Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus und Mutterschaft 13: Damit die Kinder sich entsprechend ihrer Fähigkeiten entfalten können

Ich freue mich heute wieder ein Interview über Feminismus und Mutterschaft für euch zu haben! Frau Rabe ist mir zuerst auf twitter lieb geworden und dann wohnt sie dort, wo ich mein Auslandssemester gemacht habe, im schönen Norwegen…<3

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Ich nenne mich Frau Rabe, ich heiße auch tatsächlich mit Nachnamen so, mein Vorname ist allerdings nicht Frau.(Und sie bloggt auf Rabensalat einen tollen Tagebuchblog muss die Interviewerin hier ergänzen)

Frau Rabe von Rabensalat.blog

Frau Rabe

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ja, ich habe zwei Kinder: Michel ist jetzt viereinhalb und Pippi ist etwas über anderthalb. Kinder wollte ich schon immer, auch gerne „früh“ (Michel habe ich mit 27 bekommen und im Geburtsvorbereitungskurs war ich die Zweitjüngste). Letztlich ging es mit beiden Kindern dann nach Entschluss sehr fix, genau genommen hat eins den Entschluss nicht mal abgewartet, aber so ist eben das Leben: manchmal lässt es einem keine Zeit zum Grübeln.

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Ja, also, wir sind verheiratet, wohnen zusammen, haben uns lieb und vor, das noch eine Weile so zu belassen. Für die Kinder ist er der allerbeste Papa, den man sich vorstellen kann.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

Mein Mann und ich teilen uns die Sorgearbeit 50/50. So wollten wir es beide bevor die Kinder da waren und so wollen wir es immer noch.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Wir (erwerbs-)arbeiten beide Vollzeit, dazu gab es in dem Sinne keine Verhandlungen. Klar, es gab Gespräche in beiden Schwangerschaften, wer nach der Geburt wie lange zu Hause bleibt. Beim ersten Kind waren wir uns da sehr schnell einig, dass jeder 7 Monate Elternzeit nehmen würde. Beim zweiten Kind wollte ich gerne etwas länger (9 Monate) zu Hause bleiben, das sprachen wir einmal durch und dann war es auch in Ordnung für ihn. Dass die Kinder mit ungefähr einem Jahr in den Kindergarten kommen würden, sprachen wir auch kurz durch, waren uns aber auch da schnell einig. Ansonsten reden wir natürlich dauernd über Kleinigkeiten der Aufgabenverteilung: Wer geht mit Michel zum Schwimmkurs, wer kauft in der Zeit für die Woche ein. Sowas eben. Dass wir uns aber die Lohnarbeit und auch die Sorgearbeit teilen war schon lange vor den Kindern klar und ist irgendwie eine der Grundfesten unserer Beziehung.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

Diese Frage ist unheimlich schwer zu beantworten, finde ich. Mutterschaft bedeutet für mich so vieles! Zuerst mal begleite ich meine Kinder beim Großwerden. Ich bin in allen Lebenslagen für sie da. Das ist eine riesige Verantwortung, an die ich mich erstmal gewöhnen musste: zusehen, dass die Kinder nicht nur irgendwie groß werden, sondern auch die Möglichkeit bekommen, sich entsprechend ihrer Vorlieben und Fähigkeiten entfalten zu können. Außerdem lege ich auch einen gewissen Wert darauf, dass sie nicht nur sich selbst entfalten sondern dabei im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Rücksicht auf andere und deren Bedürfnisse nehmen. Allerdings sehe ich das alles nicht als meine alleinige Aufgabe als Mutter an, sondern als Aufgabe von Eltern allgemein und sogar auch als Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Insofern sehe ich da gar keinen Konflikt zum Feminismus, wie ich ihn lebe.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-Sein” leben zu können?

