die Momente mit meinem Kleinen intensiv zu genießen und mein Mamaherz ganz aufgehen zu lassen. Alle anderen Herzen in meiner Brust werden früh genug wieder einen Rhythmus bekommen, in dem sie schlagen können. Das System für sich nutzen und Chancen zur richtigen Zeit am richtigen Ort ergreifen – das war schon immer meine Stärke und das wird früh genug kommen und mich wieder in mein ICH zurück katapultieren.

Ein ICH um eine wichtige Instanz erweitert: mein Mama-Sein. Früh genug, werde ich mir meine Selbstbestimmung wieder zurück erobern in ständiger Kompromissbereitschaft mit meinem Partner, meinem Sohn, meiner Familie. Denn wenn ich etwas Wichtiges in dieser Zeit gelernt habe: ich bin nicht mehr alleine, sondern angekommen in einer Familie, in der es verschiedene Bedürfnisfaktoren gibt, die alle berechtigt sind und die es alle gilt anzuhören, wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Dann wird jedes ICH in der Familie einen Platz finden und Raum zu leben, dann kann man sich als Familie unterstützen und gemeinsam für die Dinge kämpfen, die wichtig sind. Erst dann ist Gleichberechtigung überhaupt möglich, die ich nicht nur für mich einfordern kann, sondern die es für alle einzuräumen gilt. Damit sich niemand in unserer Familie alleingelassen und im Stich gelassen fühlt, damit niemand in der Familie das Gefühl hat, keine Unterstützung zu erhalten, damit jeder abseits des Wir-Gefühls auch ein Ich-Gefühl leben darf.

_______

Hier geht es zu

Teil 1: Finnland vs. Deutschland

Teil 2: Dann doch lieber kinderlos?

Teil 3: Wenn die eigenen Rollenbilder nicht der Mehrheit entsprechen

Teil 4: Den Rollenerwartungen widersprechen

Teil 5: Feminismus und Mutterschaft – eine unmögliche Beziehung?

Teil 6: Zwischen Job und Kind zerrissen

Teil 7: Selbstverwirklichung und Muttersein schließen sich nicht aus

Teil 8: Den jungen Menschen durch die Welt navigieren

Teil 9: Für eine Gesellschaft, in der Väter so sehr Elternteil sind wie Mütter

Teil 10: Mehr Solidarität und Unterstützung

Teil 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Teil 12: Es gibt zu viele Beispiele dafür, dass Mütter entmündigt wurden

Teil 13:  Damit die Kinder sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entfalten können

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus und Mutterschaft 13: Damit die Kinder sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entfalten können

Ich freue mich heute wieder ein Interview über Feminismus und Mutterschaft für euch zu haben! Frau Rabe ist mir zuerst auf twitter lieb geworden und dann wohnt sie dort, wo ich mein Auslandssemester gemacht habe, im schönen Norwegen…<3

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Ich nenne mich Frau Rabe, ich heiße auch tatsächlich mit Nachnamen so, mein Vorname ist allerdings nicht Frau.(Und sie bloggt auf Rabensalat einen tollen Tagebuchblog muss die Interviewerin hier ergänzen)

Frau Rabe von Rabensalat.blog

Frau Rabe

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ja, ich habe zwei Kinder: Michel ist jetzt viereinhalb und Pippi ist etwas über anderthalb. Kinder wollte ich schon immer, auch gerne „früh“ (Michel habe ich mit 27 bekommen und im Geburtsvorbereitungskurs war ich die Zweitjüngste). Letztlich ging es mit beiden Kindern dann nach Entschluss sehr fix, genau genommen hat eins den Entschluss nicht mal abgewartet, aber so ist eben das Leben: manchmal lässt es einem keine Zeit zum Grübeln.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Ja, also, wir sind verheiratet, wohnen zusammen, haben uns lieb und vor, das noch eine Weile so zu belassen. Für die Kinder ist er der allerbeste Papa, den man sich vorstellen kann.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Mein Mann und ich teilen uns die Sorgearbeit 50/50. So wollten wir es beide bevor die Kinder da waren und so wollen wir es immer noch.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Wir (erwerbs-)arbeiten beide Vollzeit, dazu gab es in dem Sinne keine Verhandlungen. Klar, es gab Gespräche in beiden Schwangerschaften, wer nach der Geburt wie lange zu Hause bleibt. Beim ersten Kind waren wir uns da sehr schnell einig, dass jeder 7 Monate Elternzeit nehmen würde. Beim zweiten Kind wollte ich gerne etwas länger (9 Monate) zu Hause bleiben, das sprachen wir einmal durch und dann war es auch in Ordnung für ihn. Dass die Kinder mit ungefähr einem Jahr in den Kindergarten kommen würden, sprachen wir auch kurz durch, waren uns aber auch da schnell einig. Ansonsten reden wir natürlich dauernd über Kleinigkeiten der Aufgabenverteilung: Wer geht mit Michel zum Schwimmkurs, wer kauft in der Zeit für die Woche ein. Sowas eben. Dass wir uns aber die Lohnarbeit und auch die Sorgearbeit teilen war schon lange vor den Kindern klar und ist irgendwie eine der Grundfesten unserer Beziehung.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Diese Frage ist unheimlich schwer zu beantworten, finde ich. Mutterschaft bedeutet für mich so vieles! Zuerst mal begleite ich meine Kinder beim Großwerden. Ich bin in allen Lebenslagen für sie da. Das ist eine riesige Verantwortung, an die ich mich erstmal gewöhnen musste: zusehen, dass die Kinder nicht nur irgendwie groß werden, sondern auch die Möglichkeit bekommen, sich entsprechend ihrer Vorlieben und Fähigkeiten entfalten zu können. Außerdem lege ich auch einen gewissen Wert darauf, dass sie nicht nur sich selbst entfalten sondern dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Rücksicht auf andere und deren Bedürfnisse nehmen. Allerdings sehe ich das alles nicht als meine alleinige Aufgabe als Mutter an, sondern als Aufgabe von Eltern allgemein und sogar auch als Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Insofern sehe ich da gar keinen Konflikt zum Feminismus, wie ich ihn lebe.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-Sein” leben zu können?

Ich möchte echte Entscheidungsfreiheit, für alle und bei allem. Zum Beispiel könnte ich in den USA glaube ich nicht gut leben, weil meine Vorstellungen vom „Karriere machen“ da vermutlich sehr mit meiner Vorstellung vom Mutter sein kollidieren würden. Die Kinder kaum wach zu sehen, weil ich immer arbeite, wäre nicht so mein Ding. Das ist aber meine Sicht der Dinge, die kann ja bei jeder anders aussehen! Ich wünsche mir einfach, dass jede so leben kann, wie sie möchte und das der damit verbundene gesellschaftliche Druck abgeschafft wird. Weg mit dem Rabenelternmythos und weg mit dem Glucken-Narrativ. (Überhaupt, wo kommen diese ganzen Vogel-Vergleiche her?)

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Fangen wir mal hinten an: mir ist wichtig, dass die Kinder nicht stereotyp rosahellblau gekleidet herumlaufen. Weil ich rosa und hellblau nämlich hässlich finde. Außerdem war mir beim Kauf von Michels Sachen schon klar, dass er kein Einzelkind bleiben sollte und alles im Zweifel doppelt kaufen, weil „man ja ’nem Mädchen kein blau anziehen kann“, sehe ich überhaupt nicht ein. Also bekam Michel schon hauptsächlich farbenfroh-bunte (rote, gelbe, grüne, orange, kräftig blaue…) Sachen und Pippi trägt die jetzt eben auf. Pippi hat auch einen rosa-lila-hellblau gestreiften Body – von Michel noch. Als Michel ein Kleid haben wollte, um das beim Kindertanzen zu tragen (weil „Zum Tanzen muss man ein Kleid anhaben!“) haben wir ihm eins gekauft und ihn das natürlich auch anziehen lassen. Pippi hat auch (einige wenige) Kleider, auf einem fahren Kaninchen Skateboard. Seit einiger Zeit hat Michel aber mehr Lust auf „typische Jungskleidung“, das lässt mich innerlich würgen, schon allein, dass er das so sagt, aber letztlich ist es seine Entscheidung, ich kann ihn ja nicht zwingen, im roten Marienkäferpulli in den Kindergarten zu gehen. Offenbar ist es im Moment für ihn ganz wichtig, sich als Junge mit allem, was ihm seine Peers so als dazu gehörend vorleben, zu definieren. Manche Sachen kaufe ich halt einfach nicht (armes Kind).

