Familie, Fantastisches

Buchempfehlungen für Schwangere und (werdende) Eltern – ratgeberfrei!

Ich bin ja kein Fan von Ratgeberbüchern zum Thema Schwangerschaft oder Elternschaft. Manche sind bestimmt hilfreich, aber was da hilfreich ist finde ich eben sehr individuell. Ich persönlich würde nur noch Ratgebern trauen, die von Alleinerziehenden mit mindestens zwei kleinen Kindern geschrieben wurden. Einfach weil ich vieles in meinem Alltag nicht so umsetzen kann, wie es in den Ratgebern steht. Weil mein Alltag weit weg von manch grauer Theorie ist…

Jedenfalls habe ich trotzdem einige Bücher sehr gern gelesen und möchte meine Buchempfehlungen für (werdende) Mütter – zum Teil nochmal, weil ich einige bereits rezensiert habe – gesammelt vorstellen:

Bücher für Schwangere, Mütter und werdende Eltern

Eine kleine Auswahl der Bücher, die ich gerne gelesen habe – ratgeberfrei

In der Schwangerschaft

2010 als ich nach unerhaltsamer Literatur zu Schwangerschaft und Co. suchte fand ich noch gar nicht so viel. Über das Buch „Schön macht’s nicht, aber glücklich“ von Leonie Jakobs stolperte ich beim Stöbern in der Buchhandlung.

Als Linda, die Protagonistin schwanger wird ist sie – wie ich damals – 30. Sie freut sich über die Schwangerschaft und hat gleichzeitig Angst: davor es ihrem Chef zu sagen und ihren Job davongleiten zu sehen. Davor nie wieder auf Konzerte gehen zu können und für immer beim Schwangerenyoga mit ihrer „Yoni“ Blumen zupfen zu müssen…Kurz: Ihr ging es wie mir damals, ich fand viele Parallelen und musste darum sehr oft lachen.

Leonie Jakobs: „Schön macht’s nicht, aber glücklich“, 2008 im KiWi-Verlag erschienen.

Ich kannte Lisa und ihren damals mit Caroline Rosales betriebenen Blog, bevor ich – lange nach Geburt des ersten Kindes – ihr Buch las: Ich glaub mich tritt ein Kind heißt es. Caroline, grade zum ersten Mal schwanger, fragt Lisa, drei Kinder, zwei davon Zwillinge, über alles Mögliche aus: Körperflüssigkeiten, ob man das eigene Kind auch so nervig findet wie andere und wie das mit Job und Party nach der Geburt wirklich ist…In Form eines Briefwechsels tauschen sie ihre Gedanken dazu aus. Mit Caro kann ich mich nur wenig identifizieren und im Blog deutete sich auch recht schnell an, dass sie von der „Kann ich Mutter?“ zur „Lasst mich durch, ich bin Mutter“-Fraktion wechselte, aber die Antworten von Lisa waren schön geerdet und humorvoll und mich beeindruckt ja immer noch, wie sie so „früh“ drei Kinder bekam, nen tollen Job macht und trotzdem das geballte Energiebündel zu sein scheint.

Lisa Harmann, Caroline Rosales: „Ich glaub, mich tritt ein Kind“, 2013 im dtv-Verlag erschienen.

Nach der Geburt

Also nicht nach der Geburt wie in „direkt danach“. Aber manche Bücher haben nicht die gleiche…Wirkung wenn man selbst noch keine Kinder hat. Dann denkt man oft „Ach, das ist doch total an den Haaren herbei gezogen…was stellt die sich so an?“

Folgende Bücher mochte ich sehr gerne und hab sie gerne an frisch gebackene Mütter verliehen:

Rike Drust – Muttergefühle <3 – Rike begegnete ich schon vor dem Erscheinen ihres Buches dank ihres Blogs. Wir kommentierten beieinander und schrieben uns bald danach auch Mails. Als das Buch dann heraus kam las ich es quasi in einem Rutsch weg und – das größte Kompliment ja überhaupt – verzichtete dafür sogar auf Schlaf! Im Buch berichtet Rike über die ersten zwei Jahre mit ihrem Sohn und die Gefühlsachterbahn die sie durchlief. Die Rezension findet ihr hier und es gibt so gar einen Trailer auf youtube:

Rike Drust: „Muttergefühle. Gesamtausgabe“, erschienen 2011 im Bertelsmann-Verlag

Mit etwas Abstand

Manche Bücher lesen sich mit etwas Abstand zur Geburt am Besten. Bei den folgenden beiden Büchern hatte das für mich unterschiedliche Gründe:

