Interviews Feminismus und Mutterschaft

Feminismus und Mutterschaft 7: Selbstverwirklichung und Muttersein schließen sich nicht aus

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Sabine

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich bin 37 Jahre alt und habe einen inzwischen fast vierjährigen Sohn. Hätte man mich mit 30 gefragt, ob ich Kinder möchte, hätte ich mit NEIN geantwortet. Irgendwann kam das Thema Kinder zwischen meinem fast 13 Jahre älteren Mann und mir dann aber doch auf. Er hatte bereits einen fast erwachsenen Sohn aus einer früheren Beziehung und hatte für sich das Thema eigentlich auch ad acta gelegt. Da wir versuchen, ein bewusstes Leben zu führen und offen für alles zu sein, haben wir uns lange über das Kinderkriegen Gedanken gemacht und waren uns irgendwann einig, uns auf das Abenteuer einzulassen. Es war eine sehr bewusste Entscheidung, die wir, obwohl es eine ganze Weile gedauert hat, bis es geklappt hat, nie in Frage gestellt haben. Letztendlich war für mich der Zeitpunkt auch beruflich richtig (gut funktionierende Selbstständigkeit, aber auch der Wunsch nach Veränderung) und wir sind der Herausforderung Kind aus einem ausgefüllten, gefestigten Leben heraus begegnet.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Mein Mann arbeitet Vollzeit in einer Führungsposition und ist dementsprechend zeitlich sehr gebunden. Er ist oft traurig, dass er nur wenig Zeit mit seinem Sohn verbringen kann, nutzt aber dafür die Zeit mit ihm bewusst und intensiv. Morgens nimmt er sich Zeit zum Spielen und Frühstücken und fährt ihn anschließend zur Tagesmutter (bald Kindergarten). Abends ist er meist gegen 19 Uhr zu Hause und die letzte Stunde vor dem Zubettgehen sowie das Abendritual mit Zähneputzen, Umziehen, Vorlesen, Kuscheln etc. ist in der Regel Papas Job. Auch am Wochenende unternehmen die Herren gerne mal etwas alleine. Was Erziehungsfragen, Entscheidungen etc angeht, sind wir uns meist einig und immer im Dialog. Ich finde, mein Mann ist ein toller Vater.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Mein Mann verdient als in Vollzeitangestellter deutlich mehr als ich, was für uns aber nie ein Thema war. Wir haben ein gemeinsames Konto, auf das alle Einnahmen fließen und auf das jeder uneingeschränkt zugreifen kann. Zusätzlich haben mein Mann und ich jeder ein eigenes „Taschengeldkonto“, auf das jeder von uns jeden Monat den gleichen Betrag überwiesen bekommt und mit dem jeder tun und lassen kann, was er mag. Irgendwie sind diese Konten vor allem ein Symbol für unsere individuelle Unabhängigkeit und wir behalten es bei aus eher nostalgischen Gründen. Mein Mann bezahlt damit meistens unsere Weinbestellungen und ich unsere Urlaubsflüge ;-), also fließt das meiste sowieso zurück in den Familienkreislauf.

Ansonsten teilen wir die private Arbeit (Hausarbeit, Sorgearbeit, Buchhaltung etc.) wie es eben geht: Jeder packt an wie und wo es möglich ist. Er bringt den Müll weg, ich wasche die Wäsche und mache die Buchhaltung, jeder räumt mal auf. Fürs Grobe leisten wir uns eine Putzhilfe. Der samstägliche Großeinkauf war schon vor unserem Sohn eine für uns schöne, gemeinsame Unternehmung – jetzt sind wir dabei eben zu dritt.

In meiner Selbstständigkeit bin ich zeitlich mal mehr, mal weniger beansprucht. Mein Sohn geht, seit er etwas über ein Jahr alt war, zur Tagesmutter, derzeit 25 Stunden in der Woche. Diese Zeit ist meine Arbeitszeit. In Zeiten mit höherer Arbeitsbelastung habe ich sehr nette Schwiegereltern in der Nähe, die bereits in Rente und somit zeitlich flexibel sind – sowohl tagsüber als auch abends -, was mir, und auch uns als Paar, wunderbare Freiräume schafft.

Da ich (im Schnitt) weniger Stunden im Job arbeite, verbringe ich (im Schnitt) auch etwas mehr Zeit mit Haus- und Sorgearbeit als mein Mann.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, Mutter zu werden. Ich war gerne schwanger, ich habe gerne und sehr lange gestillt, ich liebe meinen Sohn von ganzem Herzen und bin immer wieder begeistert, diesen kleinen Menschen heranwachsen zu sehen.