Mich erstaunt das bei Michel gar nicht mal so, ich war darauf vorbereitet, dass diese Phase irgendwann kommen würde. Trotzdem fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre ich mit viereinhalb Jahren des „Geschlechtsidentität definiert sich nicht über Körperteile und schon gar nicht über Farben“-Mantras kläglich gescheitert. Mir bleibt noch die Hoffnung, dass es bei beschreibenden Zuschreibungen bleibt und die Wertungen ausbleiben. Von mir aus kann das Kind gerne meinen, der blaue Badezusatz sei „nur für Jungs“, solange es nicht auch meint, dass Mädchen wegen des rosa Badezusatzes schlechter rechnen können oder sich wegen der langen Haare nicht als Managerin eignen. Das ist sowieso meine Hoffnung für die Zukunft: dass einfach jede*r sich wie auch immer kleiden und geben kann, ohne dass darauf ein Rattenschwanz an Wertungen folgt. Klischeehaft ausgedrückt: rosa Glitzer-Prinzessinnen als Vorstandsvorsitzende und breitschultrige, bärtige Kindergärtner.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Kaum. Leider. Liegt aber auch ein bisschen daran, dass ich in Norwegen wohne und da die Gleichberechtigung schon sehr viel weiter gediehen ist, was dazu geführt hat, dass viele den Feminismus als „nicht mehr so wichtig“ ansehen. Was einerseits super ist, andererseits furchtbar, aber das ist eine andere Geschichte, die aufzudröseln hier zu weit führen würde.

Unterstützung in Form von Zuspruch und Inspiration bekomme ich hauptsächlich durch Medien: feministische Bücher, Podcasts, Blogs und meine heiß geliebte Filterbubble.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Erstmal muss ich irgendwas arbeiten, um Essen auf den Tisch stellen zu können und die Wohnung warm zu bekommen. Da bin ich pragmatisch, im Moment ist das eben noch nötig. Mein Traum wäre es, nicht aus solchen Sachzwängen heraus arbeiten zu müssen, dann würde ich nämlich nur noch aus Spaß arbeiten. Ich würde aber wohl meinem Beruf oder etwas sehr artverwandtem weiter nachgehen, weil mir das Spaß macht, ich das gut kann und ich da viel Bestätigung erfahre. Die intrinsische Motivation zum Arbeiten ist also durchaus gegeben, unterstützt von der extrinsischen (Geld). Mir ist aber auch klar, dass ich da Glück habe, dass ich einen Job habe, der mich erfüllt und dessen Verdienst zum Leben gut reicht, das könnte auch anders sein. (Ach so: keinen eigenen Verdienst haben und finanziell von der Gunst meines Partners abhängig sein kam nienicht in die Tüte. Nicht mal kurz oder nur ein bisschen.)

 

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Puh, da sind noch ganz schön viele Spannungen. Zum einen ist da dieses große Missverständnis, dass Feminist*Innen sich nicht für Menschen, die sich vornehmlich um ihre Kinder kümmern, interessieren oder einsetzen. Da sind viele Vorurteile gegenüber dem Feminismus(TM), die zu betonen und zu wiederholen aber ja auch die Medien und die Politik und überhaupt alle nicht müde werden. Deshalb ziehen manche schon die Augenbraue hoch, wenn ich sage, ich sei Feministin. Zack, hat man den Männerhasserin-Stempel auf der Stirn. Dabei finde ich, mein Feminismus geht ganz prima überein mit meiner Vorstellung von Mutterschaft und auch andere Elternschaftskonzepte haben da ihren gleichberechtigten Platz. Als Feministin wünsche ich mir, dass die Entscheidung für mehr Familienarbeit und weniger Lohnarbeit nicht mehr auch eine Entscheidung für ein großes finanzielles Risiko und potentielle Alterarmut ist. Als Feministin wünsche ich mir außerdem, dass Menschen aufhören, bei der Wahl von Angestellten den Familienstand abzuklopfen. Ganz generell und im Speziellen den von Frauen*, zumindest solange die selben Menschen sich nicht davon befreien können, aus dem Familienstand auf die Fähigkeiten als Mitarbeiter*In zu schließen. Ich wünsche mir, dass aufgehört wird, die Nase zu rümpfen über Menschen die nicht Stillen/lange Stillen/nur kurz in Elternzeit gehen/sehr lange Elternzeit nehmen/Karriere machen/Holzschmuck bei Dawanda verkaufen/ihre Söhne Kleider anziehen lassen/ihre Söhne Kampfsport machen lassen. Generell einfach das Entkoppeln von Geschlecht und Wertung. Da ist noch viel zu tun, ich hoffe, mit meinen zwei feministisch aufwachsenden Menschlein meinen Teil dazu beizutragen.

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus und Mutterschaft 12: Es gibt in der Geschichte zu viele Beispiele dafür, wie ledige Mütter entmündigt wurden

Heute erzählt Cornelia über ihre Familiensituation, Feminismus und Mutterschaft:

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich habe zwei Kinder. Ich selber war lange Zeit Pflegekind in einer Familie, die aus drei Frauen und bis zu sieben Kindern bestanden hat. Der Entscheid für Kinder war ein sehr bewusster; ich wollte immer schon Kinder.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Der Vater meiner Kinder und ich sind geschieden. Er war schon vor der Trennung ein eher abwesender Vater, dementsprechend viel war ich mit den Kindern allein unterwegs. Aber er ist der Papa, und insofern heiss geliebt und sehr wichtig für die Kinder.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Wir teilen uns die Sorge. Geplant war 50/50 Betreuung, obwohl vor der Trennung ich hauptsächlich für Kinder geschaut habe. Ich habe immer teilzeit gearbeitet, und eine zeitlang war ich 100% zu hause weil er beruflich sehr eingespannt war.
Im Moment ist es so, dass ich 60% arbeite und wieder (immer noch) hauptsächlich zu den Kindern schaue. Er hat sie an zwei Abenden und jedes zweite Wochenende. Ich hätte mir das partnerschaftlicher gewünscht. Es ist noch nicht mal bloss die Zeit, die ich aufwende weil ich mehr betreue. Vielmehr wünschte ich mir jemanden, der mit erzieht, der mit trägt und entscheidet. Das bleibt irgendwie alles an mir hängen. Das empfinde ich als sehr anstrengend.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Ich lebe nicht in einer Partnerschaft. Als ich noch mit dem Vater meiner Kinder zusammen war, hatten wir die klassische Arbeitsteilung. Ich war bei der Trennung erst gegen eine 50/50 Betreuung, weil ich den Verdacht hatte, es ginge ihm bloss darum, weniger Unterhalt zahlen zu müssen. Ich hab dann eingewilligt, weil ich die Idee schön fand, dass die Kinder durch die  Trennung wenigstens mehr von ihrem Papa hätten.
Hat leider nicht geklappt.  Mich nervt das doppelt. Einerseits natürlich, weil es für mich Aufwand bedeutet, anderseits weil damit die Stereotypen einmal mehr gefestigt werden: Männer interessieren sich nicht für Kinderbetreuung. Der nächste Mann, der seine Kinder tatsächlich 50% betreuen möchte, wird es bei der Richterin, die unser Urteil abgesegnet hat, schwieriger haben.
Im Moment verhandeln wir Betreuungszeit und Unterhaltszahlungen. Weil ich mehr betreue, kann ich nicht so viel arbeiten, wie ich sollte. Da aber das Scheidungsurteil 50/50 und keinen Kinderunterhalt absegnet, muss ich das Urteil jetzt anfechten und belegen,  dass der Vater weniger betreut als vereinbart.
Für mich persönlich ist keines der Modelle mehr oder weniger feministisch. Mir war es wichtig, dass ich abgesichert bin (Bsp. Altersvorsorge), wenn ich 100% zu hause bleibe, und dass ich mich weiterbilden kann um fit zu sein für den beruflichen Wiedereinstieg.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Für mich war, wie gesagt, immer klar, dass ich mal Mutter werden möchte. Ich habe sehr unterschiedliche Mütter gehabt, die alle auf ihre Art Feministinnen waren: meine Pflegemütter, die auf eine Art und Weise zusammen gewohnt & Pflegekinder grossgezogen haben, die für ihre Zeit äusserst ungewöhnlich war. Sie haben das völlig unaufgeregt gemacht, und dabei doch einfach ihr Ding durchgezogen. Meine leibliche Mutter war ein Punk und politische Feministin. Ihr waren wir Kinder immer im Weg.
Sie alle sind einerseits Vorbild für mich, andererseits hat Muttersein für mich nichts mit Feminismus zu tun. Frau kann Mutter sein und Feministin, kinderlos und Feministin, oder eben Mutter oder kinderlos und keine Feministin.
Das feministische am Muttersein für mich ist vielleicht die Tatsache, dass ich meinen Kinder ein Vorbild sein möchte.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können?