Marie Svelands „Bitterfotze“ passt nicht so gut in den ersten Hormonrausch, es ist wie der Titel sagt: bitterfotzig. Die Schwedin Sara fliegt im Winter nach Teneriffa – ohne Mann und ihren zweijährigen Sohn. Sie muss raus aus ihrem alltäglichen Trott und dem Gedankenkarussell, das sich um die Gleichberechtigung dreht – zwischen ihrem Partner und ihr, aber auch zwischen Vätern und Müttern generell. Sie ist sauer, dass sie die Schwierigkeiten im Job hat während ihr Mann sie kurz nach der Geburt für einige Wochen alleine ließ um an einem Theaterstück zu arbeiten. Darüber, dass sie ständig Steine in den Weg gelegt bekommt und diese in ihrem naiverweise gewählten, einsamen Vorstadtidyll wegtragen muss. Für mich war das Lesen ein wenig befreiend, wenn selbst im uns als gutem Beispiel verkauften Schweden alles so unperfekt ist, dann liegt es vielleicht doch nicht an uns alleine, wenn wir Kind und Karriere nicht immer gleichzeitig und gleichberechtigt schaukeln.

Marie Sveland: „Bitterfotze“, 2009 im KiWi Verlag erschienen.

Dem Blog von Patricia folge ich gefühlt schon Ewigkeiten und freute mich trotzdem tierisch, als ihr Buch herauskam: „Sehr gerne, Mama du Arschbombe“. Hier findet ihr quasi ein Best Of der Familiengeschichten von DasNuf. Warum man dieses Buch auch erst lesen sollte, wenn die Geburt ein wenig zurück liegt? Also ich kann nur für mich sprechen: Patricias Geschichten nehmen manchmal so absurdkomische Verläufe an, dass ich als Nicht-Mutter vieles für total an den Haaren herbei gezogen geglaubt hätte. Inzwischen bin ich mir einfach nur nicht sicher, an welchem Punkt der Geschichte die Fiktion übernimmt oder ob nicht doch alles haargenau so passiert ist. Und Patricia versteht es ebenso wie ich als Kompliment wenn ich sage: Die beste Klolektüre für Eltern!

Patricia Cammarata: „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe“, erschienen 2015 im Bastei Lübbe Verlag

Für Großfamilien

Wer hier schon länger mitliest kennt meine Faszination für Großfamilien (siehe zum Beispiel hier). Eher zufällig stolperte ich im öffentlichen Bücherschrank über ein angestaubtes Exemplar von „Im Dutzend billiger“ und „Aus Kindern werden Leute“. Beide wurden von zwei der insgesamt 12 Gilbreth-Geschwister geschrieben. Ja genau, zwölf. Die Story spielt um 1900-irgendwas in einer bürgerlichen Familie in den USA. Die Eltern sind beide – beruflich – fasziniert von der Frage wie man Arbeitsprozesse effizient gestalten kann, wofür sie „Bewegungsstudien“ ausführten. Der Vater versucht seine Erkenntnisse auch hier und da auf seine Kinderschar zu übertragen was nur begrenzt funktioniert. Es ist herrlich und herzlich den Geschichten zu folgen!

Frank B. Gilbreth und Ernestine Gilbreth Carey: „Im Dutzend billiger“ – Antiquariat

Mama, Papa, Kind? Alles rosa und hellblau? Oder ist da auch noch mehr?

Kommen wir ein wenig weg von der reinen Unterhaltungsliteratur hin zu den Texten, die sich mit Aspekten der gesellschaftlichen Stellung von Mutter- und Elternschaft beschäftigen. Hier hab ich Einiges gelesen (und manches hier bewusst weg gelassen, wie die Bücher von Vinken und Badinther) und möchte ein paar der Bücher, die mir wichtige Denkimpulse lieferten, vorstellen:

Jochen König und ich sind uns schon vor längerer Zeit in diesem Internet über den Weg gelaufen und ich empfehle allen (werdenden) Vätern sein Buch „Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters keine gute Mutter zu sein

Darüber hinaus hat er ein weiteres Buch geschrieben, in dem er das Familienmodell „Mama, Papa, Kind?“ kritisch beleuchtet. Kritisch insofern, als er zeigt, dass es nicht mehr die Regel ist, dass Kinder mit Vater und Mutter zusammen leben, dass Co-Elternschaft, Regenbogenfamilien, EinElternfamilien etc. immer mehr werden, sich diese Familienmodelle aber immer noch rechtfertigen müssen und es schwer haben, in der Familienpolitik überhaupt Gehör zu finden. Zu jedem Modell interviewt er Familien, die es leben und zeigt so mit dem Blick auf Einzelfälle die schweren Nachwirkungen des klassischen Kleinfamilienmodells. (Hier geht es zu meiner Rezension)

