Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 6: Zwischen Job und Kind zerrissen?

Dein Name

Christina vom Familienreiseblog „Reisemeisterei“

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Mein Mann Sven und ich dürfen eine eigene Tochter von fast 2 Jahren zu unserer Familie zählen. Voraussetzung war, dass zumindest einer in einer gefestigten beruflichen Position steht. In diesem Fall waren das sogar dankbarerweise beide.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Sven spielt eine sehr große Rolle für mich und unsere Tochter. Aufgrund eines Rechtsstreits mit seinem früheren Arbeitgeber war er gezwungen, länger nicht zu arbeiten. Das hat ihm die einmalige Chance gegeben, Vollzeit für seine Tochter da zu sein und das Zusammensein mit ihr zu genießen. Ich denke vor allem dadurch haben die beiden ein sehr enges Verhältnis zueinander. Wir haben fast 9 Monate zu dritt verbracht, bis ich wieder in meinen Beruf eingestiegen bin.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Die Kita und ich teilen uns tagsüber die Sorgearbeit. Einmal in der Woche ist „Oma-Nachmittag“ und Am Wochenende und abends teilen Sven und ich uns die Erziehung. Wobei er gefühlt den größeren Anteil trägt. Mein Familienreiseblog braucht mich als zweites „Baby“ schließlich auch noch. Und ich den Blog auch 😉 Ich fühle mich oft zwischen Job und Kind zerrissen. Am liebsten wäre ich später wieder in den Beruf eingestiegen. Das habe ich allerdings erst feststellen können, als es soweit war. Der Blog ist eher Ausgleich und Leidenschaft, obwohl ich ihn als Gewerbe und halb-professionell betreibe. Schreiben, posten, reisen! Das geht immer!

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Mein Mann arbeitet 100% und ich 50%. Wobei ich insgesamt mit Blog-„arbeit“ auch 100% erreiche. Das dann aber eher abends und am Wochenende. Wir haben offen mögliche Konstellationen abgewogen. Die Tatsache, dass ich beruflich am „Ende der Fahnenstange“ angekommen bin und mein Mann auf ähnlichem Gehalts- und Positionsniveau noch Luft „nach oben“ hat, hat uns die Entscheidung leicht gemacht. Zudem arbeitet er mit wesentlich mehr persönlicher Leidenschaft…

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Meine Einstellung früher: Alles komplett gerecht teilen. Erwerbsarbeit, Erziehungsarbeit, Hausarbeit. Und dann kommt dieses kleine Geschöpf zu uns und die Hormone sprudeln nur so. Feminismus bedeutet für mich auch: Mich nicht abhängig zu machen. Das kann heißen, beispielsweise seine Rente im Blick zu behalten und den Mutter-bedingten Ausfall durch eine private Rente auszugleichen. Oder: Durch den Blog eine berufliche Seite zu leben, die in Vollzeit nicht möglich wäre.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können?

Ich bräuchte einfach 48 Stunden pro Tag. Oder eine gerechte Berentung für die Kindererziehung. Es ist einfach (für mich!) nicht möglich, sowohl im Beruf als auch in der Kindererziehung jeweils 100% zu geben und damit jeweils den Vollzeitmüttern und Vollzeitarbeitenden auf gleicher Augenhöhe in Bezug auf die „Leistung“ gegenüber zu stehen. Beispiel: Mit 50% kann ich beruflich keine ganztägigen Seminare mehr leiten oder bei weit entfernten Terminen bis in den Abend hinein mein Bestes geben. Genauso habe ich weniger Kapazitäten für Singgruppen, basteln, Erziehungsratgeber wälzen, schöne Kleidung auswählen. Das fühlt sich oft ziemlich zerrissen an, weil ich überall erfolgreich sein möchte.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Nach der Geburt unserer Tochter habe ich mich beispielsweise geweigert, Ihr rosa Kleidung anzuziehen. Dies ganz bewusst nicht zu tun, ist allerdings genauso stereotyp, denke ich inzwischen. Wir versuchen, Ihr nun einfach offen Dinge anzubieten. Das Traktorbuch steht neben dem rosa Kinderklavier. Sie wählt und soll ihren eigenen Weg finden.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Manche Mütter in meiner Umgebung machen mir etwas Angst mit ihrer Auslegung der Gleichberechtigung. Für beispielsweise Vollzeitarbeit 8 Wochen nach der Geburt bin ich wohl nicht gestrickt. Irgendwie setzt es mich auch unter Druck, nicht „tough“ genug zu sein. Andere Mütter wiederum haben nach vielen Jahren der Elternarbeit keine private Rente und vielleicht auch keine Chance für einen beruflichen Einstieg. Einige Mütter beeindrucken mich allerdings, wie sie kreative Wege finden, Muttersein und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bekommen. Und wenn es mit einer Tätigkeit von zuhause ist. Nähen, Schreiben, Gründung eines kleinen Unternehmens, beruflicher Aufbau. Meine eigene Mutter unterstützt mich sehr auf meinem Weg, ebenso mein Mann und seine Mutter. Das gibt mir Sicherheit.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Ausgleich zur Elternarbeit. Unabhängigkeit. Sicherung meiner Rente. Nutzung meiner beruflichen Ausbildung. NICHT: „Rauskommen“.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Die Frage ist: Hat die Gesellschaft die Erwartungen oder ich? Wer ist die Gesellschaft? Mein Arbeitgeber? Der möchte, dass ich pünktlich erscheine und hochkonzentriert arbeite, auch wenn meine Tochter in der Kita gebockt hat oder die Nacht schrecklich war. Andere Mütter? Die sind häufig ebenso verunsichert in ihren Modellen. Ich spüre die Spannung, dass ich von Rolle zu Rolle springe, je nachdem, wo ich mich gerade befinde. Und meine Kapazität einfach manchmal nicht ausreicht, um alles von Impfterminen bis hin zu Gesetzestexten, Jahrestagen und Einkaufslisten, Finanzplanung, gesunder Kinderernährung und Haushalt zu jonglieren.

Previous Post Next Post

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply kindgerechtblog 31. Mai 2014 at 7:54

    Eine tolle Serie! Herzlichen Dank

  • Reply Nana Du 18. Juni 2014 at 16:50

    Wer sagt, dass man als berufstätige Mutter 100 % Mutter und 100 % geben muss? Frau hat eben auch nur 100 % zur Verfügung und wenn man die verteilt und seine Sache gut macht, reicht es doch völlig! Setz dich nicht so unter Druck, möchte ich dir gerne sagen (obwohl ich weiß, dass man es doch tut).

  • Leave a Reply