Das Muttersein jedoch ist auch nur ein Aspekt meiner Persönlichkeit. Ein wichtiger. Ein zeitaufwändiger. Ein schöner. Aber eben nur ein Aspekt von vielen. Es ist ein Aspekt, der dazugekommen ist, zu den vielen anderen, die schon da waren und auch durch das Mutter werden trotzdem geblieben sind.

Als mein Sohn gerade acht Wochen alt war, habe ich meinen ersten Kundenauftrag abgewickelt. Zu einem wichtigen Geschäftstermin ist mein Mann mitgefahren. Ich habe meinen Sohn noch mal im Auto gestillt, bin dann zum Termin, während mein Mann mit meinem Sohn spazieren gegangen ist. Für mich schließen sich Selbstverwirklichung und Muttersein nicht aus. Natürlich müssen dafür die inneren und äußeren Voraussetzungen gegeben sein.

Nur, weil ich Mutter geworden bin, hat sich mein Verständnis von Feminismus, von Selbstverwirklichung und Selbstständigkeit, meine Ziele und Wünsche nicht verändert. Verändert hat sich die Organisation des Alltags, der Tagesablauf, der Wert von Zeit.

Seit ich Mutter bin, bin ich zielgerichteter geworden, verdödel nicht mehr so viel Zeit mit Nichtigkeiten. Ich nutze meine Zeit intensiver: Bin intensiver im Job, pflege leidenschaftlich meine Hobbies, genieße bewusst die Zeit mit meinem Kind und meinem Mann – und auch gerne mal alleine.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-Sein” leben zu können?

Ich bin mehr als glücklich mit meinem Dasein als Frau und Mutter, da ich das Glück habe, für mich perfekte Rahmenbedingungen zu haben: Eine funktionierende, gleichberechtigte Partnerschaft und ein sehr unterstützendes Umfeld, genügend finanzielle Mittel, eine gut funktionierende Selbstständigkeit, die mir ein hohes Maß an zeitlicher Flexibilität ermöglicht, gute, flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten (Tagesmutter, KiTa, Großeltern) und nicht zuletzt ein hohes Maß an Gelassenheit.

Ich weiß, dass es viele Mütter und Familien nicht so leicht haben, wie ich/wir es habe/n. Meiner Meinung fehlt es vor allem an flexiblen Arbeitgebern und Arbeitszeitenmodellen, guter, sicherer und zuverlässiger Kinderbetreuung, einem generell offeneren Klima in der Gesellschaft (mehr Kinderfreundlichkeit, mehr Mütterfreundlichkeit, mehr Familienfreundlichkeit).

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Das Thema Rollenvorbild – sowohl auf männlicher als auch auf weiblicher Seite – ist für mich sehr spannend. Als Kind hatte ich lediglich „negative“ weibliche Rollenvorbilder, es gab keine Frau in meinem Umfeld, die für mich als Vorbild getaugt hätte. Natürlich bin ich deshalb besonders sensibel für das Thema männliches Rollenvorbild für meinen Sohn. Ich habe das Glück, dass sowohl mein Mann als auch mein Vater meiner Meinung nach gute Vorbilder sind.

Sowohl ich als auch mein Mann sind äußerst liberal, was andere Lebensentwürfe angeht, wir engagieren uns ehrenamtlich und künstlerisch, sind offen für neue Erfahrungen und Bekanntschaften, haben einen großen, bunten Freundes- und Bekanntenkreis und hoffen, dass unsere Art zu leben, zu diskutieren, zu handeln, zu lieben ein gutes Vorbild für unseren Sohn ist. Für mich heißt es nicht Erziehung, sondern Beziehung.

Was Kleidung und Spielzeug angeht, darf er selbst entscheiden, was ihm gefällt: Er besitzt sowohl „weibliches“ als auch „männliches“ Spielzeug und Bücher. Er spielt gerne mal wild, liest aber auch gerne mal ganz in Ruhe ein Buch, er spielt viel mit Mädchen und ist insgesamt nicht ganz so stürmisch wie viele andere Jungs in seinem Alter. Ich freue mich über seine Eigenheiten, seine Einzigartigkeit und lasse ihn sein, wie er ist.

