Familie

Nicht zusehen, diskutieren, bitte! White Privilege, Pegida und Charlie Hebdo

Puh. Nach einer Woche harter Nächte und dem Fakt, dass meine grandiosen Vorhaben für dieses Jahr schon am Schlafmangel scheitern (sind wir nicht so pessimistisch: aufgeschoben wurden) erlaube ich mir, meine Pläne, dieses Blog aufzuhübschen und Artikel zu planen, eine Weile hinten an zu stellen und was zu „aktuellen Ereignissen“ zu schreiben. Dieser Post, bzw. dessen Forderungscharakter richtet sich an meine weißen Leser_innen.

Im Kontext von #Pegida, #CharlieHebdo und Co bin ich grade entsetzt. Darüber was passiert (ist). Über die Reaktionen hier und da. Meine Fantasie reicht vermutlich nicht mir vorzustellen, wie es momentan in diesem Land, in diesem Europa, als Muslim_in oder PoC ist auf die Straße zu gehen. Überhaupt, bei all dem was weiße Menschen grade in Medien, auf der Straße und Co. so vom Stapel lassen. Ich habe nicht den Eindruck, dass das ein paar vereinzelte arme Spinner sind. Wusstet ihr, dass #KillAllMuslims grade „trending topic“ bei twitter ist? Das also nach dem Anschlag auf CharlieHebdo dazu aufgefordert wird, alle Muslime umzubringen? Bitte, was haben eine Religion und Mörder gemeinsam? Als Dr. Tiller erschossen wurde, hat man danach auch dazu aufgerufen, alle Christen umzubringen? (zum Kontext: Dr. Tiller war ein Arzt, der Abtreibungen durchführte und von einem militanten Abtreibungsgegner erschossen wurde. Dieser Abtreibungsgegner „wusste, dass das Auge des Herrn wohlgefällig auf ihm ruhte“ – Quelle – ).

Leute zu töten ist nicht zu rechtfertigen. Egal im Namen welcher Religion oder auch ganz ohne Religion. Ehrlich: Entsetzen über diesen Anschlag auf die Redaktion eines Satiremagazins: JAJAJA! Aber ich möchte nicht die vergessen, die sich jetzt nicht mehr auf die Straße trauen, weil sie für irgendwas grade stehen sollen, womit sie nichts zu tun haben.

Noch ein Wort zu Satire: Satire habe ich immer so verstanden, dass mit den Mitteln Bild und Schrift die Mächtigen eins auf den Deckel kriegen sollen. Die, die ihre Macht missbrauchen, sich daneben benehmen. Leider erlebe ich bei vermeintlich satirischen Bildern und Texten oft, dass Sexismus und Rassismus reproduziert werden, statt das diejenigen entlarvt werden, die sich dieser Mechanismen bedienen. Echte „Satire“ habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Jetzt zum „Forderungscharakter“: Ich kam dieser Tage das ein oder andere Mal bei Facebook und Twitter in die Situation, wo jemand – meiner Ansicht nach – was rassistisches schrieb, bzw. Rassismus negierte. Nicht im Sinne von „Ich bin pro Pegida“ oder „Muslime/Schwarze sind…“. Das Niveau war eher: Blackfacing (im Falle von den Sternsingern oder Zwarte Piet) sei doch ok (Spoiler: ist es nicht). Oder dass das N*Wort ok sei, wenn es Satire ist (auch hier: nope. Dann ist es außerdem keine Satire, siehe oben).

Meine erste Reaktion war: „Ach komm, mach den Rechner einfach zu und reg Dich jetzt nicht wegen so was auf.“ Und dann fiel mir auf: Das ist ein Privileg. Mich nicht einmischen MÜSSEN, weil es mich nicht betrifft (im Sinne von: ich muss hier nichts sagen/schreiben, sondern kann die Situation ‚gefahrlos‘ verlassen). Und habe mich also entschieden, zu kommentieren. Vorweg: Auch ich bin nicht mit dem perfekten, antirassistischen Vokabular und Wissen ausgestattet und bestimmt das ein oder andere Mal ins Fettnäpfchen getreten. Als ich das erste Mal zum Beispiel was zum Thema Rassismus schrieb wartete ich auf das ‚Schulterklopfen‘ (Likes, Favs) meiner PoC-Freund_innen. Das blieb aus. Und ich verstand: Hey yes. Das was ich hier tue ist selbstverständlich. Keine Kekse.

Aber ich lasse mich in dieser Hinsicht belehren (auch das ein Privileg übrigens). Als Weiße finde ich es also „ok“, wenn jemand fragt, warum blackfacing beispielsweise NICHT ok ist (kurz: blackfacing meint das Anmalen weißer Haut, um wie ein_e Schwarze_r auszusehen und hat eben keine unschuldige Verkleidungsfreude als Hintergrund, sondern ist rassistische Tradition, für mehr, bitte den Link oben), oder welcher Ausdruck für Schwarze Menschen jetzt aktuell ist. Denn leider ist das nicht Grundbildung. Aber wenn jemand nach (meinen entsprechenden) Erläuterungen immer noch sagt: „Ich seh das jetzt trotzdem nicht ein“ – dann bin ich sprachlos. Und vermutlich geht es etlichen Muslim_innen und PoCs STÄNDIG so. Dass sie immer wieder das Gleiche erklären müssen. Und sie sollen es nicht tun müssen.