Mütter brauchen finanzielle Unabhängigkeit, und das bedeutet für mich, dass sie Zugang zum Arbeitsmarkt brauchen. Soziale Systeme sind schön und gut, aber von denen abhängig zu sein birgt auch immer das Risiko, bevormundet zu werden. Es gibt in der Geschichte zu viele Beispiele dafür, wie ledige Mütter entmündigt wurden und werden. Wir müssen es Müttern ermöglichen, zu arbeiten, und zwar ohne das Drama der Vereinbarkeit. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und so weiter.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Ich möchte vor allem Vorbild sein und meinen Kindern Zugang zu Menschen ermöglichen, die ein Leben jenseits der 0815 Stereotypen leben. Ich habe in meinem Freundeskreis viele spannende Frauen (interessanterweise viele lesbische Frauen).  Ich pflege also bewusst den Kontakt zu Frauen und Männern, die sich jenseits der gängigen Stereotypen bewegen.
Vorbild versuche ich zu sein, indem ich Platz im öffentlichen Raum einnehme; ich gehe mit den Kindern auf den Sportplatz, und bin dort meist die einzige Mutter. Ich gehe mit ihnen allein ins Restaurant, ins Hotel..oft sind wir die einzige Familie, und überhaupt die einzige Eineltern-Familie.
Bei den Spielsachen und Kleidern ist es so, dass wir vieles eh nicht haben..diese ganzen Branding- Geschichten, Lilifee und so, das würd ich nicht unbedingt kaufen, ist hier aber auch nie Thema. Auch Barbie ist hier unbekannt, ich weiss eigentlich gar nicht, wieso. ich selber habe Barbie hingebungsvoll geliebt.
Ich möchte meine Kinder nicht in Rollen drängen, ich möchte, dass sie verstehen, ein Mädchen kann ganz in Pink daherkommen, und gleichzeitig Fussballfan oder Mathegenie sein. Oder ein Junge kann Rugby spieler sein, und weinen, wenn er traurig ist. Bis jetzt gelingt mir das glaub ganz gut. Ich überlese manchmal aktiv etwas beim Vorlesen von alten Klassikern, der Rest läuft irgendwie von selbst. Meine Tochter korrigiert mich jedenfalls schon, wenn ich aus versehen die männliche Form wähle, wenn ich zu ihr spreche.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Die Mütter in meinem Freundeskreis sind zwar interessiert an Feminismus, mit Mann und Kind aber ausgelastet und haben keine Zeit für ihr eigenes Leben, hab ich manchmal den Eindruck. Ich selber habe interessanterweise auch erst seit der Trennung Zeit für mich selber. Unterstützung hole ich mir in der Nachbarschaft, ich habe tolle Nachbarn und bin im Viertel gut vernetzt. Auch meine Familie und Freunde unterstützen mich.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Ich habe einen tollen Job, ich kann mich da einbringen, etwas bewegen, ich arbeite mit tollen Leuten zusammen, und ich bin ziemlich flexibel bezüglich Arbeitszeiten und Arbeitsort. Das ist ein Glücksfall. Ich bin aber auch hochmotiviert und ich bin der Meinung, Unternehmen sollten mehr Mütter einstellen. Michelle Binswanger schrieb mal sinngemäss, Mütter wären so froh, wenn sie flexible Arbeitsbedingungen hätten, sie wären dadurch die motiviertesten, loyalsten Mitarbeiterinnen. Das kann ich nur unterschreiben.
Dann, eben, Erwerbsarbeit als Tor zur finanziellen Unabhängigkeit. Wir können gegen Kapitalismus sein, wir können verlangen, dass Carearbeit fair bezahlt wird (eine wichtige Forderung!), und trotzdem: wer sein eigenes Geld hat, ist unabhängig. Kann sich Kinderbetreuung leisten, und ich rede nicht von der Kita, sondern vom Babysitter am Abend. Kann auch mal auswärts Essen (Platz im öffentlichen Raum einnehmen), kann sich weiterbilden, kann sich vom Partner trennen ohne finanzielle Risiken einzugehen, kann sich Hilfe leisten, etc.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Konflikte ergeben sich ja schon durch die Mutterschaft allein und die Ansprüche der Gesellschaft genug, auch ohne Feminismus. Ich glaube, schon das Aufmerksam machen auf diese Konflikte ist feministisch.


Wenn ihr noch bei der Interviewreihe mitmachen wollt schickt eine Mail an gluecklichscheitern@gmail.com – ich schick euch die Fragen zu!

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus & Mutterschaft 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Ich freue mich heute Sandra als Interviewpartnerin vorstellen zu dürfen, die auf ihrem Blog Aufeinmalfrei über Philosophie, Feminismus & Wirtschaft schreibt!

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Sandra – www.aufeinmalfrei.de

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich habe einen Sohn, er ist fünf Jahre alt und ich habe ihn während meines Studiums bekommen; es war also nicht ganz geplant.

Rückblickend war es aber ziemlich einfach Kind und Studium zu verbinden und beidem genug Zeit zu widmen.

Sandra von Aufeinmalfrei.de

Sandra vom Blog „Auf einmal frei“

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Der Papa spielt eine große Rolle. Unser Sohn lebt eine Woche bei ihm und eine Woche bei mir. Außerdem treffen wir uns – mit unseren neuen Partnern – immer sonntags zum Abendessen. Uns ist es wichtig, dass unser Sohn weiß, dass sich Mama und Papa gut verstehen, selbst wenn wir nicht alle in einer Wohnung leben. Zwischen uns hat sich seit der Trennung eine gute Freundschaft entwickelt. Wir waren auch letztes Jahr alle zusammen in Frankreich im Urlaub.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

 Mein neuer Partner kümmert sich ebenfalls um unseren Sohn. Dieses Modell – dass sich mehrere Personen (Papa, Mama, neue Partner, Großeltern etc.) um unser Kind kümmern – ist mir am liebsten, weil so jede_r Vollzeit arbeiten und jede_r seinen/ihren Interessen nachgehen kann. In unserem Frankreich Urlaub konnte ich zum Beispiel ganz entspannt surfen, weil ich wusste es kümmern sich zwei Personen um unseren Sohn und niemand fühlt sich alleine gelassen.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Seitdem der Papa und ich uns getrennt haben und wir alles 50/50 aufgeteilt haben gibt es keine Verhandlungen mehr. Es war nach der Trennung direkt klar, dass wir es 50/50 aufteilen, sobald ich mit meinem Studium fertig bin. Vor der Trennung gab es viele Diskussionen und Verhandlungen. Ich war mit der Situation überhaupt nicht zufrieden, weil wir durch die Geburt unseres Sohnes in die traditionellen Rollenmuster gefallen sind und ich damit gar nicht klargekommen bin.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

 Als unser Sohn klein war, stand mein Mutterdasein und Feminismus in einem starken Konflikt. Ich hatte das Gefühl nicht mehr als Sandra die Studentin, Surferin oder Frau wahrgenommen zu werden, sondern nur noch als Mutter, die nichts Interessantes mehr zu sagen hat. Außerdem haben viele Verwandte, Bekannte und Kita-Erzieherinnen hauptsächlich mich als Hauptbezugsperson gesehen und bestimmte Handlungen und Auskünfte von mir erwartet, während der Papa einfach weiterhin seinen gewohnten Weg gehen konnte.

