Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus & Mutterschaft 14: Muttersein ist nicht genug

Hier ein Gastbeitrag von Mamischreibt:

MUTTERSEIN IST NICHT GENUG

Ich wollte nie Kinder haben. Ich gebe es zu, ich gehörte zu den Frauen, die Kindergeschrei immer eher als lästig empfunden haben und die sich nie vorstellen konnten, jemals ein Kind zu haben. Ich wollte nie zu den verlassenen Frauen gehören, die dann allein mit ihrem Kind zurück bleiben und ihr gesamtes Leben nur noch ihrem Nachwuchs widmen. Nicht, weil ich es nicht könnte, nicht, weil ich mir das nicht zutrauen würde.

Aber die Entscheidung für ein Kind träfe nicht ich alleine, also sollte auch die Versorgung gleichermaßen gleichberechtigt ablaufen und nicht eine/r alleine verantwortlich sein, sollte die Beziehung doch in die Brüche gehen. Natürlich gibt es auch Partnerschaften, die halten, aber als generell pessimistisch eingestellter Mensch würde ich sicherlich niemals eine solche erleben. Thema abgehakt.

Und dann kam er. Er stand einfach vor mir. Mein Traummann. Stark und einfühlsam und bereits Vater einer Tochter, die bei ihm lebte. Ein Mann, der nicht nur Mann und Partner ist, sondern eben auch leidenschaftlicher Vater trotz dessen, dass das Verhältnis zur Ex und Mutter des Kindes mehr als schlecht ist. So schnell konnten wir gar nicht schauen, da war das gemeinsame Kind Thema und ich wurde schwanger, viel schneller, als es eigentlich geplant war und trotzdem konnte uns alles nicht schnell genug gehen, so sehr wünschten wir uns ein Kind.

Es fühlte sich richtig an, es fühlte sich gut an und ich wusste, selbst wenn unsere Beziehung irgendwann tatsächlich scheitern sollte – ich erwähnte bereits, dass ich ein generell pessimistisch eingestellter Mensch bin – stünde ich nicht mit dem Kind alleine da. Getrennt von meinem Partner ja, aber nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Kindsvater für das Kind verantwortlich, es liebend und unterstützend.

Ich, die Bedürfniserfüllungsmaschine

Und dann kam er, mein kleiner, süßer, unglaublich entzückender Sohn, und mit ihm das Gefühl des Alleingelassenseins, das Gefühl der Fremdbestimmung, das Gefühl, nicht mehr Frau meines eigenen Körpers, meiner eigenen Gedanken, meiner eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu sein. Stattdessen bin ich eine Bedürfniserfüllungsmaschine für meinen kleinen Sohn geworden und kämpfe mit einem wahnsinnig familienunfreundlichen System, einem System, das darauf aufgebaut ist, dass die Mutter sich kümmert. Immer. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vierzig Stunden am Tag, zehn Tage die Woche.

Müdigkeit? Kennt eine Mutter nicht. Krankheit? Alle Viren und Bakterien prallen wie an einem unsichtbaren Schutzschild von der Mutter ab. Arbeitswunsch? Eine Mutter hat keinen Arbeitswunsch, denn eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter ist eine … Ihr versteht schon. Der Vater? Der ist nicht so wirklich eingeplant – höchstens als Geldbeschaffer.

Es ist als hätte ich als Frau, als Mensch, als Individuum all meine Wünsche und Träume und Seinszustände an der Tür des Krankenhauses abgegeben und wäre mit dem Stempel „MUTTER“ wieder nach Hause gekommen. Und da bin ich nun. Zu Hause. Mit meinem zuckersüßen, wundervollen Sohn. Und ich bin zu Hause und zu Hause und zu Hause und erlebe das erste Mal in meinem Leben, wie es ist, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, weil ich nichts anderes mehr denken darf, als Baby! Wie sehr beneide ich meinen Freund, der zur Arbeit gehen kann, der Konversation mit Kollegen hat, der Abends Meetings hat, während ich zu Hause bin und die Entwicklungsfortschritte meines Sohnes beobachte und dankbar bin, dass ich gerade nicht krank bin.

Der Unterstützungsmythos

Und was ist, wenn ich doch mal krank bin? „Holt euch Unterstützung!“ heißt es immer. Toller Vorschlag! Und woher? Wie genau soll denn diese Unterstützung aussehen? „Jemand der mit dem Kind rausgeht!“ Hervorragender Vorschlag! Und wer soll das sein? Den allermeisten Menschen geht es doch so, wie meinem Partner: die gehen tagsüber arbeiten und haben keine Möglichkeit, mir mal den Kleinen abzunehmen!