Deshalb jetzt die Forderung an meine weißen Leser_innen: Mischt Euch ein, wenn ihr könnt. Lest oder überfliegt wenigstens Seiten wie Initiative Schwarzer Menschen, Bühnenwatch oder Der braune Mob oder, oder (falls ihr noch gute Links wisst, bitte in die Kommentare). Dort findet ihr auch schnell ein paar Argumentationen, wenn ihr euch „unwissend“ fühlt. #Pegida besteht nicht aus ein paar armen Irren. CharlieHebdo war nicht die Tat von „Muslimen“. Rassismus ist in der breiten Mitte und es ist Aufgabe von uns, dagegen anzutreten.

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12 Comments

  • Reply rheinsberg 9. Januar 2015 at 12:48

    Danke.

  • Reply giliell 9. Januar 2015 at 12:51

    Im Moment überlege ich gerade ob „Rechner aus und lass den Scheiß“ nicht die einzig vernünftige Variante an self-care ist.
    Ich hab genau das die beiden letzten Tage gemacht. Ich habe mir von vornehmlich weißen Männern angehört, was rassistisch und was sexistisch ist (Spolier: Charlie Hebdo war keins von beidem!). Begleitet von Anschimpfungen wie „filth“ und dem Wunsch, ich möge doch bitte schnell sterben, möglichst mit Schmerzen.
    Fuck, das kriegt man, wenn man weiß + Frau ist (also in dem Fall wenig terrorverdächtig).
    Ausschalten und lieber Wäsche waschen ist dann aber auch white privilege. Die Muslime (und nicht weiße Menschen, die dem rassistischen Stereotyp entsprechen) haben diese Wahl nicht.

  • Reply Sunny 9. Januar 2015 at 13:32

    Ich glaube was mir manchmal für Diskussionen darüber fehlt_e als Skill/Wissen, war die „Gegen“-/anderen Argumente gut zu kennen und mit ihnen umzugehen. Meine eigene Meinung kenne ich und kann sie belegen, aber „Gegen“seiten kenne ich oft auch nur aus meiner Perspektive (bzw. der Perspektive von Leuten, die so ähnlich denken wie ich). Wie sehen Leute das anders, die nicht komplett weit von mir entfernt sind? Wurde mir grade wieder bewusst dass imo nur die Offenheit gegenüber Meinungen, die ich ablehne, hilft um meine eigenen Argumente überzeugend zu vertreten.

  • Reply Damasco Verde 9. Januar 2015 at 14:57

    danke!!!

  • Reply misssoulhome 10. Januar 2015 at 0:59

    Ich finde es auch sehr besorgniserregend was (momentan) passiert. Eine sehr informative Seite findet ihr auch hier: http://www.publikative.org
    Ich hoffe so sehr, dass meine Kinder in einer toleranteren Welt aufwachsen können. In der Menschen, die glauben etwas besseres zu sein – oder das Recht haben, andere zu beurteilen oder anzugreifen, weil diese anders sind/denken/leben, als sie selbst – keine Plattform bekommen.

  • Reply kathrin 10. Januar 2015 at 14:31

    Ich war als Kind jahrelang Sternsingerin und wollte immer unbedingt die/der Dunkelhäutige sein. Erstens weil ich mich sowieso immer zu langweilig fand und gerne einmal anders aussah, zweitens weil sich unter der dunklen Schminke gut verbergen ließ, wenn ich beim Vorsingen rot wurde. Nun (mit Mitte Dreißig) bin ich ehrlich geschockt, dass das als rassistisch gilt. Obwohl ich in einem Elternhaus aufgewachsen bin, wo es selbstverständlich war, allen Menschen (egal woher und wie aussehend) offen und wertschätzend zu begegnen und sensibel für Bedürfnisse und Gefühle anderer zu sein, hab ich mir über das Gesicht-Anmalen noch nie Gedanken gemacht. Jetzt wird mich diese neue Erkenntnis aber sicher noch eine zeitlang beschäftigen …

  • Reply therese 10. Januar 2015 at 19:56

    Ja, ja und ja!
    Ganz besonders zu dem, was du über Satire sagst. Und zu White Privilege. Und überhaupt!

  • Reply Sorm Willnich 13. Februar 2015 at 23:00

    als poc, die deinen blog echt gern liest, meine meinung zum „keine kekse“-prinzip: ja klar, anstand sollte selbstverständlich sein. aber ich finde es wichtig, sich gegenseitig auch für die nettigkeiten und solidarischen worte zu danken. nicht im sinne von belohnung oder lob. sondern als „ich hab das bemerkt/gesehen was du da gemacht hast und freue mich darüber“.
    in diesem sinne: danke.

    • Reply glücklich scheitern 14. Februar 2015 at 13:20

      Freut mich ganz besonders! Es ging auch nicht darum, dass Kekse nicht verteilt werden dürfen, sondern daraus keine „Erwartungshaltung“ wachsen zu lassen, nach dem Motto: Ich hab jetzt doch aber als Weiße mal was richtig gemacht, Applaus bitte. Aber ja, ich freue mich über Kekse, Ego und so 😉

  • Reply Roberto 14. Februar 2015 at 12:17

    Ich habe hier vor Wochen einen Kommentar geschrieben, bis Heute wurde er nicht veröffentlicht. mich würde interessieren wieso?

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