Ich möchte echte Entscheidungsfreiheit, für alle und bei allem. Zum Beispiel könnte ich in den USA glaube ich nicht gut leben, weil meine Vorstellungen vom „Karriere machen“ da vermutlich sehr mit meiner Vorstellung vom Mutter sein kollidieren würden. Die Kinder kaum wach zu sehen, weil ich immer arbeite, wäre nicht so mein Ding. Das ist aber meine Sicht der Dinge, die kann ja bei jeder anders aussehen! Ich wünsche mir einfach, dass jede so leben kann, wie sie möchte und das der damit verbundene gesellschaftliche Druck abgeschafft wird. Weg mit dem Rabenelternmythos und weg mit dem Glucken-Narrativ. (Überhaupt, wo kommen diese ganzen Vogel-Vergleiche her?)

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Fangen wir mal hinten an: mir ist wichtig, dass die Kinder nicht stereotyp rosahellblau gekleidet herumlaufen. Weil ich rosa und hellblau nämlich hässlich finde. Außerdem war mir beim Kauf von Michels Sachen schon klar, dass er kein Einzelkind bleiben sollte und alles im Zweifel doppelt kaufen, weil „man ja ’nem Mädchen kein blau anziehen kann“, sehe ich überhaupt nicht ein. Also bekam Michel schon hauptsächlich farbenfroh-bunte (rote, gelbe, grüne, orange, kräftig blaue…) Sachen und Pippi trägt die jetzt eben auf. Pippi hat auch einen rosa-lila-hellblau gestreiften Body – von Michel noch. Als Michel ein Kleid haben wollte, um das beim Kindertanzen zu tragen (weil „Zum Tanzen muss man ein Kleid anhaben!“) haben wir ihm eins gekauft und ihn das natürlich auch anziehen lassen. Pippi hat auch (einige wenige) Kleider, auf einem fahren Kaninchen Skateboard. Seit einiger Zeit hat Michel aber mehr Lust auf „typische Jungskleidung“, das lässt mich innerlich würgen, schon allein, dass er das so sagt, aber letztlich ist es seine Entscheidung, ich kann ihn ja nicht zwingen, im roten Marienkäferpulli in den Kindergarten zu gehen. Offenbar ist es im Moment für ihn ganz wichtig, sich als Junge mit allem, was ihm seine Peers so als dazu gehörend vorleben, zu definieren. Manche Sachen kaufe ich halt einfach nicht (armes Kind).

Mich erstaunt das bei Michel gar nicht mal so, ich war darauf vorbereitet, dass diese Phase irgendwann kommen würde. Trotzdem fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre ich mit viereinhalb Jahren des „Geschlechtsidentität definiert sich nicht über Körperteile und schon gar nicht über Farben“-Mantras kläglich gescheitert. Mir bleibt noch die Hoffnung, dass es bei beschreibenden Zuschreibungen bleibt und die Wertungen ausbleiben. Von mir aus kann das Kind gerne meinen, der blaue Badezusatz sei „nur für Jungs“, solange es nicht auch meint, dass Mädchen wegen des rosa Badezusatzes schlechter rechnen können oder sich wegen der langen Haare nicht als Managerin eignen. Das ist sowieso meine Hoffnung für die Zukunft: dass einfach jede*r sich wie auch immer kleiden und geben kann, ohne dass darauf ein Rattenschwanz an Wertungen folgt. Klischeehaft ausgedrückt: rosa Glitzer-Prinzessinnen als Vorstandsvorsitzende und breitschultrige, bärtige Kindergärtner.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Kaum. Leider. Liegt aber auch ein bisschen daran, dass ich in Norwegen wohne und da die Gleichberechtigung schon sehr viel weiter gediehen ist, was dazu geführt hat, dass viele den Feminismus als „nicht mehr so wichtig“ ansehen. Was einerseits super ist, andererseits furchtbar, aber das ist eine andere Geschichte, die aufzudröseln hier zu weit führen würde.