Es ist tatsächlich so, es gibt in meinem Umfeld niemanden, der mal vorbei kommen könnte, und sich im Notfall mal um den Kleinen kümmern könnte. Aber glücklicherweise werde ich sojemanden ja auch nie brauchen, immerhin gibt es ja besagtes Viren- und Bakterienschutzschild. Sollte das doch einmal versagen, so hat das egal zu sein, denn ich kümmere mich, muss mich kümmern, weil es sonst niemand macht.

Und dann sitze ich mit meinem hundertsten Nervenzusammenbruch in einer Ecke, während mein kleiner Sohn in den Armen seines Vaters schreit und mein wundervoller Partner kommt zu mir und sagt: deshalb machen wir das doch zusammen! Ja, wir machen das zusammen. Aber machen wir es auch gleichberechtigt? Wir haben in vielen Dingen bereits wundervolle Modi gefunden, die für uns gut funktionieren. Wir haben die Nächte aufgeteilt, so dass jeder von uns zu Schlaf kommt, wir haben Auszeiten eingerichtet, in der jeder von uns die Möglichkeit hat, etwas babyfreie Zeit zu verbringen und ich bin dankbar und froh, dass mein wundervoller Traummann die Möglichkeit hat, sich gerade so viel Zeit für uns zu nehmen und mich zu unterstützen.

Trotzdem fühle ich mich allein gelassen und auf mein Mutterdasein beschränkt. Ich möchte auch arbeiten, ich möchte mich auch verwirklichen, ich möchte auch auf Meetings gehen, ich möchte auch wunderbare Projekte leiten und durchführen … Während das bei einem Mann überhaupt kein Problem ist, stehe ich jetzt in einer Existenz, in der ich so nie sein wollte, in der ich jetzt aber wohl noch länger sein werde, als ursprünglich geplant, weil Vater sehrschlau Staat dafür gesorgt hat, dass ich mein Kind erst einmal nicht in eine Betreuungseinrichtung geben kann, weil es schlicht nicht genug Plätze gibt. Und einen privaten Kindergarten oder gar eine Nanny kann sich halt auch nicht jeder leisten. Verdammt, irgendwie müsste das doch alles viel leichter gehen!

Von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung

Statt leicht scheint es an jeder Stelle schwer zu sein und überall begegne ich plötzlich Fremdbestimmung, wo ich früher einfach nur ICH war. Der Staat bestimmt meine Arzttermine seit der Schwangerschaft, der Staat bestimmt, wann ich wieder arbeiten kann, der Staat bestimmt, wie lange meine Auszeit mit dem Baby ist. Und mein Baby bestimmt den Rest. Als immer selbstbestimmte Frau, die sich alles in ihrem Leben selbst erarbeitet hat, die alles in ihrem Leben selbst erkämpft hat, die jeden Selbstverteidigungskurs mitgenommen hat, die sie kriegen konnte, lebe ich jetzt voll und ganz FÜR einen anderen Menschen, lasse mich von einem kleinen Wesen schlagen und kratzen und beißen und den Tagesablauf von ihm bestimmen.

Das fühlt sich nicht immer richtig an, das fühlt sich nicht immer gut an, das fühlt sich manchmal so an, als wäre es nur zu ertragen, wenn ich einfach funktioniere und nicht darüber nachdenke, dass es neben meinem Mutterdasein noch ganz andere Fassetten in meinem Leben gibt. „Genieße die Zeit!“ sagt mir jeder. „Das geht alles so schnell vorbei!“ sagt mir jeder. Und ich verstehe natürlich, was sie meinen, aber auch die schnellstvorbeigehende Zeit kann manchmal zu lange dauern, wenn man keine Kraft mehr hat zu kämpfen für ein kleines bisschen ich-sein abseits des 24/7 wir-seins. Denn eine Mutter ist eine Mutter und existiert nur in symbiotischer Mehrsamkeit mit ihren Kindern. NICHT!

Besinnen auf unser ICH

Ich bin keine symbiotische Einheit mit meinem Sohn. Ich bin ein Individuum, genauso wie mein Sohn ein eigenständiger Mensch ist. Seit ich Mama bin, spüre ich das umso mehr. Und ich habe den Wunsch, mir meine Selbstbestimmung zurück zu erobern, zurück zu erkämpfen. Nicht gegen meinen Sohn, sondern FÜR mich! Denn um eine gute Mutter sein zu können, muss ich mich selbst wahrnehmen dürfen und diese Zeit, in der ich ganz Mutter bin, wird mir zeigen, was mir abseits meiner Familie sonst noch wichtig ist im Leben und was ich noch zusätzlich brauche, um mich glücklich, ausgeglichen und selbstbestimmt zu fühlen. Ich versuche mein Mama-Sein anzunehmen und mich in Geduld zu üben, nicht zu viel auf einmal zu wollen, die Momente mit meinem Kleinen intensiv zu genießen und mein Mamaherz ganz aufgehen zu lassen. Alle anderen Herzen in meiner Brust werden früh genug wieder einen Rhythmus bekommen, in dem sie schlagen können. Das System für sich nutzen und Chancen zur richtigen Zeit am richtigen Ort ergreifen – das war schon immer meine Stärke und das wird früh genug kommen und mich wieder in mein ICH zurück katapultieren.

