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Feminismus und Mutterschaft 3: Wenn die eigenen Rollenbilder nicht der Mehrheit entsprechen…

ein Beitrag von parentsdont:

Ich bin Rosalie und weiß ich gar nicht recht, was Feminismus bedeutet. Würde ich meine Oma fragen, ob sie Feministin ist, sie würde mich auslachen. Sie ist jetzt Mitte 70, hat in den 60igern 2 Kinder bekommen, ein Haus gebaut, ihre kranke Mutter gepflegt und ganz nebenbei mal noch volle 45 Jahre Akkord gearbeitet um das alles zu bezahlen. Sie hat das nicht wegen einer bestimmten Gesinnung getan, sondern weil’s nötig war. Hausfrau und Mutter sein, die dem Mann abends sein Essen hinstellt und den ganzen Tag bei den Kindern ist, war nicht.

Meine Mutter bekam mich mit 18 – Mitten in der Ausbildung. Auch sie blieb nicht zu Hause, sondern machte ihren Abschluss und verdiente das Familieneinkommen. Ich war in dieser Zeit zu Hause – mit meinem Vater. Und als sie endlich einen betriebseigenen Kitaplatz für mich ergattert hatten (Anfang der 80iger ein echtes Problem), arbeiteten beide immer Vollzeit.

Dass ich offensichtlich nie mit den oftmals zitierten Rollenmustern konfrontiert wurde merkte ich ganz eklatant in der Schule. In der 12. Klasse gab es eine Diskussion über Gesellschaft und Werte. Eine Doppelstunde lang ging es darum, was wir denn wohl für besser hielten: Mit Kindern zu Hause zu bleiben, oder ohne Kinder Karriere zu machen? Ich erinnere mich sehr genau, weil ich damals den gesamten Grundkurs Deutsch gegen mich hatte. Ich war tatsächlich die Einzige, die überhaupt nicht verstand, warum es nur entweder – oder geben kann, warum man nicht mit Kind arbeiten kann, warum Frau und nicht Mann zu Hause bleibt etc. Ich kam weinend (mit damals 17 Jahren) aus dem Unterricht, weil mich meine Klassenkameraden zum Teil sehr bösartig niedergeschrienen haben.

Mir wurde dann recht schnell klar, dass ich eben nie erlebt habe, wie eine klassische Rollenverteilung geht. Ich hatte verdammtes Glück, Eltern zu haben, die immer offen und flexibel auf Situationen reagiert haben und pragmatisch deren Lösung angegangen sind. Wer grad kann, verdient Geld, wer grad nicht kann, macht was anderes. Sie taten das, weil es nötig war und für sie die beste Lösung. Aber auch sie wurden dafür heftig angefeindet. Meine Mutter litt ziemlich darunter und wurde oft Rabenmutter geschumpfen.

Dennoch, meine Eltern haben mir da so einiges auf den Weg gegeben, damit ich mein Leben gut meistern kann.

Nun habe ich (32) meine eigene Familie, meinen Mann und 2 Töchter (3 Jahre und 7 Monate). Wir lebten bis vor kurzem in der Schweiz, haben beide ein Doktoratsstudium gemacht (in Naturwissenschaften). Wir lebten in Basel und das ist für Eltern quasi das Paradies. Finanzielle und beratende Unterstützung und Kitas – alles was das Herz begehrt. Dort hatten wir es echt schön, denn es lies sich immer alles Formale ganz leicht regeln. Dort gibt es nur 14 Wochen Mutterschutz und danach keine weiteren Leistungen wie Elterngeld etc. Aber es gibt hervorragende Kitas – in denen auch Babys wunderbar aufgehoben sind.

Mitten in der Doktorarbeit haben wir also absichtlich ein Kind bekommen. Ich war die einzige in meinem Bekanntenkreis, die überhaupt ‚schon’ an Kinder gedacht hat. Und das ist für mich – in der Rückschau – Feminismus. Zu sagen: Der Mann stimmt und ich will ein Kind, also los! Der Job stimmt nie. Es sei denn man mag seine Arbeit nicht und sucht einen Grund diese aufzugeben…

Wobei, eigentlich ist das nicht Feminismus, eigentlich ist das Emanzipation. Ich habe das Recht eine Familie zu gründen und so viele Kinder zu bekommen, wie ich will. Ich habe das Recht danach zu arbeiten, oder zu Hause zu bleiben, oder Teilzeit zu arbeiten. Nicht weil ich einfach auf juristischer Ebene das Recht habe, sondern weil das mein Leben ist und ich allein bestimme, wann und wie ich ein Kind bekomme und dieses groß ziehe. Da hat mir keiner was zu sagen, es sei denn ich misshandle das Kind oder den Partner. Und mein Chef darf mir kündigen, wenn ich tatsächlich meinen Job nicht mehr gut mache. Aber nicht vorher und auch nicht auf ‚Verdacht’.