Seit unser Sohn die Hälfte der Zeit beim Papa wohnt, ist der Konflikt zwischen Mutterschaft und Feminismus kleiner geworden. Ganz weg geht er wohl nie, weil es einfach noch zu viele Menschen gibt, die bestimmte Erwartungen an Mütter haben und einem schnell ein schlechtes Gewissen machen, sobald man diese Erwartungen nicht erfüllt.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können? 

 Eigentlich wollte ich immer zwei Kinder haben. Aber dafür müsste sich noch einiges auf dem Arbeitsmarkt und in den Köpfen der Arbeitgeber ändern. Eine Mutter wird noch zu oft als unflexible Arbeitnehmerin stigmatisiert. In meiner Bewerbungsphase musste ich immer wieder erklären, dass sich der Papa auch um unseren Sohn kümmert und auch zuhause bleibt, wenn er krank ist. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass mir nicht geglaubt wird. Ein Vater hätte in einem Bewerbungsgespräch nicht diese Probleme.
Es sollte außerdem akzeptabler sein, dass man als Eltern einen erfüllenden Job hat und sich auch noch um sein Kind kümmert, ohne dass man total gestresst ist. Ich plädiere deswegen für die 35-Stunden Woche. Wenn man nämlich mit Fahrzeiten pro Woche 60 Stunden mit Erwerbsarbeit beschäftig ist, ist es klar, dass viele Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten, kurz vor dem Burn Out stehen. Wir sollten also weg von der 40+ Stunden Arbeitswoche. Eltern sind sehr gut organisiert und ich habe es oft erlebt, dass ich in 35 Stunden genauso viel schaffe wie meine Kolleginnen in 40 Stunden.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Mir ist es wichtig, dass unser Sohn ein Verständnis für die Gleichstellung von Frauen und Männern bekommt. Ich denke dadurch, dass wir ihm die Gleichstellung mit unserem Modell vorleben und er damit aufwächst, wird er das verinnerlichen. Er interessiert sich auch gleichermaßen für Autos und Prinzessinnen und bekommt von beidem Spielzeug.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Ich bekomme viel Zuspruch von Freundinnen und Bekannten, die es gut finden, wie wir unsere Familie organsiert haben. Kurz nach der Trennung haben wir uns allerdings oft alleine gefühlt und uns oft gefragt, was die beste Entscheidung ist. Wir fanden kaum funktionierende Beispiele von 50/50 Aufteilungen und harmonischen Patchwork-Familien. Ich habe deswegen auch meinen Blog angefangen, weil ich mir viel „Unterstützung“ im Internet, auf Blogs und in Büchern zusammengesucht habe und unsere konkreten Umsetzungen gerne teilen möchte.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Mir ist Erwerbstätigkeit sehr wichtig. Ich habe direkt nach dem Studium angefangen zu arbeiten und es wäre für mich nicht in Frage gekommen zuhause zu bleiben. Mir war es in der Elternzeit schon zu langweilig.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Ich spüre oft das schlechte Gewissen, was einem gemacht wird, wenn ich sage, dass unser Sohn eine Woche beim Papa ist und ich diese Zeit genieße und viele Sachen für mich tun kann. Dann höre ich oft: „Waaaas, eine Woche ist er weg? Also, das könnte ich nicht.“ Auch hier ist es wieder so, dass Väter diese Aussagen nicht hören würden. Es denkt scheinbar niemand, dass Mütter doch genauso weiterhin ihre eigenen Interessen haben. Diese Interessen haben sich doch nicht mit der Geburt des Kindes über Nacht in Luft aufgelöst.

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 10: Mehr Solidarität und Unterstützung!

Ein Text von Kulturereignis , ein Blog über das Große im Kleinen

Neulich fiel mir das Buch „Feindbild Mutterglück: Warum Muttersein und Emanzipation kein Widerspruch ist“ von Antje Schmelcher in die Hände. Beim Querlesen war ich, trotz der ein oder anderen überlegenswerten Aussage darin, teilweise doch sehr befremdet – insbesondere, was ihren Zugang zur Genderthematik betrifft. Das Buch hat mich aber immerhin dazu gebracht, meine eigene Haltung zum Thema noch mal neu zu reflektieren. Und so kam der Aufruf zu diesem Beitrag genau zum richtigen Zeitpunkt.

 

Das Kind

Mein Mann und ich, wir haben einen dreijährigen Sohn. Er ist, wie man so schön sagt, ein absolutes Wunschkind, entsprechend haben wir uns damals bewusst dafür entschieden, Nachwuchs zu bekommen. Wie wahrscheinlich bei den meisten, war diese Entscheidung durchaus auch von Zweifeln geprägt:

Ist das jetzt der richtige Zeitpunkt? Sollen wir noch warten? Warten wir zu lange?

Klar, man weiß ja, den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht und so… aber diese Frage kommt automatisch, wenn man zumindest über die Verhütung einer Schwangerschaft selbstbestimmt entscheiden kann. Und es braucht vielleicht auch ein bisschen Anlauf, um von vielen Jahren „jetzt bloß nicht schwanger werden“ auf „jetzt aber schnell schwanger werden“ umzuschalten.

Zu klären war auch: Ein Kind – wollen wir das beide gleich stark? So etwas kann ja beziehungsgefährdend werden – ein ungleich stark ausgeprägter Kinderwunsch. Irgendwann war es mir, glaube ich, ein wenig wichtiger als meinem Mann. Der Klassiker: Ich war zwar Anfang dreißig, hörte aber doch langsam die berühmte biologische Uhr ticken. Wer weiß, wie lange das dauert, bis ich schwanger werde? Ob mein Körper das überhaupt kann? Wir haben dann bewusst darauf gewartet, dass mein Arbeitgeber mich entfristet – was länger dauerte, als gedacht, im Nachhinein aber die richtige Entscheidung war. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich sonst noch meinen Job hätte.

Eine wichtige Frage war auch: Habe ich, haben wir genug Kraft für die Elternschaft? Ich habe eine chronische Erkrankung, die mich schon lange begleitet und das vermutlich auch noch länger tun wird. Für mich war nicht absehbar, was das in einer Schwangerschaft und dann nach der Geburt, mit kleinem, bedürftigen Kind bedeuten würde. Ich hatte Angst davor, wünschte mir aber ein Kind, deshalb war ich mutig genug. Vielleicht war diese Ausgangssituation aber auch der Grund dafür, dass ich schon in unseren Gesprächen vor der Schwangerschaft mit meinem Mann zusammen abglich, was ich und was wir brauchen, damit es mit uns und Kind als Familie funktionieren würde: Er kannte mich ja schon eine Weile und wusste, ich würde manchmal vielleicht mehr Unterstützung brauchen als die ein oder andere – wobei mein Anliegen nach wie vor ist, das so wenig wie möglich einzufordern. Ob das nun gesund ist, sei mal dahingestellt. Uns war auch klar, dass sich der bisherige Reiseanteil im Job meines Mannes in jedem Fall nicht erhöhen sollte.