Ein ICH um eine wichtige Instanz erweitert: mein Mama-Sein. Früh genug, werde ich mir meine Selbstbestimmung wieder zurück erobern in ständiger Kompromissbereitschaft mit meinem Partner, meinem Sohn, meiner Familie. Denn wenn ich etwas Wichtiges in dieser Zeit gelernt habe: ich bin nicht mehr alleine, sondern angekommen in einer Familie, in der es verschiedene Bedürfnisfaktoren gibt, die alle berechtigt sind und die es alle gilt anzuhören, wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Dann wird jedes ICH in der Familie einen Platz finden und Raum zu leben, dann kann man sich als Familie unterstützen und gemeinsam für die Dinge kämpfen, die wichtig sind. Erst dann ist Gleichberechtigung überhaupt möglich, die ich nicht nur für mich einfordern kann, sondern die es für alle einzuräumen gilt. Damit sich niemand in unserer Familie alleingelassen und im Stich gelassen fühlt, damit niemand in der Familie das Gefühl hat, keine Unterstützung zu erhalten, damit jeder abseits des Wir-Gefühls auch ein Ich-Gefühl leben darf.

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Hier geht es zu

Teil 1: Finnland vs. Deutschland

Teil 2: Dann doch lieber kinderlos?

Teil 3: Wenn die eigenen Rollenbilder nicht der Mehrheit entsprechen

Teil 4: Den Rollenerwartungen widersprechen

Teil 5: Feminismus und Mutterschaft – eine unmögliche Beziehung?

Teil 6: Zwischen Job und Kind zerrissen

Teil 7: Selbstverwirklichung und Muttersein schließen sich nicht aus

Teil 8: Den jungen Menschen durch die Welt navigieren

Teil 9: Für eine Gesellschaft, in der Väter so sehr Elternteil sind wie Mütter

Teil 10: Mehr Solidarität und Unterstützung

Teil 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Teil 12: Es gibt zu viele Beispiele dafür, dass Mütter entmündigt wurden

Teil 13:  Damit die Kinder sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entfalten können

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5 Comments

  • Reply Petra Hamacher 3. Mai 2017 at 12:43

    „Trotzdem fühle ich mich allein gelassen und auf mein Mutterdasein beschränkt. Ich möchte auch arbeiten, ich möchte mich auch verwirklichen, ich möchte auch auf Meetings gehen, ich möchte auch wunderbare Projekte leiten und durchführen“ Hach ja… -.- kenne ich.
    Hab ich aber keine Lösung für…
    LG
    Petra

    • Reply Melanie 3. Mai 2017 at 14:21

      Tja, wer hat die schon 😉 Es bliebe nur, die Kinder in bezahlte Betreuung geben, wenn kein anderer da ist, der sich diese Funktion mit einem teilt. Ich habe Glück, ich habe einen Plan B der toll ist und auf den ich ohne Kinder vermutlich nicht gekommen wäre. Aber das ist nicht jeder vergönnt

  • Reply daija // liebevoller leben 3. Mai 2017 at 13:06

    Eine geteilte Geschichte. Sehr vieles habe ich nach der Geburt meines ersten Kindes ganz genauso emppfunden (dabei wollte ich immer Kinder). Vielen Dank für diesen Beitrag (und diese Serie).

    • Reply Melanie 3. Mai 2017 at 14:21

      Gerne, mami schreibt liest hier hoffentlich mit!

  • Reply Annika // Wörterrascheln 4. Mai 2017 at 4:46

    Ein super inspirierender Artikel für mich als „noch-nicht-Mami“. Ich habe deinen Blog eben erst entdeckt und mag deinen Schreibstil so gerne. Man merkt, wie sehr du aus dem Herzen heraus schreibst. Das Thema: Mutter sein und trotzdem noch selbstbestimmt leben scheint sich für viele auszuschließen, ich finde es sehr gut, dass du die Problematik ansprichst und gleichzeitig sagst, dass du dir dein ICH zurück erobern möchtest. Ich halte das auch für das wichtigste in einer Familie: dass jeder Individuum sein darf.
    Viele Grüße!

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