Ich möchte es am Liebsten jeder Erzieherin, jede_r_m Leher_in schenken: „Die Rosa-Hellblau-Falle“ von Almut Schnerring und Sascha Verlan. Wofür ich semesterlang Gender Studies studiert habe wird hier kurz und lesefreundlich für das Thema Genderklischees und Kindererziehung zusammengefasst! Dafür wechseln sie anschaulisch zwischen „Anekdoten“ aus ihrer Familie und der Erläuterung psychologischer und soziologischer Studien. Es geht um Spielzeug, Körperbilder und die Macht der Sprache – und hilft auch hier und da für Spielplatzgespräche wenn mal wieder der Satz „Typisch Junge/Mädchen“ auftaucht.

Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. 2014 im Antja Kunstmann Verlag erschienen

Der Sammelband „The Mamas and the Papas“ beschäftgit sich mit den Feldern Reproduktion, Revolution, Familie, Pop und Widerspenstigkeiten. Es finden sich Texte über die Geschichte des Muttermythos, Prenatal-Diagnostik im Kontext des Rechts auf Abtreibung, Elternschaft in Hausprojekten, Kinderlieder und -bücher und Elternschaft von Musiker_innen – und das ist nur ein kleiner Auszug. Es geht um das Politische im Privaten und Gesellschaftskritik.

Annika Mecklenbrauck/Lukas Böckmann (Hg): The Mamas and the Papas. Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse. 2013 im Ventil-Verlag erschienen.

Um (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit geht es in dem Sammelband „O Mother, Where Art Thou“. Die Sprache akademischer als in den anderen Büchern nähern sich die Texte dem Thema Mutterschaft auf vielerlei Weise: Es geht um Übermütter, Kinderlose, Mütterlichkeit in den 70er Jahren, Black Motherhood, Mütterblogs, Mütterlichkeit in hetersexuellen Paarbeziehungen – um auch hier wieder nur einige zu nennen. Sehr zu empfehlen wenn man sich tiefer mit Mutterschaft beschäftigen will und etwas längere Sätze nicht scheut 😉

M. Dolderer, H. Holme, C. Jerzak, A.-M. Tietge (Hrsg.): O Mother, Where Art Thou? Westfälisches Dampfboot 2016

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Jetzt würde mich interessieren: Was habt ihr gelesen, was würdet ihr Freund_innen schenken und anderen empfehlen? Schreibt es gern in die Kommentare, damit andere Leser_innen auch noch was davon haben!

 

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14 Comments

  • Reply Modeste 15. Februar 2017 at 21:36

    Barbara Vinken, Die deutsche Mutter: https://www.amazon.de/Die-deutsche-Mutter-Schatten-Bibliothek/dp/3596176190, und

    Pamela Druckermann, Bringing up Bébé, https://www.amazon.de/Bringing-Up-B-b-Discovers-Parenting/dp/0143123580/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1487190684&sr=1-7

    Wenn man wissen möchte, wieso in London und Brüssel alle Frauen mit Kind im Wesentlichen bleiben, wie sie sind, und in Berlin dreht jede zweite völlig durch. Ich war noch vor dem Kind viel unterwegs, der Gegensatz zwischen Mutterschaft in Deutschland und woanders war riesig. Ich konnte mir das nie erklären, beide Bücher sind auf ihre Weise sehr erhellend. Mir hilft es bis heute, mich von der deutschen Übermutter etwas zu distanzieren, wenn ich mir einschärfe, dass Leute ja auch woanders unbeschadet aufwachsen.

    • Reply Melanie 15. Februar 2017 at 21:53

      Hallo Modeste, Vinken hab ich bewusst weg gelassen, weil ich da einiges skeptisch betrachte. So sehr ich den deutschen Muttermythos ablehne und kritisiere, so schwer tue ich mich auch damit, dass Vinken (und Badinter ja auch) als einzige Antwort auf die Frage nach der Verteilung von Care-Arbeit die Delegation an Dritte haben. Das Buch von Druckermann schau ich mir mal an, danke für den Tipp!

