Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus und Mutterschaft 12: Es gibt in der Geschichte zu viele Beispiele dafür, wie ledige Mütter entmündigt wurden

Heute erzählt Cornelia über ihre Familiensituation, Feminismus und Mutterschaft:

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich habe zwei Kinder. Ich selber war lange Zeit Pflegekind in einer Familie, die aus drei Frauen und bis zu sieben Kindern bestanden hat. Der Entscheid für Kinder war ein sehr bewusster; ich wollte immer schon Kinder.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Der Vater meiner Kinder und ich sind geschieden. Er war schon vor der Trennung ein eher abwesender Vater, dementsprechend viel war ich mit den Kindern allein unterwegs. Aber er ist der Papa, und insofern heiss geliebt und sehr wichtig für die Kinder.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Wir teilen uns die Sorge. Geplant war 50/50 Betreuung, obwohl vor der Trennung ich hauptsächlich für Kinder geschaut habe. Ich habe immer teilzeit gearbeitet, und eine zeitlang war ich 100% zu hause weil er beruflich sehr eingespannt war.
Im Moment ist es so, dass ich 60% arbeite und wieder (immer noch) hauptsächlich zu den Kindern schaue. Er hat sie an zwei Abenden und jedes zweite Wochenende. Ich hätte mir das partnerschaftlicher gewünscht. Es ist noch nicht mal bloss die Zeit, die ich aufwende weil ich mehr betreue. Vielmehr wünschte ich mir jemanden, der mit erzieht, der mit trägt und entscheidet. Das bleibt irgendwie alles an mir hängen. Das empfinde ich als sehr anstrengend.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Ich lebe nicht in einer Partnerschaft. Als ich noch mit dem Vater meiner Kinder zusammen war, hatten wir die klassische Arbeitsteilung. Ich war bei der Trennung erst gegen eine 50/50 Betreuung, weil ich den Verdacht hatte, es ginge ihm bloss darum, weniger Unterhalt zahlen zu müssen. Ich hab dann eingewilligt, weil ich die Idee schön fand, dass die Kinder durch die  Trennung wenigstens mehr von ihrem Papa hätten.
Hat leider nicht geklappt.  Mich nervt das doppelt. Einerseits natürlich, weil es für mich Aufwand bedeutet, anderseits weil damit die Stereotypen einmal mehr gefestigt werden: Männer interessieren sich nicht für Kinderbetreuung. Der nächste Mann, der seine Kinder tatsächlich 50% betreuen möchte, wird es bei der Richterin, die unser Urteil abgesegnet hat, schwieriger haben.
Im Moment verhandeln wir Betreuungszeit und Unterhaltszahlungen. Weil ich mehr betreue, kann ich nicht so viel arbeiten, wie ich sollte. Da aber das Scheidungsurteil 50/50 und keinen Kinderunterhalt absegnet, muss ich das Urteil jetzt anfechten und belegen,  dass der Vater weniger betreut als vereinbart.
Für mich persönlich ist keines der Modelle mehr oder weniger feministisch. Mir war es wichtig, dass ich abgesichert bin (Bsp. Altersvorsorge), wenn ich 100% zu hause bleibe, und dass ich mich weiterbilden kann um fit zu sein für den beruflichen Wiedereinstieg.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Für mich war, wie gesagt, immer klar, dass ich mal Mutter werden möchte. Ich habe sehr unterschiedliche Mütter gehabt, die alle auf ihre Art Feministinnen waren: meine Pflegemütter, die auf eine Art und Weise zusammen gewohnt & Pflegekinder grossgezogen haben, die für ihre Zeit äusserst ungewöhnlich war. Sie haben das völlig unaufgeregt gemacht, und dabei doch einfach ihr Ding durchgezogen. Meine leibliche Mutter war ein Punk und politische Feministin. Ihr waren wir Kinder immer im Weg.
Sie alle sind einerseits Vorbild für mich, andererseits hat Muttersein für mich nichts mit Feminismus zu tun. Frau kann Mutter sein und Feministin, kinderlos und Feministin, oder eben Mutter oder kinderlos und keine Feministin.
Das feministische am Muttersein für mich ist vielleicht die Tatsache, dass ich meinen Kinder ein Vorbild sein möchte.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können?