 

Generell möchte ich meinen Kindern weitergeben: Sei Eigenständig und mutig. Es gibt nichts, was man nicht versuchen kann, auch wenn es nicht so klappt, wie geplant. Und trage die Verantwortung für dein eigenes Leben immer selbst – auch wenn du Familie hast.

Dazu gehört für mich auch: Verdiene dein eigenes Geld, so viel wie möglich und/oder nötig.

Wir leben das unseren Kindern vor. Mal arbeite ich für Geld, mal mein Mann. Wenn man Kinder bekommt und in unserem Beruf gibt es keine längerfristigen Planungen, da muss jeder einspringen und die ganze Familie muss sich an veränderte Situationen anpassen können.

 

Wir leben nun seit wenigen Monaten in Heidelberg. Wir haben gemeinsam entschieden dorthin zu gehen, obwohl es beruflich noch weitere Perspektiven in anderen Städten gab. Aber Heidelberg ist relativ kinderfreundlich und hat viele und gute Kitas. Es lässt sich gut leben hier und wir haben beide berufliche Chancen in dieser Stadt. Momentan gehen beide Kinder in die Kita, ich arbeite von zu Hause aus (leider unentgeldlich) und such einen bezahlten Job. Mein Mann hat eine Forschungsstelle, aber nur bis Ende nächsten Jahres. Danach steht eine größere Umstellung an, denn so wie ich mich nun beruflich weiterorientiere, muss mein Mann das nächstes Jahr tun. Seine Stelle wird dann nicht mehr finanziert. Da werde ich dann Vollzeit arbeiten. Für mich ist das genau richtig. Jeder tut, was die Situation gerade erfordert. Keine festen Rollen, dafür leben wir eher bedürfnisorientiert. Jeder soll so gut es geht bekommen, was er will und braucht und muss dafür aber auch tun, was er kann.

 

Was Frauen mehr brauchen? Mut. Mut etwas zu ändern, wenn es nicht stimmt. Mut mit dem Partner auf Augenhöhe zu sein. Mut diese Augenhöhe auch einzufordern. Mut und Stärke für die finanzielle Verantwortung (Väter müssen im klassischen Rollenmodel seit jeher diesen Mut und diese Stärke aufbringen, denn sie tragen ja die finanzielle Verantwortung), Mut zum Teilen, Mut mal Fünfe gerade sein zu lassen und Mut Loszulassen. Das wären für mich Ziele des Feminismus.

 

Und ich würde die Frauen fragen: Wollt ihr wirklich teilen?

Und ich würde die Männer fragen: Wollt ihr wirklich teilen?

Und an beide Partner einer Gemeinschaft: Wollt ihr wirklich für einander einstehen?

Ich würde eher nicht mit Feminismus argumentieren, sondern mit Emanzipation für beide Geschlechter.

 

Mich stört zudem, dass Staat und Gesellschaft immer mehr Kontrolle ausüben wollen. Geld gibt’s, wenn du brav machst, was ich (Staat) sage. Und ich (Gesellschaft) entscheide, was richtig und falsch ist und was man machen muss. All das immer unter sofortiger Androhung von Strafen. Das entbindet von der Last eigene Entscheidungen treffen zu müssen und macht uns abhängig als Mensch, als Eltern, als Familie. Ich bin aber in der Lage selbst zu entscheiden und will das auch tun! Denn die Konsequenzen für Entscheidungen, die mein Leben betreffen, muss ich ja alleine tragen. Die nimmt mir weder Staat noch Gesellschaft ab. Dann will ich auch selber entscheiden!

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4 Comments

  • Reply Rosalie 19. Mai 2014 at 14:05

    Da muss ich mich ja gleich mal bedanken, dass Du meinen Beitrag veröffentlichst. Freut mich.

  • Reply kunstkaserneberlin 19. Mai 2014 at 18:22

    Danke für diesen Beitrag! Danke, danke, danke! 🙂

  • Reply lostsoul 19. Mai 2014 at 18:45

    Hat dies auf Gedanken sind frei rebloggt.

  • Reply Lesetipps: Interviews bei Glücklichscheitern | fuckermothers 31. Mai 2014 at 16:22

    […] und Mutterschaft’ zu lesen, die glücklichscheitern mittlerweile in beachtlichen 1-2-3-4-5-6-7 Teilen veröffentlich hat. Dafür ist es aber auch sehr interessant, die Texte gleich […]

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