Familie

Geburtsbericht: Cashew

Bald ist Cashew schon sechs Monate. Wow. Ist das alles schon so lange her? Aber ja, den Bericht wollte ich noch schreiben, bevor ich es vergesse. Obwohl ich merke: Ich vergesse eher Minimes Geburt. Die Geburt von Cashew hat die erste Geburt irgendwie überlagert. Und das ist gut. Obwohl auch Cashew letzten Endes per Kaiserschnitt geholt wurde.

Dabei war ich so überzeugt, dass es diesmal „klappen“ würde. Aber erst mal hieß es: Warten. ET + 8. Das Wetter ist gut, wir sind noch auf dem Spielplatz. Das Warten nervt. Ich spüre leichte Wehen. Ein bisschen bin ich aufgeregt. Abends, zu Hause, sind sie wieder weg. Am nächsten Morgen, Minime ist im Kindergarten, setzen wieder leichte Wehen ein. Um elf habe ich noch einen Termin bei meiner Hebamme, zur Kontrolle. Der Mann begleitet mich. Auf dem CTG sieht man die Wehen schon. Ich bitte sie, mich vaginal zu untersuchen, ob man schon am Muttermund was feststellen kann. (Deshalb habe ich bis auf die Ultraschall-Untersuchungen alle Vorsorgeuntersuchungen bei meiner Hebamme machen lassen. Da gehört die vaginale Untersuchung nicht zur „Routine“ und darüber bin ich sehr dankbar).

Sie sagt, alles ist weich und es könnte in den nächsten Tagen soweit sein. Hä? In den nächsten TAGEN? Menno…

Zu Hause angekommen gehe ich in die Badewanne. Wenn es „echte“ Wehen sind, werden sie dann stärker habe ich gehört. Warmes Wasser, abtauchen. Wehen weg. Menno… Ich gehe wieder aus der Wanne. Die Wehen werden stärker. Hä? Ich bin hundemüde, sage dem Mann, dass ich  mich noch mal hinlege. Und das, falls die Wehen danach noch da sind, wir Freunde anrufen und bitten werden, Minime vom Kindergarten abzuholen. Ich lege mich hin, aber die Wehen werden doch stärker. Um 14 Uhr sage ich dem Mann, das ich glaube, das es los geht. Ich rufe in der Entbindungsklinik an, die ca. 20min Autofahrt von unserer Wohnung weg ist.

„In welchen Abständen kommen die Wehen?“ Fragt mich eine gelangweilt klingende Hebamme. „Hm, ich glaube alle 5-7 min und sie dauern dann…(ich weiß es heute nicht mehr!)“ „Neee, die müssen schon häufiger kommen und länger dauern (Pause)“ „ABER ES IST MEIN ZWEITES KIND!“ sage ich. „Sie können ja mal vorbei kommen und wir machen ein CTG“. Ja klar. Ich komm mal vorbei, als ob ich dann noch mal weg fahren würde. Wir packen unsere Sachen und es geht los. Im Auto messe ich mit dem Handy die Abstände und Dauer der Wehen. Die Abstände sind jetzt kürzer, die Dauer länger.

Wir kommen am Kreißsaal an. Mich nimmt die Hebamme in Empfang, die auch am Telefon gewesen sein muss. Sympathisch ist sie mir nicht. Recht emotionsfrei. Ich werde an ein CTG gelegt. Im gleichen Raum wie auch drei andere Frauen. Links neben mir tönt eine schon recht laut, Mann und die Mutter der Frau laufen durch die Gegend. Mir gegenüber steht eine Frau, mit Kopfhörern, alleine und wiegt ihr Becken hin und her. Rechts liegt eine Frau. Schräg links dazwischen eine Frau, die offensichtlich schwanger, aber nicht unter der Geburt ist. Sie sieht erschrocken aus und ich habe Mitleid. Der Wehenschreiber, an dem ich hänge, hat kein Papier mehr. Na toll. Ehrlich, ein bisschen mehr Privatssphäre hätte ich mir schon gewünscht. Es dauert aber nicht lange und wir dürfen in den Geburtsraum.