Unterstützung in Form von Zuspruch und Inspiration bekomme ich hauptsächlich durch Medien: feministische Bücher, Podcasts, Blogs und meine heiß geliebte Filterbubble.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Erstmal muss ich irgendwas arbeiten, um Essen auf den Tisch stellen zu können und die Wohnung warm zu bekommen. Da bin ich pragmatisch, im Moment ist das eben noch nötig. Mein Traum wäre es, nicht aus solchen Sachzwängen heraus arbeiten zu müssen, dann würde ich nämlich nur noch aus Spaß arbeiten. Ich würde aber wohl meinem Beruf oder etwas sehr artverwandtem weiter nachgehen, weil mir das Spaß macht, ich das gut kann und ich da viel Bestätigung erfahre. Die intrinsische Motivation zum Arbeiten ist also durchaus gegeben, unterstützt von der extrinsischen (Geld). Mir ist aber auch klar, dass ich da Glück habe, dass ich einen Job habe, der mich erfüllt und dessen Verdienst zum Leben gut reicht, das könnte auch anders sein. (Ach so: keinen eigenen Verdienst haben und finanziell von der Gunst meines Partners abhängig sein kam nienicht in die Tüte. Nicht mal kurz oder nur ein bisschen.)

 

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Puh, da sind noch ganz schön viele Spannungen. Zum einen ist da dieses große Missverständnis, dass Feminist*Innen sich nicht für Menschen, die sich vornehmlich um ihre Kinder kümmern, interessieren oder einsetzen. Da sind viele Vorurteile gegenüber dem Feminismus(TM), die zu betonen und zu wiederholen aber ja auch die Medien und die Politik und überhaupt alle nicht müde werden. Deshalb ziehen manche schon die Augenbraue hoch, wenn ich sage, ich sei Feministin. Zack, hat man den Männerhasserin-Stempel auf der Stirn. Dabei finde ich, mein Feminismus geht ganz prima überein mit meiner Vorstellung von Mutterschaft und auch andere Elternschaftskonzepte haben da ihren gleichberechtigten Platz. Als Feministin wünsche ich mir, dass die Entscheidung für mehr Familienarbeit und weniger Lohnarbeit nicht mehr auch eine Entscheidung für ein großes finanzielles Risiko und potentielle Alterarmut ist. Als Feministin wünsche ich mir außerdem, dass Menschen aufhören, bei der Wahl von Angestellten den Familienstand abzuklopfen. Ganz generell und im Speziellen den von Frauen*, zumindest solange die selben Menschen sich nicht davon befreien können, aus dem Familienstand auf die Fähigkeiten als Mitarbeiter*In zu schließen. Ich wünsche mir, dass aufgehört wird, die Nase zu rümpfen über Menschen die nicht Stillen/lange Stillen/nur kurz in Elternzeit gehen/sehr lange Elternzeit nehmen/Karriere machen/Holzschmuck bei Dawanda verkaufen/ihre Söhne Kleider anziehen lassen/ihre Söhne Kampfsport machen lassen. Generell einfach das Entkoppeln von Geschlecht und Wertung. Da ist noch viel zu tun, ich hoffe, mit meinen zwei feministisch aufwachsenden Menschlein meinen Teil dazu beizutragen.

 

Hier geht es zu

Teil 1: Finnland vs. Deutschland

Teil 2: Dann doch lieber kinderlos?

Teil 3: Wenn die eigenen Rollenbilder nicht der Mehrheit entsprechen

Teil 4: Den Rollenerwartungen widersprechen

Teil 5: Feminismus und Mutterschaft: Eine unmögliche Beziehung?

Teil 6: Zwischen Job und Kind zerrissen

Teil 7: Selbstverwirklichung und Muttersein schließen sich nicht aus

Teil 8: Den jungen Menschen durch die Welt navigieren

Teil 9: Für eine Gesellschaft, in der Väter so sehr Elternteil sind wie Mütter

Teil 10: Mehr Solidarität und Unterstützung

Teil 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Teil 12: Es gibt zu viele Beispiele dafür, dass ledige Mütter entmündigt werden

Teil 14: Muttersein ist nicht genug

 

 

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2 Comments

  • Reply Charlotte @ MenschFrau 13. April 2017 at 9:11

    Wow, was für ein intensives Gespräch! Tolle Fragen, Melanie, tolles Thema! Feminismus und Mutterschaft, das ist wirklich komplex und – jede muss für sich entscheiden, wie sie das löst. Weil es so schön passt, hier ein Video zum Thema von meinem Kanal: https://youtu.be/PfKOixzTTVw
    Viele Grüße, Charlotte

    • Reply Melanie 13. April 2017 at 9:45

      Danke, schaue mir Deinen youtube Kanal die Tage mal genauer an!

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