Ich glaube, wir haben damals ziemlich viel im Vorfeld besprochen: Wie wir es mit der Hausarbeit halten würden, wer wann und wie lange Elternzeit nehmen sollte… das war gut, denn so blieb uns später, als unser Sohn dann tatsächlich bei uns war, die ein oder andere Überraschung erspart. Genügend andere zu bearbeitende Themen poppen dann ja ohnehin noch auf.

Der Mann

Gerade war ich versucht zu schreiben, ich habe „Glück“ mit meinem Mann und seiner Rolle in unserer Familie. Beim Tippen spürte ich aber, wie mir ein Petticoat aus der Hüfte wuchs, deswegen habe ich das schnell wieder gelöscht. Ja, natürlich habe ich Glück, denn er ist klug und nett und lustig und fürsorglich und verlässlich und hat mich außerdem auch noch gern, glaube ich. Dass er sich aber auch um unseren Sohn kümmert, putzt und regelmäßig die Wäsche zusammenlegt, würde ich eher als wünschenswerten Normalzustand bezeichnen. Ich honoriere das durchaus, wie er es auch bei mir tut, aber das Ganze rutscht doch schnell in eine merkwürdige Schiene, wenn man es vor dem Hintergrund der Männer- und Vaterrolle thematisiert.

Derzeit wird für mich allerdings noch einmal wirklich deutlich, dass mein Mann sich sehr bereitwillig für uns als Familie einsetzt: Vor einigen Monaten musste unsere Tagesmutter aus gesundheitlichen Gründen die Betreuung für unseren Sohn aufgeben. Das war ein ziemlicher Einschnitt für uns alle, weil wir so schnell niemand Neues auftreiben konnten und auch kein Kitaplatz in Sicht war. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch einige Probleme mehr, und schon da war sofort spürbar: Ich muss das nicht alleine stemmen. Zwar bin ich klassisch diejenige, die Teilzeit arbeitet, aber mein Mann versuchte gleichermaßen, Betreuungslücken und die Situation aufzufangen. Auch unsere Familien helfen aus, sie wohnen aber beide nicht wirklich in der Nähe, und hätten mein Mann und ich hier nicht als Team funktioniert, wäre es wirklich schwierig geworden. Bis wir im Sommer einen Kitaplatz haben, ist unser Sohn nun bei uns zu Hause und einen Tag in der Woche bei den Großeltern. Dafür habe ich meine Stundenzahl im Job reduziert, mein Mann nimmt dafür jede Woche mehrere hundert Kilometer Fahrzeit auf sich und hat seine Arbeitszeiten angepasst. Bei mir laufen zudem gerade parallel zum Job mehrere private Weiterbildungen, zum Teil sehr umfangreich. Mein Mann war sofort bereit, das zu unterstützen, was wiederum Einschränkungen in seiner Arbeitszeit, aber auch eine intensivere Betreuung unseres Sohnes zu den Fortbildungszeiten mit sich bringt. Ich weiß das sehr zu schätzen, das, und dass eine Weiterbildung ohne seine finanzielle Unterstützung gar nicht möglich wäre.

Die Sache mit dem Geld empfinde ich bei uns generell als sehr egalitär. Zwar haben wir auch ein gemeinsames Konto, wir tracken aber dauerhaft penibel alle unsere Kosten und Ausgaben, die dann nach dem aktuellen Einkommensschlüssel wieder aufgeteilt werden. Am Ende des Monats gibt es entsprechende Ausgleichzahlungen. Mittlerweile spielen in dieses Konglomerat noch Ratenzahlungen für Hauskredite, Altersvorsorge und mehr hinein – ohne die Liebe meines Mannes zu Exceltabellen wären wir wohl aufgeschmissen (da sind wir ganz klassisch verteilt: Ich hasse das Management von Geldangelegenheiten. Mein Mann hat immerhin zu Urzeiten mal eine Banklehre absolviert. Also sein Revier). Für uns funktioniert es aber gut, denn so können erst gar keine Diskussionen aufkommen, wer denn vielleicht zu oft das Klopapier bezahlen musste. Zudem haben wir mit der Geburt des Sohnes beschlossen, dass ich diejenige sein werde, die erst in Eltern- und dann in Teilzeit gehen würde. Auch ein Klassiker: Ich verdiene in meinem Job einfach weniger (Augen auf bei der Berufswahl). Mit unserem Modell besteht die Chance, dass es finanziell trotzdem fair für mich läuft.

Der Job

Wie schon angedeutet: Ich bin nach einem Jahr Elternzeit von einer Vollzeit- auf eine Halbzeitstelle gewechselt. Das war zum Glück problemlos möglich, sogar ohne Einbuße interessanter Arbeitsfelder. Tatsächlich ist es für mich persönlich derzeit nur schwer vorstellbar, Vollzeit zu arbeiten – Vollzeitmutterdasein hat mich zwar in der Elternzeit so auch nicht glücklich gemacht – aber Vollzeit im Erwerbsjob, das wäre im Moment einfach zu viel Zeit, die mir von meinem Kind abgezogen würde. Mein Mann hingegen arbeitet Vollzeit, was in finanzieller Hinsicht derzeit auch notwendig ist. So ok diese Regelung auch für mich ist – meine Träume sehen irgendwie anders aus. Und zwar ungefähr so:

Ich hätte gerne ausreichend Zeit für unser Kind, ohne es wegen Termindruck durch die Gegend hetzen zu müssen. Ich möchte viel Zeit mit ihm verbringen, möchte aber auch Zeit haben, um anderen Aufgaben und Interessen nachgehen zu können. Es wäre toll, wenn auch mein Mann nicht Vollzeit arbeiten müsste, sondern dafür ebenso noch mehr Zeit mit unserem Sohn hätte, wir uns also einerseits die Sorgearbeit stärker teilen könnten als bisher, andererseits aber auch mehr Zeit für uns gemeinsam als Familie bliebe. Und ja, ich würde mir wünschen, meine Familie wäre in der Nähe. Die Eltern meines Mannes wohnen rund 100 Kilometer entfernt, das ist eine noch machbare Strecke, bis zu meinen Eltern sind es 400 Kilometer. Mir wurde vor der Geburt prophezeit, dass ich mir oft wünschen würde, meine Eltern wohnten um die Ecke, und verdammt: Das stimmt. Es braucht einfach Menschen, die einen mit Kind unterstützen, die einem mal Zeit und Raum verschaffen, und es braucht mehr Bezugspersonen als allein die Mutter, und das dürfen dann gerne auch mehr als der Vater sein.

Ich habe im letzten Absatz unverhältnismäßig oft das Wort „Zeit“ benutzt. Aber so ist es halt: Zeit ist ein rares Gut und gleichzeitig so furchtbar wichtig, wenn man Kinder hat. Für einen selbst, aber auch für die Kinder. Slow Parenting und so…

Die Mutterschaft

Was bedeutet Mutterschaft für mich? Der Begriff „Mutter“ ist so unglaublich beladen, besetzt, mit Erwartungen angefüllt, finde ich. Man muss ja nur an Freud denken. Aber auch sonst: Wenn es um Mütter geht, schwingen oft gleichermaßen hehre Ideale und böse Beschimpfungen mit. Man bekommt ein Kind und steckt plötzlich mittendrin. Für mich ist dabei es keine Frage, ob ich gerne Mutter bin: Das bin ich, und ich bin fest davon überzeugt, dass Mutterschaft in keinem Konflikt zu einer feministischen Haltung stehen muss. Aber es ist fast schon ein Kampf, mich selbst aus meiner eigenen Perspektive heraus als Mutter zu definieren, bevor es nicht schon andere für mich getan haben.