      • Reply Modeste 16. Februar 2017 at 8:21

        Die Delegation auf Dritte kann man in der Tat kritisch sehen. Bei diesem Lösungsansatz landet man eben, wenn man das grundsätzliche Modell, wie Menschen arbeiten, nicht infrage stellen will und sich gute Arbeit für Vater und Mutter deswegen nur in einer doppelten Vollzeit vorstellen kann.

        Das Buch von Druckerman ist eher eine amüsante bis süffige Anekdotensammlung, mir hat es gefallen, weil es viele Beobachtungen aufnimmt, die mir auch in Brüssel und Südfrankreich aufgefallen sind. Was für Strand oder S-Bahn.

        • Reply Melanie 16. Februar 2017 at 10:35

          Anekdotensammlungen mag ich auch 🙂

    • Reply supersansa 19. Februar 2017 at 0:15

      Vinken fand ich sehr gut; Druckerman – naja. Die sitzt halt in ihrer schnieken Expat-in-Paris-Blase und hat halt dementsprechend recht beschränkte Einblicke. Auf dem Land sieht’s mit unter sehr anders aus; und ihr Blick auf die Französinnen und ihre scheinbar mühelos-beschwingt-elegante Art, durchs (Familien)leben zu gleiten beschwört mir etwas zu sehr das Idyll. Da ist Badinter besser.

  • Reply Maria 15. Februar 2017 at 22:57

    Auf jeden Fall Rike drust! Ich habe das Buch ca 3 Monate nach Geburt gelesen und habe mich so was von in diesen ambivalenten Gefühlen wiedergefunden. Habe ich auch schon verschenkt. Liebe Grüße Maria

    • Reply Melanie 16. Februar 2017 at 10:31

      Ja, Lieblingsbuch!

  • Reply Uta 16. Februar 2017 at 11:57

    Mir hat in der Schwangerschaft das Hypnobirthing Buch von Marie Mongan sehr geholfen. Auch wenn man nicht das komplette Programm durchziehen möchte oder kann (z.B. weil manche Entbindungsstationen davon noch nie was gehört haben) – es stärkt ungemein das Vertrauen in den eigenen Körper und nimmt einem dadurch die Angst vor der Geburt. Mir hat es sehr geholfen, der Geburt entspannt entgegenzusehen und währenddessen stark und selbstbestimmt zu sein.

  • Reply betty 16. Februar 2017 at 14:19

    claire bretecher: die mütter
    ist hinreissend!

    • Reply Melanie 16. Februar 2017 at 20:42

      Oh, das klingt spannend! (und lustig)

  • Reply supersansa 19. Februar 2017 at 0:21

    Über Lillian Moller Gilbreth (die Mutter in „Im Dutzend billiger“) gibt es übrigens eine sehr interessante Biographie. Im Buch wirkt sie ja ein bisschen verhuscht im Vergleich zum dominanten Vater der Kinderschar, aber sie war in Wirklichkeit eine sehr emanzipierte, souveräne Frau, die nach dem frühen Tod des Vaters eine beeindruckende Karriere hingelegt hat. Tolle Frau!

    • Reply Melanie 19. Februar 2017 at 18:03

      Oh, danke für den Tipp! Ich hab im Internet ein bisschen über Lillian Gilbreth recherchiert aber nicht so viel gefunden. Wenn eine Frau um 1900 studiert (UND promoviert) hat, wird sie wohl sehr emanzipiert gewesen sein. Und ihr Mann hat ihr ja auch die Rolle der Kollegin „gegönnt“.
      Dann schau ich mal, wo ich die Biographie finde!

  • Reply supersansa 19. Februar 2017 at 0:24

    Ich habe in/nach der Schwangerschaft nicht viel gelesen außer „Mamablogs“. Die Blogs „Parentsdont“ und „Essential unfairness“ fand ich sehr interessant und hilfreich, und „gewünschtestes Wunschkind“ hat mich mitunter gerettet, mag manche/r/m aber vielleicht zu sehr auf attachment parenting und Co. fokussiert zu sein.

    Was ich lesen würde, wenn ich nochmal schwanger wäre, wäre ein kluges Buch, indem man angeleitet wird, seine Herkunftsfamilie zu reflektieren – wie man Familie erlebt hat, prägt einen ja eintscheidend, wenn man selbst eine Familie gründet. Leider weiss ich dazu kein gutes Buch, wäre aber dankbar für Tipps in diese Richtung.

    • Reply Melanie 19. Februar 2017 at 18:04

      Da frag vielleicht mal Silke von Essential Unfairness, ich meine, sie hätte das aus persönlichen Gründen aufgearbeitet, vielleicht hat sie ein paar Literaturtipps!

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