Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 4: Den Rollenerwartungen widersprechen

Hallo,

ich habe deinen Blogeintrag gelesen und möchte gern mitmachen. Ich heiße Luisa, bin 32 Jahre alt und habe zwei Söhne (5 und 1 Jahr alt). Ich und mein Mann studieren beide und teilen die Familien- und Hausarbeit egalitär. Neben dem Studium engagiere ich mich als Frauenbeauftragte im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an meiner Hochschule aktiv für Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit. Ich bin also professionelle Feministin 😉

Für mich beudeutet Feminismus, den Menschen hinter der äußeren Schale zu sehen und danach zu bewerten, wer sie oder er ist und nicht danach, was sie oder er sein sollte. Wir alle haben ein genaues Schema dessen im Kopf, wie bestimmte Personengruppen sein sollten. Das ist völlig normal und per se nichts schlechtes. Es führt aber dazu, dass wir Tatsachen im Zusammenhang mit unterschiedlichen Personengruppen unterschiedlich bewerten.

Beispiel: Ein Mädchen trägt lieber blau als rosa. Manche würden für ein Mädchen rosa bevorzugen, akzeptieren den Wunsch des Mädchens aber blaue Kleidung zu tragen. Gleiches Beispiel nun aber mit einem Jungen statt eines Mädchens: Der Junge findet rosa schön. Er mag alles, was rosa ist. Am liebsten würde er auch rosa Kleidung tragen. Sofort macht sich die gesamte Umgebung des Jungen sorgen, was mit ihm nicht stimmen könnte. Wird er als erwachsener vielleicht schwul? Und was werden wohl andere denken, wenn ich meinem Sohn rosa Kleidung anziehe? Werden andere Kinder ihn hänseln?

Die Situation ist eigentlich dieselbe. Ein Kind entscheidet sich für eine Farbe, die gesellschaftlich dem anderen Geschlecht zugeordnet wird. Doch ist es weniger problematisch, wenn sich ein Mädchen für eine Farbe entscheidet, die als typisch männlich assoziiert wird, als wenn ein Junge eine typische Mädchenfarbe wählt. Genau dasselbe gilt bei Spielzeug oder Art der Kleidung generell. Hosen für Mädchen sind ok, Kleider für Jungs nicht. Das setzt sich auch in Verhaltensweisen fort, die als typisch jungen- oder mädchenhaft assoziiert werden. Das beste Beispiel dafür ist meine eigene Kindheit und Jugend:

Vor 30 Jahren galt zumindest in den alten Bundesländern ein noch sehr konservatives Familienbild als heute und so waren die Erwartungen, die man an Mädchen und Jungen stellte, recht deutlich. Mein Bruder und ich waren von unserer Art her schon immer wie Tag und Nacht. Während ich extrovertiert und durchsetzungsstark war, ist er introvertiert, ruhig und zurückhaltend. Beides war für meine Eltern damals Anlass zur Sorge. Wir waren beide gut erzogen, machten keinen Ärger und verstanden uns wirklich gut. Aber ich war eben kein typisches Mädchen. Ich wollte immerzu raus mit meinen Freunden spielen, hatte stets eine Meinung, die ich vertrat und hielt mich damit auch nicht vor älteren zurück. Mich musste man schon immer mit Argumenten überzeugen, wobei „isso!“, das Alter meines Gegenübers oder dessen Geschlecht nicht als Argumente akzeptiert wurden. Ein Umstand, den man in einem italienisch-chinesischem Haushalt nicht gewöhnt war. In beiden Kulturen herrschten zumindest damals noch sehr strenge Vorstellungen davon, wie Frauen und Männer sein sollten und ältere Menschen hatten schon aus Prinzip recht. Dass ich Erklärungen für alles mögliche einforderte schickte sich nicht für ein Mädchen und galt als respektlos. Davon abgesehen hatte ich nie Interesse an Haushalt öder ähnlichen typisch weiblichen Aufgaben. Meine Eltern konnten damit gut Leben. Sie haben nie ernsthaft versucht mich zu verbiegen und standen stets hinter mir. Dafür mussten sie aber auch einiges an Gegenwind aushalten, wenn wieder einmal Außenstehende meinten, ihnen mitteilen zu müssen, wie frech ihre Tochter sei und dass man mir längst den Hintern versohlt hätte, wenn ich ihre Tochter wäre. Irgendwann war ich es, die sich hinstellte und diesen Personen mitteilte, sie sollen sich aus den Erziehungsangelegenheiten meiner Eltern raushalten. Meine Mutter hätte sich nie getraut, soetwas laut auszusprechen, auch wenn sie es sicher häufig dachte und mein Vater hatte nicht oft Gelegenheit dazu, da er viel arbeiten musste, um die Familie zu ernähren.
Oft wünschten sich meine Eltern, ich wäre mehr wie mein Bruder und er mehr wie ich. Schüchtern und zurückhaltend war für Mädchen ok, aber ein Junge, der sich nicht durchsetzt, schüchtern und ängstlich ist, das passt nicht so recht zusammen. Was soll aus dem denn mal werden? Ein Weichei? Sollten Männer nicht durchsetzungsstark sein und einen ausgeprägten Beschützerinstinkt haben? Und sollten Mädchen nicht zurückhaltend und gehorsam sein? Sollte ich also nicht lieber der Junge und mein Bruder das Mädchen sein?