Unter anderem spielen hier ja auch unterschiedliche Sichtweisen mehrerer Genrationen (und natürlich auch Kulturen) eine Rolle. Mir kommt dabei eine Situation bei meiner Schwiegerfamilie in den Sinn: Wir waren dort zu Besuch, es war der Abend des 24. Dezember. Und, das ist in der Familie meines Mannes gerne mal so: Der Beginn des Abendessens zog sich immer weiter nach hinten. Irgendwann war das Kind so müde, dass es ins Bett musste. Was bei unserem Sohn gerne mal heißt: Man liegt zusammen ein bis zwei Stunden im abgedunkelten Raum bevor er einschläft. Ich schlief in diesem Fall hungrig mit ein, was bedeutete: kein Abendessen für mich an diesem Heiligabend. Meine Schwiegermutter kommentierte das am nächsten Morgen mit dem Satz: „So ist das halt als junge Mutter!“

Mutter – ein entbehrungsreicher, aber bloß nicht zu beklagender Job! Wirst Du Mutter, zählst Du als Person mit Deinen Bedürfnissen erst einmal nicht mehr wirklich. Jemand muss zurückstecken? Mutti ist doch da!

Ich vermute, das ist in der Generation unserer Eltern trotz Aufbegehrens noch immer fest verwurzelt. Und mir kann keiner erzählen, dass es sich innerhalb einer weiteren Generation komplett verloren hat. Ich befürchte vielmehr, dass es zu einer Art Sprachlosigkeit hinsichtlich der Rolle von Müttern und Frauen gekommen ist, weil es eben nicht wirklich en vogue ist, über den adäquaten Umgang mit Frauen und Müttern zu sprechen. Braucht ja keiner mehr wirklich, diese feministischen Diskussionen der siebziger und achtziger Jahre. Und vielleicht braucht es die wirklich nicht, sondern etwas anderes, noch weiter Gefasstes. Mir persönlich geht es tatsächlich auch mehr um die Würde, die jeder Einzelne, jede Einzelne verdient hat.

Das nivelliert nicht die Besonderheit und Schönheit, die das jeweilige Geschlecht (und davon darf man sich dann gerne mehrere denken) mit sich bringen kann. Aber auf einer darüber liegenden Ebene wünsche ich mir, dass allen Menschen erst einmal grundlegend Respekt entgegen gebracht wird; dass allen Menschen Bedürfnisse und auch das Anrecht auf ihre Erfüllung zugestanden wird. Das ist eine Haltung, die ich meinem Sohn, die ich aber gleichzeitig auch allen anderen Menschen entgegen bringen möchte. Wenn ich mich bemühe, das im Alltag zu leben, bin ich – mit all meinen Schwächen dabei – gleichzeitig auch Vorbild für meinen Sohn und ich hoffe, dass er durch die Erfahrung von Respekt und Angenommensein diese Erfahrung gleichzeitig auch weitertragen kann.

Das Geschlecht

Ich bemühe mich also als Mutter, meinen Sohn möglichst unvoreingenommen so wahrzunehmen, wie er ist – auch unabhängig von Geschlechterstereotypen. Um die kommt man aber letztlich nicht herum, ich musste mir also auch dazu eine Haltung aneignen. Das finde ich gar nicht mal so einfach. Ich will nicht alle Unterschiede zwischen Geschlechtern per se nivellieren. Ich mag aber auch keine sinnlosen Zuschreibungen. Konkret im Alltag bedeutet das, dass ich erstmal versuche, die Angebotspalette breit zu halten, ihn also zum Beispiel bunt und nicht nur blau anzuziehen. Er besitzt einen Puppenbuggy, meine alte Babypuppe, unglaublich viele kleine Autos, eine Kochecke und eine Eisenbahn. Er guckt sich „Tom der Abschleppwagen“ an und verkleidet sich mit Engelsflügeln.

Ich bin mir aber bewusst, wie beeinflusst ich dennoch tagtäglich von Klischees bin. Es ist also alles eine wackelige Angelegenheit. So ertappe ich mich dabei, wie ich ihm zwar jederzeit die blinkenden lila Gummistiefel mit Blümchen kaufen würde, wenn er sie möchte, wie ich aber parallel mittlerweile eher nicht zu pink in der Oberbekleidung greife, um blöde Kommentare oder Fragen auszuschließen. Als er noch sehr klein war, war mir das egal, und oft wurde ich auf dem Spielplatz gefragt, wie alt die Kleine denn sei, nur, weil er eine rote Hose und die Haare nicht stoppelkurz trug. Zunehmend aber entwickelt sich seine persönliche Wahrnehmung seiner Identität, und obwohl die noch offen für vieles ist, will ich ihn nicht durch Reaktionen von außen brüskieren. Außerdem will ich ihm nicht extra ein rosa T-Shirt anziehen, nur um es anders zu machen. Dann wäre er nur ein Instrument für mich.

Die Mutterschaft und der Feminismus

Mutterschaft hat für mich eine ganz spezielle Komponente: Erst als Mutter erlebe ich eine neue Dimension von Liebe, von Hingabe, von Verlustängsten, von Tiefe. Das hätte ich mir vorher so nicht vorstellen können. Ich glaube, das geht einher mit einer großen Kraft und gleichzeitig auch mit einer großen Schwäche. Das klingt jetzt latent metaphysisch, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, dass die Erfahrung von Schwangerschaft, Geburt und auch der Begleitung von Kindern etwas ganz Besonderes freisetzt. Ob dies für Väter auch zutrifft, kann ich nicht beurteilen, ich für mich persönlich kann aber feststellen, dass Mutterschaft mich in Kontakt mit etwas, sagen wir, sehr Ursprünglichem gebracht hat und bringt. Und das hat für mich etwas zutiefst Feministisches, denn Feminismus heißt für mich auch: Dass Frauen nah an sich selbst sein dürfen, dass sie sich nicht verstellen müssen, dass sie mit allen ihren Anteilen in der Gesellschaft willkommen sind – auch mit ihren mütterlichen – was auch immer das jeweils für sie bedeutet.

Und, ganz ehrlich: Ich habe nicht den Eindruck, dass dies gerade richtig gut möglich ist. Die Dinge standen sicherlich schon einmal schlechter, aber schon allein als Frau an sich ist es manchmal schwierig inmitten all der Erwartungen und Standardvorstellungen vom angemessenen Frausein. Ich bin zum Beispiel über 1,80 m groß. Das reicht eigentlich schon, um ausreichend aus der Norm auszubrechen und das auch immer wieder zu spüren. Und das ist vergleichsweise nur eine Kleinigkeit. Bei Männern mag das gar nicht so viel anders sein. Bei Frauen, die auch Mutter sind, potenziert sich die Situation aber: Ich verstehe zum Beispiel, dass Arbeitgeber es nicht gerne mögen, wenn Arbeitskräfte wegfallen. Aber das, was Frauen häufig noch im Job begegnet, wenn sie schwanger werden, ist einfach ein Unding! Meine Güte, wir bringen die Menschen auf die Welt, aus denen sich unsere komplette Gesellschaft überhaupt erst zusammensetzt, wir ziehen sie meist auch groß! Das gilt übrigens auch für Familien im Allgemeinen und deren Sorgearbeit. Wieso sollte ich schuldbewusst aus der Wäsche gucken, wenn ich mit dem völlig natürlichen Lebensfluss schwimme und Kinder auf die Welt bringe?

Wieso sollte das mein Privatvergnügen sein? Es braucht hier eine komplett andere Haltung gegenüber Müttern und Familien im Allgemeinen. Das meint keine Aufwertung von Menschen, die Kinder großziehen gegenüber Kinderlosen. Bewahre. Bewertung ist ohnehin ein großes Problem, da aber auch gerne unter Müttern: Ich persönlich erlebe das vielzitierte Mütterbashing ja wirklich selten, sondern habe in meinem Umfeld doch weitgehend unterstützende und tolerante Menschen. Ich weiß aber wohl, dass es auch anders geht, und, Mädels: Das ist so kontraproduktiv, wenn Ihr Euch gegenseitig erzählt, wer es angeblich schlechter und besser macht. Meist dient die Abwertung eines anderen Lebensmodells ja ohnehin nur zur Rechtfertigung des eigenen. Aber mal ehrlich: Nur, weil man als Mutter so häufig suggeriert bekommt, es nie wirklich richtig zu machen, ist es noch längst keine gute Idee, krampfhaft aufeinander rumzuhacken, um sich selbst irgendwie zu erhöhen.