Mütter brauchen finanzielle Unabhängigkeit, und das bedeutet für mich, dass sie Zugang zum Arbeitsmarkt brauchen. Soziale Systeme sind schön und gut, aber von denen abhängig zu sein birgt auch immer das Risiko, bevormundet zu werden. Es gibt in der Geschichte zu viele Beispiele dafür, wie ledige Mütter entmündigt wurden und werden. Wir müssen es Müttern ermöglichen, zu arbeiten, und zwar ohne das Drama der Vereinbarkeit. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und so weiter.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Ich möchte vor allem Vorbild sein und meinen Kindern Zugang zu Menschen ermöglichen, die ein Leben jenseits der 0815 Stereotypen leben. Ich habe in meinem Freundeskreis viele spannende Frauen (interessanterweise viele lesbische Frauen).  Ich pflege also bewusst den Kontakt zu Frauen und Männern, die sich jenseits der gängigen Stereotypen bewegen.
Vorbild versuche ich zu sein, indem ich Platz im öffentlichen Raum einnehme; ich gehe mit den Kindern auf den Sportplatz, und bin dort meist die einzige Mutter. Ich gehe mit ihnen allein ins Restaurant, ins Hotel..oft sind wir die einzige Familie, und überhaupt die einzige Eineltern-Familie.
Bei den Spielsachen und Kleidern ist es so, dass wir vieles eh nicht haben..diese ganzen Branding- Geschichten, Lilifee und so, das würd ich nicht unbedingt kaufen, ist hier aber auch nie Thema. Auch Barbie ist hier unbekannt, ich weiss eigentlich gar nicht, wieso. ich selber habe Barbie hingebungsvoll geliebt.
Ich möchte meine Kinder nicht in Rollen drängen, ich möchte, dass sie verstehen, ein Mädchen kann ganz in Pink daherkommen, und gleichzeitig Fussballfan oder Mathegenie sein. Oder ein Junge kann Rugby spieler sein, und weinen, wenn er traurig ist. Bis jetzt gelingt mir das glaub ganz gut. Ich überlese manchmal aktiv etwas beim Vorlesen von alten Klassikern, der Rest läuft irgendwie von selbst. Meine Tochter korrigiert mich jedenfalls schon, wenn ich aus versehen die männliche Form wähle, wenn ich zu ihr spreche.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Die Mütter in meinem Freundeskreis sind zwar interessiert an Feminismus, mit Mann und Kind aber ausgelastet und haben keine Zeit für ihr eigenes Leben, hab ich manchmal den Eindruck. Ich selber habe interessanterweise auch erst seit der Trennung Zeit für mich selber. Unterstützung hole ich mir in der Nachbarschaft, ich habe tolle Nachbarn und bin im Viertel gut vernetzt. Auch meine Familie und Freunde unterstützen mich.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Ich habe einen tollen Job, ich kann mich da einbringen, etwas bewegen, ich arbeite mit tollen Leuten zusammen, und ich bin ziemlich flexibel bezüglich Arbeitszeiten und Arbeitsort. Das ist ein Glücksfall. Ich bin aber auch hochmotiviert und ich bin der Meinung, Unternehmen sollten mehr Mütter einstellen. Michelle Binswanger schrieb mal sinngemäss, Mütter wären so froh, wenn sie flexible Arbeitsbedingungen hätten, sie wären dadurch die motiviertesten, loyalsten Mitarbeiterinnen. Das kann ich nur unterschreiben.
Dann, eben, Erwerbsarbeit als Tor zur finanziellen Unabhängigkeit. Wir können gegen Kapitalismus sein, wir können verlangen, dass Carearbeit fair bezahlt wird (eine wichtige Forderung!), und trotzdem: wer sein eigenes Geld hat, ist unabhängig. Kann sich Kinderbetreuung leisten, und ich rede nicht von der Kita, sondern vom Babysitter am Abend. Kann auch mal auswärts Essen (Platz im öffentlichen Raum einnehmen), kann sich weiterbilden, kann sich vom Partner trennen ohne finanzielle Risiken einzugehen, kann sich Hilfe leisten, etc.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Konflikte ergeben sich ja schon durch die Mutterschaft allein und die Ansprüche der Gesellschaft genug, auch ohne Feminismus. Ich glaube, schon das Aufmerksam machen auf diese Konflikte ist feministisch.


Wenn ihr noch bei der Interviewreihe mitmachen wollt schickt eine Mail an gluecklichscheitern@gmail.com – ich schick euch die Fragen zu!

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