Die Wehen fühlen sich schon ordentlich an. Die Hebamme wird von einer Schülerin begleitet, die mich offensichtlich zuerst untersuchen „darf“. Zuversichtlich sagt sie „Unter den Wehen ist der Muttermund schon bei drei bis vier Zentimetern!“ Und ich so: WTF?? Das tut doch voll weh, wie soll ich das denn noch so lange aushalten? Offensichtlich stand mir das ins Gesicht geschrieben, denn die Hebamme sagte verwundert „Sie sehen so enttäuscht aus?“ Ja, denn bei Minime war der Punkt, an dem es für mich schmerzhaft wurde dicht gefolgt von „Gratuliere, der Muttermund ist komplett geöffnet“. Da war am Tag vorher aber auch schon die Fruchtblase geplatzt. Die Hebamme untersuchte mich auch noch mal und sagte dann „Also ich taste fünf Zentimeter, das ist doch gut?!“ (Ich will ihr nix unterstellen, aber vielleiiiicht sagte sie das um mich bei Laune zu halten. „Ich will in die Wanne!“ forderte ich. Die Hebamme und ihre Schülerin verließen den Raum. Ich saß auf dem Hopsball, hielt mich am Mann oder Tuch fest. Es tat sch***ße weh. So kannte ich das von Minime nicht. Die Hebammenschülerin kam wieder rein. „Ich will eine PDA. Ich hab gelesen, hier gibt es die Möglichkeit einer Walking-PDA, das will ich!“ Die Hebammenschülerin straffte ihre Schultern und rezitierte: „Natürlich können Sie eine PDA haben, aber ich muss Sie informieren, dass eine PDA einen Eingriff in den natürlichen Geburtsverlauf darstellt und gegebenenfalls Folgekomplikationen entstehen können. Aber Sie wollten in die Wanne, die ist grade fertig gelaufen.“ Na toll. PDA klingt besser, andererseits wollte ich doch schon bei Minime eine Wannengeburt. Ich seufzte und sagte: „Ok, Wanne“. Wir gingen rüber in das Badezimmer, der Mann half mir beim Ausziehen und bekam zum Dank nasse Füße: Meine Fruchtblase platzte. Im selben Moment ließ dieser dauerhafte Druck nach und die Hebamme untersuchte mich noch mal und sagte: Der Muttermund ist offen. Es war ungefähr 19 Uhr. Ich ging in die Wanne und war glücklich. Durchatmen.

Dann kamen die Wehen mit voller Wucht. Der Druck ging nach unten. Der Mann sagte hinterher, er war überzeugt, ich würde die Haltegriffe aus der Wanne reißen. Aber zwischen den Wehen, da fühlte ich Frieden. Jaaa, so wollte ich das!

„Sie müssen leider wieder aus der Wanne raus. Die Herztöne sind nicht in Ordnung.“ Neeee, das war doch ein Witz, oder? Es fühlte sich wie ein schlechtes DejaVu an. Bei Minime durfte ich wegen schlechter Herztöne gar nicht erst in die Wanne und jetzt wieder. „Ich geh hier nicht raus!“ Sagte ich. Traute ich mir zu sagen, weil ich die Hebamme nicht leiden konnte. Mir egal ob die mich blöd fand. „Leider bestimmt jetzt ihr Kind den weiteren Verlauf“ sagte die Hebamme, ziemlich nüchtern. Ich wusste wie das endet: Geht etwas schief, wird man mir die Schuld geben. Kann etwas, was sich so gut anfühlt, falsch sein?

Also wieder raus aus der Wanne. Zurück in den Geburtsraum, über den Flur. Die Hebamme warf mir noch irgendwas über, damit ich nicht nackt über den Flur lief, aber mir war das total egal. Die Hebamme bat mich, mich auf die Seite aufs Bett zu legen. Noch so ein DejaVu. Wie bei Minime ging es zunächst weiter: Auf der Seite liegen. Von wegen, in diesem Krankenhaus dürfe man sich die Geburtsposition aussuchen. Sie sollten dazu sagen/schreiben, dass das nur für komplikationslose Geburten gilt. Auf die andere Seite. Vierfüßler. Kannte ich alles. Wehen veratmen. Haha, Presswehen veratmen. Klappte nicht immer. „Warum pressen Sie denn jetzt mit?“ blaffte mich die Hebammenschülerin an. Wenn ich nicht mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wäre…