Muttersein ist derzeit nicht einfach: Die Erziehungsideale sind verschieden, aber gleichermaßen hoch. Es gibt wenig „richtig“ und „falsch“. Als Mutter soll ich gleichermaßen für meine Kinder da sein, aber auch noch andere Hobbys, einen Job und immer eine tolle entspannte Beziehung haben. Jeder weiß um den Utopiegehalt dieses Bildes, trotzdem ist es irgendwie da – und unerreichbar. Und dann die Betreuungsfrage: Wenn ich meine Kinder von anderen betreuen lasse, ist das für viele Menschen ganz schlimm – wenn ich das nicht tue, für ungefähr genauso viele Menschen ebenso furchtbar. Und nicht wenige davon scheuen sich auch nicht, das offensiv mitzuteilen; zu Müttern kann halt jeder irgendwie eine Meinung haben. Ich schlage hier keine neuen Töne an, auch nicht, wenn ich sage, dass das Themen sind, mit denen sich Männer meist nur marginal auseinandersetzen müssen. Das wird sich auch nicht ad hoc ändern lassen, was man aber recht schnell ändern kann: Das Maß an Solidarität, dass sich Frauen und Mütter einander entgegen bringen. Seid nett zueinander! Sprecht Euch Mut zu! Sagt Euch, wie gut Ihr das macht! Das stimmt nämlich meistens sogar!

Wenn es dann noch gelingt, das nicht als Abgrenzung gegen die Männer in der Gesellschaft zu verstehen, wäre schon einiges gewonnen, finde ich. Denn wenn wirklich der Wunsch besteht, dass wir alle eine gerechte Behandlung erfahren, Frauen wie Männer, dann geht das nur gemeinsam. Dann muss man dafür sorgen, dass es normal wird, dass Väter ebenso wie Mütter für ihre Kinder in der Erwerbsarbeit kürzer treten. Dass es nicht an ihrem Selbstverständnis als Mann rüttelt, wenn sie Fürsorge zeigen. Dass auch sie untereinander im Hinblick auf Elternschaft solidarisch und unterstützend sind.

Und vielleicht ist das tatsächlich eine wichtige Rahmenbedingung für ein gutes Leben als Mutter und Feministin, aber auch als Vater und letztlich als Familie, in welcher Form auch immer: Solidarität und Unterstützung.

Interview Feminismus und Mutterschaft 10

Feminismus und Mutterschaft: Mehr Solidarität und Unterstützung

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 9: Für eine Gesellschaft, in der Väter so sehr Elternteil sind wie Mütter

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Katja – bloggt als vitalinsights auf lebenswichtigeerkenntnisse.com

 

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Mein erstes Kind kommt planmäßig im Dezember zur Welt; dazu gibt es schon die Tochter meines Freundes – zweieinhalb und super. Kinder wollte ich tatsächlich immer, zumindest war das immer Teil der vagen Zukunftsvorstellungen. So ganz konkrete Pläne wiederum hatte ich in der Hinsicht nicht so sehr, auch weil Freiberuflertum und Finanznöte, tausend Ideen und Projekte, eine Trennung nach sehr langer Beziehung, und dann die Patchworkkomplikationen nach neuem Verlieben nie die Ruhe gebracht hatten, in der man sich umguckt und denkt: So. Erst mal alles erledigt. Dann kann’s ja losgehen. Aber vielleicht existiert dieser Moment auch nur in unrealistischen Wunschträumen. – In unserem Fall haben wir zumindest darüber gesprochen und sind übereingekommen, dass wir mit einer Schwangerschaft ‚irgendwann im Lauf des nächsten Jahres’ schon einverstanden und auch froh wären. Dann ging es sehr hopplahopp.

Dass es jetzt so ist, finde ich super und freue mich sehr. Irgendwie auch darüber, dass es alles anders gekommen ist als ich mir hätte vorstellen können. Die wenigsten malen sich ja in Pubertätsfantasien eine Patchworkfamilie aus, noch dazu eine nicht ganz unkomplizierte mit relativ hohem Konfliktpotenzial. Und ich bin sicher, es wird eine ordentliche Herausforderung, und es war bestimmt auch keine astreine Vernunftentscheidung, auch was die finanzielle Situation betrifft. Sicherheit ist was anderes. Aber mit den beiden – Freund und Tochter – stimmt es auf der emotionalen Ebene so sehr, dass ich zuversichtlich bin, das gemeinsam wuppen zu können. Also: Die Voraussetzungen, von denen ich dachte, dass ich sie gern erfüllt sehen würde, um Kinder zu bekommen, sind auf der Harte-Fakten-Ebene nicht besonders umfassend gegeben. Aber entweder macht man es wohl irgendwann, oder halt nicht.

 

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Große Rolle: seine Tochter ist die Hälfte der Zeit bei ihm, demnächst uns, und das Verhältnis der beiden ist eng und liebevoll. Ich würde mich freuen, wenn das bei Kind 2 ähnlich wäre. Für mich ist er Geliebter und Partner; es gibt noch reichlich zusammenzuraufen, gerade jetzt, wo sich die Dinge verändern – wir ziehen erst jetzt in eine gemeinsame Wohnung; das Kind ist unterwegs; beruflich ist es öfter mal eine Zitterpartie -, und wir rasseln nicht selten aneinander. Aber tief drin wollen wir, glaube ich, schon noch viel Zeit miteinander verbringen, und das mit möglichst viel Solidarität und Spaß an der Sache.

 

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Ja, mein Freund und ich werden das sicher gemeinsam machen. Das ist auch meine Lieblingslösung. Für seine Tochter ist er naturgemäß im Moment die Hauptbezugsperson, auch wenn ich Teil der Sache bin. Ich bin gespannt, wie sich das auch auf der Seite mit der Zeit entwickelt. Wichtig wäre mir, dass es nicht nur darum geht, wer die Kinder nimmt, damit der andere Freiraum hat, seinen Kram zu machen – das natürlich auch! Aber dass es eben auch das tatsächliche Teilen gibt; die Zeit, die alle zusammen oder auch wir als Paar verbringen, und in der man sich gegenseitig erlebt. Eine wesentliche Rolle werden bestimmt auch meine Freunde spielen. Das ist ein fantastischer Haufen; ein Netz, in dem sich alle aufeinander verlassen können. Ich glaube, das ist unschätzbar wertvoll und wichtig, um nicht durchzudrehen.

 

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Ich bin gespannt, wie es sich letztlich genau gestalten wird. In den ersten zwanzig Minuten nach dem positiven Schwangerschaftstest haben wir beim Kaffee die grundlegenden Fragen auf den Tisch geschmissen und die meisten auch gleich beantwortet: welcher Nachname, werden wir zusammenziehen, wer nimmt wie viel Elterngeldmonate – und da geraten wir aber ins Schwimmen. Zwei Selbständige, das ist eine wacklige Sache, und bei meinem Freund, der bei seinem ersten Kind noch ganz selbstverständlich die Hälfte der Zeit genommen hat, und der sicher auch nicht der klassische Ernährervatertyp ist, habe ich unmittelbar miterlebt, wie unfassbar hart es war, den Betrieb danach wieder aufzubauen, zumal bei ihm als Handwerker die physische Präsenz im Laden entscheidender ist als bei mir, die ich das allermeiste vom Rechner aus mache. Ich habe kein Interesse daran, ihn noch mal in so eine Situation zu bringen – aber natürlich auch nicht, selbst reinzugeraten. Am Ende wird man’s wohl sehen müssen: wir werden uns schon viel teilen, und es wird sicher nicht das 12+2-Modell, sondern etwas gleichmäßiger verteilt, aber viel wird davon abhängen, wer wann wie viele Aufträge reinbekommt, wie viel wir damit erwirtschaften können, und wann es bei wem ruhiger zugeht. Ich nehme an, wir werden grob von Monat zu Monat schauen, das alles idealerweise besser kommunizieren und vorbereiten als bei seinem ersten Mal, und für den jeweiligen Elterngeldbezieher Raum für Dinge wie Akquise schaffen, damit es hinterher wieder Anknüpfungspunkte gibt, und keiner von uns ganz rausfliegt. Längerfristig werden wir sicher beide arbeiten und beide für die Kinder da sein wollen. Und wahrscheinlich auch da immer wieder mal sprechen und verhandeln müssen.