Ich bin gespannt, wie es im Herbst in unserem katholischen Landkindergarten wird, welche Einflüsse, Ansichten, Überzeugungen dort herrschen und wie wir damit ungehen werden.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Ich lebe in der bayerischen Provinz, in der mein Mann und ich ohnehin (als Zugezogene) ein wenig als Exoten gelten. Die meisten Frauen mit Kleinkindern in meinem Umfeld leben in meist traditioneller Rollenverteilung, meine Freundinnen mit älteren oder erwachsenen Kindern leben oft emanzipierter. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Frauen mit dem klassichen Rollenmodell unglücklich mit ihrem Lebensentwurf wären. Ebenso fühle ich mich gefestigt, was meine Art zu Leben angeht. Ich versuche, andere Frauen zu unterstützen, wo ich kann, wenn es gewünscht ist – mit einem offenen Ohr oder Rat und Tat und finde auf der anderen Seite auch immer ein offenes Ohr, wenn ich mal eins brauche.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Ich mag meine Arbeit. Ich freue mich, dass ich – finanziell und ideell – erfolgreich bin, mit etwas, das ich gut kann und (meistens) auch gerne mache. Mir war es schon immer wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen und das Gefühl zu haben, selbst für mich sorgen zu können.

Ebenso wichtig ist es für mich, Tätigkeiten zu haben, die mich ausfüllen, wo mir allein die Tätigkeit Belohnung genug ist. Ich habe das Glück, zusätzlich zu meiner Erwerbsarbeit zwei Herzenshobbys zu haben, die mich sehr glücklich machen und die sich inzwischen sogar selbst finanzieren.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Ehrlich gesagt ist es mir inzwischen ziemlich egal, was die „Gesellschaft“ (sei es die große, allgemeine oder die ganz spezielle) von mir erwartet. Ich habe lange Jahre damit verbracht, mich zwischen Erwartungen, die meine Eltern, meine Freunde oder die „Gesellschaft“ an mich hatten, aufzureiben – so sehr, dass ich mit Mitte 20 in einer tiefen Depression steckte und gar nicht wusste, was ICH eigentlich will.

Inzwischen kann ich die Erwartungen anderer gut dort lassen, wo sie hingehören: Beim anderen! Ich versuche, so zu leben, wie ich es für richtig halte und andere so leben zu lassen, wie sie es gerne möchten. Ich denke, es ist vielleicht meine Gelassenheit diesbezüglich die dazu führt, dass inzwischen viele Frauen meinen Rat suchen. Mein Mann sagt immer, dass ich ein gutes Rolemodel für andere Frauen bin. Ich bin stolz, dass er so über mich denkt und möchte zumindest dieser einen „Erwartung“ gerne gerecht werden 😉

Was ich persönlich sehr schade finde, ist, dass sich manche Frauen gegenseitig das Leben schwer machen, in dem sie ihren persönlichen Lebensentwurf oder die persönliche Meinung als allgemeingültige Wahrheit darstellen, sich gegenseitig anfeinden für unterschiedliche Ansichten oder Entscheidungen. Ich kenne viele, vor allem jüngere Mütter, die sich nachhaltig von anderen Frauen verunsichern lassen und sehr darunter leiden.

Ich wünsche mir eine größere Solidarität unter Frauen, eine größere Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensentwürfen und mehr Offenheit für die Andersartigkeit eines jeden einzelnen. Ich bin dankbar, dass ich in meinem Umfeld viele offene, tolerante Menschen habe und hoffe, selbst etwas dazu beitragen zu können, dass die Menschen sich immer mehr und besser unterstützen. Und ich hoffe, diesen Samen auch in der Beziehung zu meinem Sohn pflanzen zu können.

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3 Comments

  • Reply Lesetipps: Interviews bei Glücklichscheitern | fuckermothers 31. Mai 2014 at 16:22

    […] und Mutterschaft’ zu lesen, die glücklichscheitern mittlerweile in beachtlichen 1-2-3-4-5-6-7 Teilen veröffentlich hat. Dafür ist es aber auch sehr interessant, die Texte gleich […]

  • Reply A. Liese 20. Juni 2014 at 13:16

    „Was ich persönlich sehr schade finde, ist, dass sich manche Frauen gegenseitig das Leben schwer machen, in dem sie ihren persönlichen Lebensentwurf oder die persönliche Meinung als allgemeingültige Wahrheit darstellen,…“
    Diese Erfahrung habe ich auch gemacht – leider war aber auch ich nicht immer tolerant. Es ist schwerer als gedacht, über den Tellerrand zu schauen. Sich auszutauschen und eigene Erfahrungen zu sammeln, ist allerdings hilfreich. Insofern wünsche ich dir viele LeserInnen für deinen Blog!
    LG Aliese

  • Reply Berit 11. Juli 2014 at 9:15

    <3

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