Nichts ging mehr. Ich hatte keine Kraft. Die Hebamme holte die Ärztin. Es gab Wehenhemmer (ja nicht HAMMER) und einen Ultraschall. Das Köpfchen lag quer im Becken. Äh, also das falsche quer. Falsch halt. Die Ärztin ging, die Hebammenschülerin machte mit mir „Äpfelschütteln“. Ellenbogen und Knie lagen auf dem Bett, die Schülerin schüttelte mein Becken. Fragt nicht. Die Hebamme kam wieder rein. Sie machte mir noch Mut, aber diesmal spürte ich, dass da nichts mehr „tiefer“ ging. Die Wehen wurden schwächer oder fühlten sich so an. Der Druck wurde weniger, meine Kraft ließ nach. Ich sagte, ich will einen Kaiserschnitt. Die Hebamme bat mich, noch eine andere Position zu probieren, danach würde sie die Ärztin holen, falls sich nichts täte. Um 22 Uhr holte die Hebamme noch mal die Ärztin und wir (!) entschieden uns für einen Kaiserschnitt. (Vermutlich hätte man ihn mir auch nahe gelegt, wenn ich mich nicht selber dazu geäußert hätte. Aber es fühlte sich in dem Moment so an, als sei ich in die Entscheidung einbezogen worden). Und die Hebamme sagte (und da wurde sie mir fast sympathisch): „Sie haben wirklich alles gegeben, richtig gekämpft!“

Ein Kaiserschnitt geht auch anders: Kaisergeburt. Ich fand die OP selber bei Minime nicht schlimm. Ich war erleichtert, dass die Schmerzen nachließen (von denen danach wusste ich damals ja noch nichts) und das Team war sehr nett. Im Krankenhaus, in dem ich Cashew auf die Welt brachte, gab es die so genannte „Kaisergeburt“: Das Kind wird einem direkt nach der Entbindung, über den Sichtschutz, in die Arme gelegt (sofern keine Risiken bestehen). Das wollte ich.

Zunächst sollte mir die PDA gelegt werden. Als der Anästhesist irgendwo an meiner Wirbelsäule rumfummelte, überkam mich – trotz Wehenhemmer – noch eine Wehe. Die Assistentin rief: Nicht bewegen! Die Hebamme hielt meine Hände und bat mich ruhig zu atmen. Alles grad noch mal gut gegangen! Ich lag also auf dem OP-Tisch und spürte, wie die PDA wirkte und die Ärztin anfing zu operiern. Plötzlich ging es rund in meinem Bauch! Nur weil ich keine Schmerzen hatte, war ich nicht völlig gefühlsbefreit und es fühlte sich an wie die Kindsbewegungen gegen Ende. Die Hebamme flüsterte rüber: „Tja, sowas hat die Ärztin auch noch nicht gesehen: Das Baby hat sich noch mal komplett gedreht und wurde mit dem Popo zuerst geholt!“ Soso, ET + 9, den Geburtskanal meiden und dann der Welt den A*sch zuerst zeigen. Das kann ja heiter werden, Cashew! Er wurde über das Tuch gereicht, der Mann durchschnitt die Nabelschnur und Cashew lag auf meiner Brust. Oder eher Schulter. Irgendwie rutschte er immer hoch. Er roch…fleischig 🙂 Ich wurde wieder zugenäht und meine rechte Schulter tat schrecklich weh. Ich wollte das Baby abgeben aber traute mich nicht, das zu sagen. Man hätte mich für eine Rabenmutter halten müssen. Wie sich bald raus stellte: Der Op-Tisch war schief und das führte zum Krampf in meiner Schulter. Ich wurde grade gerückt und es ging schon viel besser. Nichts desto trotz muss ich gestehen: Ich war sooo müde und erschöpft, ich hätte trotzdem nichts dagegen gehabt, wenn der Mann das Baby gehalten hätte.

Wir wurden zurück in den Geburtsraum gebracht, Cashew blieb bei mir und wir waren erst mal für uns. Da es schon gegen Mitternacht war, waren wir alle ziemlich erschöpft. Minime wurde damals noch angezogen und in eine Wiege gelegt. Cashew durfte bei mir bleiben.