 

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Erst mal bedeutet es für mich, eine unauflösbare und lebenslange Bindung zu einem anderen Menschen einzugehen, für ihn Verantwortung zu tragen, und halt alle Freuden und Konflikte, die damit einhergehen. Dass damit auch Kompromisse kommen – finanziell, partnerschaftlich, beruflich etc. – und man nicht unbedingt ein lupenreines Egoding durchziehen kann, steht für mich nicht unbedingt im Widerspruch zu irgendeinem Feminismusverständnis, sondern höchstens im Widerspruch zu Illusionen, die man sich in einem Optimierungswahn darüber macht, was in 24 Stunden so zu schaffen ist. Dass es darüber hinaus Aspekte von Mutterschaft gibt, die unglaublich ideologisch aufgeladen diskutiert werden – Stillen, „Fremdbetreuung“, etc. -, ist natürlich wahr, aber ich hoffe, dass ich mich davon einigermaßen freihalten und nach jeweils meinem Gewissen entscheiden kann. Wobei natürlich die Bedürfnisse des Kindes maßgeblich sind, aber eben auch meine und die meines Partners eine Rolle spielen.

 

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können? 

Ich glaube, feministische/emanzipatorische Werte oder eine Idee von Unabhängigkeit, von Gleichberechtigung und derlei kann man weitergeben und braucht dafür gar nichts weiter. Wirtschaftlich und gesellschaftlich ist es schon anders, was die konkrete Organisation betrifft. Dass Väter, die eine Auszeit nehmen, noch zu oft verständnislos angeguckt werden, ist blöd; dass das Elterngeld für Selbständige so blöd geregelt ist, auch – maßgeblich ist beispielsweise nicht das Einkommen der 12 Monate vor Geburt des Kindes, sondern das letzte abgeschlossene Kalenderjahr, also für ein Ende Dezember 2014 geborenes Kind das Jahr 2013, in dem man noch nicht im Traum dran gedacht hat. Dazu kommen verschiedene andere Fallen, wo man schnell durch verschiedene Raster fällt, so dass ich schon fast wieder denke: ach egal, ich werde einfach bis zum Schluss arbeiten und dann so bald wie möglich wieder, und halt keine Pause machen, weil’s sich nicht finanzieren lässt. Und ich bin sehr gespannt, ob ich mich da nicht maßlos überschätze. Das könnte wirklich besser sein, hat aber nicht unbedingt mit Feminismus zu tun, sondern mit dem Beschäftigungsmodell. Was ich für eine Verbesserung halte, was die Gleichstellung betrifft, ist das neue Elterngeldmodell, nach dem beide Eltern Teilzeit arbeiten können. Leider trifft auch das zeitlich noch nicht auf uns zu.

Meine Hauptwünsche wären sicher erstens eine insgesamt gerechtere Verteilung des Einkommens auf Männer und Frauen, denn die Entscheidung, wer länger aussetzt, fällt ja oft genug mit dem Einkommen, und da stehen die Frauen oft schlechter da; zweitens eine gesellschaftliche Normalität, in der Väter so sehr Elternteil sind wie Mütter; und drittens – das ist aber zugegebenermaßen nicht zu Ende gedacht – ein Überdenken der Gesetzgebung zu Beruf, Mutterschaft und so weiter. Ich hatte den Eindruck, dass all der gut gemeinte Mutterschutz mit den entsprechenden Rechten oft dazu führt, dass Arbeitgeber regelrecht Angst vor Schwangeren oder Müttern im eigenen Betrieb haben, und sie dann lieber gar nicht erst einstellen, Verträge auslaufen lassen, etc. Das kann’s ja auch nicht sein. Ich habe jetzt so oft von qualifizierten, motivierten und guten Frauen gehört, die mit Bekanntgabe der Schwangerschaft fallen gelassen wurden, dass es eigentlich dazu einlädt, erst dann schwanger zu werden, wenn man gerade den Fünfjahresvertrag unterschrieben hat und es beruflich gerade bestens läuft. Ich weiß nicht, wie man das lösen soll. Ich fände es schön, wenn sich mittelfristig eine Normalität etablieren würde, in der alle Leute familienverträgliche Arbeitszeiten haben, so dass Leute, die eine Familie haben, nicht als halbe Kräfte gelten, weil sie nicht immer und immer verfügbar sind.

 

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Es bedeutet hoffentlich in erster Linie Gelassenheit. Ich habe nicht vor, einer Tochter Rosa zu verbieten oder aufzuschwätzen, und wenn ein Sohn ein Blümchenkleid anziehen möchte, bitteschön. Ansonsten finde ich, so ein bisschen Zugehörigkeitsgefühl zum einen oder anderen Geschlecht schadet per se erst mal nicht. Was ich wirklich gern vermeiden will ist allerdings, dass ein Mädchen den Eindruck hat, in bestimmten Disziplinen nicht gut sein zu können, weil es ein Mädchen ist. Die Tochter meines Freundes hat Werkbank und Babypuppe und spielt mit beidem, und ich hoffe, es geht so weiter. Was ich außerdem gern vermeiden will, zumal ich selbst darunter zu leiden hatte, ist dieser immense Druck, was Äußerlichkeiten und Sexiness betrifft, der ab einem bestimmten Alter auf Mädchen ausgeübt wird. Ich weiß nicht, ob das gelingen kann, weil es so allgegenwärtig ist. Aber ich hoffe, dass Jungs wie Mädchen halbwegs unabhängige und freie Personen werden können, die sich auch in der Lage fühlen zu rebellieren, wenn sie etwas als ungesund oder unpassend empfinden.

 

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

 

Mit den wenigsten Müttern in meinem Umfeld tausche ich mich auf theoretischer Ebene über Feminismus aus, aber die allermeisten leben einen den Umständen entsprechend gleichberechtigten Entwurf, haben eigene Interessen und Ziele und verfolgen diese auch nach der Niederkunft weiter.

 

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Ist wichtig. Für die Finanzen, für die Unabhängigkeit, fürs Ego. Wenn es beruflich gerade nicht gut läuft, ist die Versuchung groß, sich nun alternativ in Schwanger- und Mutterschaft auf Sinnsuche zu begeben. Auch deshalb habe ich, glaube ich, gerade das riesige Bedürfnis, noch mal so viel wie möglich in die Wege zu leiten, was meinen Beruf betrifft. Im Muttersein aufgehen möchte ich nämlich nicht, weil ich schon ahne, dass es weder mich noch mein Kind besonders froh machen wird, wenn all mein Ehrgeiz in diese Sache fließt. Abgesehen davon arbeite ich einfach gerne und möchte aus diesem Flow nicht rausfliegen.

 

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Gesellschaftlich erst mal keine großen, oder keine, denen ich mich so aussetzen möchte. Was Politik und Fiskus betrifft, spannt es schon eher. Ich bin bestimmt finanziell weniger erfolgreich als erwünscht und bekomme entsprechend keine nennenswerte Unterstützung. Überhaupt fühle ich mich als Freiberuflerin mit diesen sehr grobschlächtigen Rastern nicht wirklich vertreten oder unterstützt. Das ist wie bei der Altersvorsorge. Am Ende führt das zu einer Entfremdung – die Haltung zum Staat wird halt zu einem diffusen ‚Ich lass euch in Ruhe, also lasst mich bitte auch in Ruhe, und wir haben einfach nichts miteinander zu tun’. Ich weiß nicht, ob das im allgemeinen Interesse ist.