Genau dieses Bild verfolgt meinen Bruder und mich bis heute. Während man mir im späteren Berufsleben an verschiedenen Stellen immer wieder sagte, ich sei keine typische Frau (das war als Kompliment gemeint!), so hat mein Bruder Probleme eine Freundin zu finden. Die Frauen, die er mag, stehen halt auf die bösen Jungs. Er ist deshalb der typische beste Freund, aber niemals „der eine“.

Feminismus bedeutet für mich deshalb, sich frei davon zu machen, was Frauen und Männer sein sollten. Feminismus ist für mich, andere Menschen so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Und dazu gehört für mich, mein eigenes Verhalten und meine Denkmuster zu reflektieren. Nur wenn mir das bewusst ist, kann ich aufhören in Schubladen zu denken und das Individuum dahinter sehen. Deshalb ist Feminismus für mich nichts altmodisches und erst recht nichts gegen Männer. Ich bin davon überzeugt, dass Männer davon nur profitieren können. Solange wir in einer Gesellschaft leben, die „weibliche“ Merkmale abwertet und „männliche“ aufwertet, wird keiner von uns glücklich.

Ich erziehe meine Kinder, in dem ich versuche  ihnen Vorbild zu sein. Sie wissen, dass ich sie stets in allem Unterstütze und dass sie ok sind, genau so wie sie sind. Es gibt nichts, was sie nicht tun können oder dürfen, weil sie Jungen sind und das gleiche gilt für Mädchen. Sie sollen wissen, dass die Welt nicht schwarz oder weiß ist und auch nicht blau oder rosa. Dazwischen gibt es unendlich viele Farben und keine davon wird schöner, indem man eine andere abwertet.

Feminismus ist deshalb für mich auch, mir und anderen Frauen zuzugestehen, ihren eigenen persönlichen Lebensweg zu wählen und ihnen zuzutrauen, dass sie dazu selbstständig in der Lage sind. Ja, ich werde wohl niemals hauptberufliche Hausfrau und Mutter sein. Das passt ein fach nicht zu mir. Diese wirklich einseitige und vorherrschende Berichterstattung, die suggerieren soll, dass arbeitende Mütter nun das Non+Ultra sein sollen, nervt mich aber auch. Denn es suggeriert wieder ein Bild dessen, wie Frauen sein sollen und wie nicht. Zum Feminismus und echter Gleichberechtigung gehört eben auch die freie Partnerwahl und die freie Entscheidung für ein Lebensmodell dazu. Und es gehört auch dazu, dass wir endlich über das Feindbild „Mann“ hinwegkommen. Es ist nämlich nicht „der Mann“, der die Frau diskriminiert, sondern die Gesellschaft insgesamt.

Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, für den all das wirklich kein Thema ist. Wir sahen uns gegenseitig schon immer als Partner auf Augenhöhe. Daran dass er das Sorgerecht für unseren bei der Geburt noch unehelichen Sohn bekommen würde, stand für uns nie zur Debatte, auch wenn sogar das Standesamt uns davon abriet. Meinen Nachnamen trägt er seit unserer Hochzeit mit Stolz und er lässt sich darin auch nicht beirren. Unser Nachname ist halt etwas besonderes und schön und die Entscheidung dafür meinen Mädchennamen als Familiennamen zu tragen hatte nichts damit zu tun, dass einer von uns den anderen dominiert. Dass wir beide zur Finanzierung unseres Studiums arbeiten würden, war auch immer klar, genauso, dass wir beide Elternzeit nehmen würden. Die Hausarbeit haben wir nach (Ab-)Neigung und Begabung gleichmäßig verteilt. Wir bringen beide jeden Abend je ein Kind ins Bett. Wir halten uns Gegenseitig den Rücken frei, damit der andere Arbeiten, Studieren oder eigenen Interessen nachgehen kann. Mein Mann ist mein bester Freund und ich glaube gleichberechtigter kann eine Ehe kaum sein. Davon profitieren wir beide. Ohne mich, hätte er sich seinen Traum von einem IT-Studium wahrscheinlich nie erfüllt und ohne ihn hätte ich mein Potenzial im Beruf nie ausschöpfen können. Ich glaube, wir sind beide sehr zufrieden mit unserem Leben und das überträgt sich auch auf unsere Kinder. Ich hoffe, dass ihre Welt durch unser Vorbild größer für sie wird. Dass sie weniger Grenzen im Leben überwinden müssen, um dahin zu kommen, wo sie glücklich sind. Und dass ihnen immer klar ist, dass Grenzen sie nicht davon abhalten sollten, ihren eigenen Weg zu gehen.

Ich finde es toll, dass du das Thema aufgreifst und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten willst! Ich habe auch schon daran gedacht, einen solchen Text auf meinem eigenen Blog zu veröffentlichen, allerdings beschäftigt der sich schwerpunktmäßig mit Beauty. Da einen Bezug herzustellen, der nicht polarisiert oder zu oberflächlich wird, finde ich nicht leicht. Hier passt es jedoch hervorragend und ich bin schon sehr gespannt auf die Antworten, die du bekommst.

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2 Comments

  • Reply Rosalie 22. Mai 2014 at 11:30

    Sehr guter Text. Danke.

  • Reply Schnatterinchen 3. Juli 2014 at 10:54

    Dankeschön für diesen wunderbaren Text!
    Das rosa-blau-Thema insbesondere beschäftigt mich gerade, weil mein Sohn rosa und lila unglaublich schick findet. Und ich merke, wie die Umgebung reagiert und bin ganz ehrlich überrascht. Nicht so sehr von den anderen Kindern und den Erzieherinnen der städtischen Kita – da wird halt schonmal gesagt, dass das eine Mädchenfarbe ist und schief geguckt und so, aber das können wir alle gut aushalten. Auch dass der Herr Papa das nicht sonderlich toll findet und gerne mal beim Einkauf lustige Argumente für andere Farben findet, überrascht mich gar nicht sosehr. Am meisten überrascht bin ich von mir selbst. Ich bin eher ein blau-Mädchen. Zwar waren mir Farben nie so wichtig, aber ich habe als Kind meine Spielzeugautos mit ins Bett genommen und fand He-Man besser als Barbie. Und nun, bei meinem Sohn, muss ich mich selbst richtig überwinden, wenn er ein rosa T-Shirt oder Basecap oder was auch immer haben möchte. Stets versuche ich auszugleichen (wenn wir dir einen rosa Blumentopf kaufen, dann auch noch einen grünen und einen blauen dazu, dann hast du deinen Willen und ich kann es als „bunt“ definitieren…). Weil ich nicht möchte, dass mein Kind gehänselt wird oder einen Stempel aufgedrückt bekommt.
    Mein bester Lehrer in dieser Sache ist übrigens mein Sohn selbst, der sieht das total locker und tut Gegenmeinungen schlicht als Quatsch ab.

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