Familie, Feminismus

„Du als Feministin…“

ich bin immer wieder überrascht, schockiert, amüsiert, irritiert wofür ich, als „feministin“ so herhalten sollte.

in meinem privaten umfeld gibt es glaub ich, so gut wie keine andere frau, die sich als feministin bezeichnet. einige meiner freund_innen sind politisch interessiert, aber kaum eine_r engagiert sich. zum thema gleichstellung und feminismus wird schnell mal mit den achseln gezuckt, nach dem motto „ist doch alles erreicht“.

wenn ich dann mal wieder zu irgendeinem thema position beziehe, sehe ich manchmal in den gesichtern der anderen sowas wie: „klar, du als feministin…musst das ja sagen/gut finden/ blöd finden/ whatever“.

das geht von zwei voreinnahmen aus, die falsch sind: ich sei nur, und/oder in erster linie feministin UND feministinnen sind alle gleich.

ich bin feministin. aber auch: mutter, tochter, freundin, sozial engagiert, weiß aber nicht weise oder waise, arbeiterkind, akademikerin, angestellte, agnostikerin, vegetarierin, musikhörerin, wortfetischistin, sternzeichen widder…die liste lässt sich unendlich fortführen, ich denke ihr wisst worauf ich hinaus will. meine weltsicht ist durch verschiedenste erfahrungen geprägt. einige davon führten überhaupt erst dazu, dass ich mich als feministin bezeichne. henne oder ei – nicht immer ganz einfach.

feminismus ist keine ’strömung‘, in der einigkeit herrscht. alice schwarzer spricht nicht für alle. in den wenigsten, ich nenn es mal unterströmungen, find ich mich eins zu eins wieder. als beispiel nehme ich mal die entgegengesetzten pole DES feminismus:

1. gleichheitsfeminismus. wird meistens in etwa ausgelegt als „frauen sollen das machen und tun, was männer machen und tun“. find ich quatsch. zumal ja auch nicht alle männer gleich sind und das gleiche machen und tun. aber unter dieser logik wird dann gefordert, das frauen in die bundeswehr sollen, 80 stunden die woche auf eine karriere arbeiten müssen und und und. wie gesagt, das ist ein wenig verkürzt dargestellt. aber „gleichheit“ kann man ja auch anders verstehen: gleich in wünschen und bedürfnissen. gleich in den intellektuellen voraussetzungen. gleich vor der rechtssprechung. und dann kann man auch mal gucken, ob frauen so defizitorientiert sind, dass sie „wie männer“ sein müssten, um als emanzipiert zu gelten. muss ich handwerklich begabt sein? muss ich auf teufel komm raus in einem blöden job ackern um in die chefetage aufzurücken? nö. aber ich habe bitte das recht dazu es zu wollen oder auch nicht. und das ist leider nicht realität.

2. differenzfeminismus. da muss ich in meinen formulierungen etwas aupfassen, auch weil ich mich da nicht ganz so gut auskenne. differenzfeminismus geht von einem grundlegenden unterschied zwischen mann und frau aus. folgert daraus aber nicht, dass frauen defizitär sind, sondern wertet das vermeintlich weibliche auf: frauen sind das schöpferische, gute, naturverbundene. aufwertung von frauen gut und schön. aber oft gleitet das in biologistische (und auch noch falsche) und essentialistische debatten ab, die mir zuwider sind. frauen sind nicht bessere menschen.

feminismus ist für mich, wenn alle menschen die freiheit haben, ihr leben zu gestalten, wie sie möchten, unabhängig ob sie sich als mann oder frau bezeichnen. von mir aus kann eine frau gerne kinder kriegen und hausfrau werden. aber grade dann sollte sie sich für feministische politik interessieren, die dafür möglichkeiten schafft. zwar ist das strukturell gern gesehen, aber einer frau mit diesem lebensentwurf bleibt entweder die abhängigkeit vom ehemann oder von einem unvollkommenen sozialstaat, sollte die ehe scheitern (was natürlich niemalsnie passiert…). umgekehrt sollten ebenso männer, die nicht dem gängigen männlichen lebensentwurf vom karriereorientierten familienernährer entsprechen wollen, feministische politik machen. und sich für kündigungsschutz für werdende väter engagieren. zum beispiel.

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6 Comments

  • Reply Khaos.Kind 12. August 2011 at 15:25

    Jetzt wäre ich neugierig, welcher „Du als Feministin“-Kommentar dich dazu brauchte diesen Artikel zu schreiben 🙂 Also welcher das Fass quasi zum Überlaufen brachte.