Im Gegensatz zu der Zeit im Krankenhaus mit Minime waren zwei Sachen bei Cashew entscheidend, die mir halfen mich zu erholen: Ich habe den Mann ALLES machen lassen. Außer im Bett mit Cashew kuscheln habe ich nichts gemacht. Der Mann hat gewickelt, gefüttert, den morgendlichen Gang zum „Kinderzimmer“ übernommen und Essen organisiert. Bei Minime fühlte ich mich schlecht, wenn ich das nicht selber übernahm. Und: Ich forderte Schmerzmittel ein. Bei Minime dachte ich, wenn sie mir nichts geben, dann heißt das wohl, ich bräuchte nach medizinischer Sicht nichts. Das führte dazu, dass ich recht schnell nur eine Ibuprofen 800 am Tag nahm (im Krankenhaus). Bis ich vor Schmerzen kaum noch sprechen konnte. Bei Cashew fragte ich bei jeder Visite, jedem Schichtwechsel nach Schmerzmitteln. Nochmal wollte ich nicht so unnötig leiden. Und es gab noch drittens: Hatten wir bei Minime quasi direkt nach der Geburt bereits Besuch, kamen bis auf die Eltern des Mannes und Minime erst drei Tage nach der Geburt die ersten Besucher_innen.

Ganz schön lang geworden. Ich weiß nicht, woran es liegt: Daran, dass ich diesmal nicht so von diesem Geburtsvorgang überrumpelt war; daran, dass ich in die Entscheidung zum Kaiserschnitt mit einbezogen war; daran, dass die Ärztin von der Hebamme geholt wurde und sich nicht einfach in den Geburtsvorgang einmischte wie bei Minime oder daran, dass der Mann alle Arbeit übernahm und ich es mir mit den Schmerzmitteln im Bett so „gemütlich“ machte wie es ging. Vielleicht an der Kaisergeburt (glaub ich weniger). Oder aber daran, dass es bei Cashew eine echte „Indikation“ (hoher Geradstand) für den Kaiserschnitt gab, die man mir bei Minime schuldig blieb – aber mir ging es nach diesem Kaiserschnitt wesentlich besser. Wesentlich. Ich war sogar fast mit der ersten Geburt wieder versöhnt.

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8 Comments

  • Reply kiddothekid 28. November 2014 at 14:08

    Danke! Ich lese Geburtsberichte immer so gern! Schön, dass der zweite Kaiserschnitt nicht so schwer auf der Seele liegt. Das mit der eindeutigen Indikation ist schon irgendwie wichtig für die Verarbeitung, oder? Ich frage mich selbst immer noch, ob ich es nicht auch „normal“ geschafft hätte. Konnte nie einer so wirklich beantworten in der Klinik.

    • Reply glücklich scheitern 9. Dezember 2014 at 20:31

      Mir hat die Indikation sehr geholfen. Nach dem Motto, „Ok, das war halt nötig“ und nicht „da hat die Krankenhausroutine entschieden“. Aber auch beim ersten Denke ich inzwischen: Vielleicht sollte es nicht anders sein. Aber ja, das geht nur mit etwas abstand

      • Reply kiddothekid 11. Dezember 2014 at 16:59

        Ist wohl so. Mein nötiger Abstand ist noch nicht ganz erreicht. Aber es ist schon viel besser,seit ich darüber rede. Komisch,wie einen dieser seltsame Geburtsmythos doch mehr prägt als erwartet.

  • Reply Damasco Verde 28. November 2014 at 21:06

    Danke für den Bericht. Schön, dass auch ein 2. KS heilend wirken kann und nicht nur die perfekte Hausgeburt mit Urschrei 😉

  • Reply Katharina 28. November 2014 at 23:46

    Danke fürs Teilen!

  • Reply anna 4. Dezember 2014 at 16:44

    Auf den zweiten Geburtsbericht hab ich schon länger gehofft, danke! Hahahaha und den Humor nicht verloren, schön 🙂

  • Reply Anna 21. April 2015 at 10:47

    Ich habe nach meiner sehr langen „spontanen“ Geburt (ich war insgesamt fast 30 Stunden wach, davon hatte ich bestimmt 20 Std lang alle 5 Minuten Wehen) recht schnell nach dem ersten Auf-die-Brust-Legen zu meinem Mann gesagt: „So zieh jetzt mal T-Shirt und Pulli aus und nimm das Baby, ich schlafe jetzt erstmal!“ 😉

  • Reply Kaiserschnitt? Kein Grund für ein schlechtes Gewissen, denn du bist nicht allein - Terrorpüppi 30. September 2017 at 12:07

    […] hat niemand das Gefühl gegeben, nicht alles getan zu haben, nicht alles gegeben zu haben.“ (Melanie vom Blog Glücklich […]

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