  • Reply glücklich scheitern 12. August 2011 at 22:41

    hm, eigentlich recht harmlos: mit freunden am tisch gesessen, irgendwer wollte einen witz erzählen und jemand anderes meinte „aber melanie sitzt doch am tisch“…klar, weil ich als feministin keinen humor verstehe. der witz wäre auch so doof gewesen, aber naja. aber dem voraus ging diese ganze kachelmann/assange debatte mit sprüchen a la „aber der kachelmann war doch so ein netter“. und da konnte ich dann wohl nicht mehr an mich halten. ach, und das andere thema bekommt die tage einen eigenen eintrag: stillen oder nicht stillen…hat für mich nix mit feminismus zu tun, aber wurde mir so unterstellt. nun denn…

  • Reply I_am_in_rage 13. August 2011 at 10:15

    Das Problem ist auch, dass bestimmte Typen so als „Einzelfälle“ (à la Arschlöcher gibts immer) hingestellt werden. Habe da auch konkretes zu berichten – ein Kommentar eines nun nicht mehr Facebook-„Freundes“ auf einen Link. Hinter dem Link steckte ein Artikel der die versteckten Mechanismen der Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft aufzeigt (etwa das Bemühen fiesester Biologismen). Ich bezweifle, dass der Typ den Artikel gelesen hat, sondern nur das Thema sah und daraufhin meinte, sofort loszubollern:

    „Probieren muß man es, ob man einen Ausgleich findet, weil ja doch eine Spannung zwischen den Geschlechtern die Gesellschaft belastet. Allerdings sehe ich wenig Hoffnung, solange es nicht gelingt, Frauen den nötigen Machtwillen einzupflanzen. Ob sich dauerhaft ohne Zwang erhalten ließe, ist dann auch noch ein Thema. Aber ich habe wenig Hoffnung, weil meiner Meinung nach das Interesse stärker wiegt als die Begabung. Selbst wenn Frauen erheblich begabter für die Mathematik wären, Ihnen fehlt einerseits das Interesse daran und andererseits fehlt das – auch unbegründet hilfreiche – Selbstvertrauensniveau der Männer. Bei meiner Exfreundin hab ich gerudert, um ihr Selbstvertrauen zu stärken – das half mehr als Üben! – aber sobald ich aufhörte dies extra zu tun, setzte sich wieder der leider weit verbreitete weibliche Mangel an Selbstvertrauen durch – Mangel meine ich relativ zum anderen Geschlecht.“

    Den Kommentar habe ich übrigens gelöscht sowie ihn aus meiner „Freundes“liste. Der Typ wollte keinen echten, also fairen, Austausch – im Gegenteil. Ob das so richtig war, weiß ich nicht. Er ist auf jeden Fall so einer, dem das Eliminieren aus Diskussionen und aus „Freundes“listen echt zusetzt. Keine Antwort ist bekanntlich auch eine Antwort.

    Wie gesagt, ich bezweifle, dass er ein „Einzelfall“ à la „Arschloch“ oder Randphänomen (Antwort meiner FreundInnen: „reg dich doch nicht so auf, ist halt n‘ Arsch – die meisten denken nicht so“) ist. Daher ist „der“ Feminismus, welcher Richtung auch immer, aktueller denn je. Frau/man hüte sich vor der Gleichheitsrhetorik nach dem Motto „alles erreicht, haben ja ne Bundeskanzlerin“…

    • Reply glücklich scheitern 14. August 2011 at 18:57

      Respekt vor dieser konsequenten Handlung (streichen aus der Freundesliste). Ich versuch mich ja immer erst, auf Diskussionen einzulassen. Erschwert wird mir das a) dadurch, dass das Gegenüber selten ernsthaft offen diskutieren will und b) mir mein Gedächtnis immer in diesen Momenten akkurate Daten und Fakten zum Stand der Geschlechter’gleichheit‘ entfallen. Ich arbeite dran…

  • Reply Nanny 14. August 2011 at 11:59

    Also, in Deinem Umfeld hast Du zumindest EINE weitere Feministin, die sich auch als solche bezeichnet – und die entsprechenden Blicke und Kommentare auch gut kennt. Gerne wird mit Blick auf meine Haarfarbe auch ein netter Scherz gemacht und „die Sache“ damit vom Tisch gewischt. Zu unentspannt, das Thema..

    • Reply glücklich scheitern 14. August 2011 at 14:37

      jaaa und das ist toll! und die haarfarbe hab ich ja inzwischen auch kultiviert…aber dich hatte ich, als quasi ’neuzugang‘ noch gar nicht berücksichtigt 😉

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