Browsing Tag

gleichberechtigte Elternschaft

Familie

Mental Overload

Wenn mich jemand fragt, warum ich blogge, dann fällt – neben meinem unbremsbaren Mitteilungsdrang – schnell der Satz: Ich möchte Steine ins Rollen bringen…wenn ich Leute nicht  nur zum Lachen und Schmunzeln bringe, sondern auch dazu über bestimmte Alltagsrealitäten oder gesellschaftliche Zustände nachzudenken – dann grinse ich im Kreis! So geschehen, als mir Simone vom liebevollen Blog Pluripara mitteilte, dass der Text über Familienmanagement bei ihr und ihrem Partner viel angestoßen hat. Danke! Und ich freue mich dafür, dass sie diesen Anstoß und was darauf folgte, mit mir und euch teilen wollte:

Gastartikel von Pluripara

Es gibt ja Nachrichten, die verschickt man mit so ein bisschen Herzklopfen. Neulich zum Beispiel, da habe ich meinem Mann drei Links zugeschickt.
Warum mir dabei die Düse ging und welche Links das waren, mag ich gern erklären.

Nach der Geburt der Zwillinge nahm mein Mann 4 Monate Elternzeit. Er genoss diese Zeit nach eigenen Aussagen sehr, fand sie aber gleichzeitig auch extrem anstrengend. Obwohl er nicht zu den Männern gehört, welche die Organisation des Haushalts und die Kindererziehung als lapidare Beschäftigung abtun, hat ihm diese Elternzeit noch mal deutlich gemacht, was für eine Mammutaufgabe es ist, einen Haushalt mit allem drum und dran und drei Kinder unter drei Jahren zu versorgen. Ich war von der Geburt körperlich und seelisch so angeschlagen, dass ich ihm in dieser Zeit kaum zur Hand gehen konnte. Er war hauptsächlich verantwortlich.
Die Elternzeit endete, ich kam langsam wieder auf die Beine. Mein Mann arbeitete wieder Vollzeit und ich übernahm das Familienmanagement. Alles schön? Weit gefehlt.

Orga und Absprache sind alles

Orga und Absprache sind alles

Mich überkam eine nie gekannte Erschöpfung

 Die sich jedoch nicht von jetzt auf gleich äußerte, sondern ganz schleichend Einzug hielt. Ich konnte kaum in Worte fassen, was mich eigentlich so anstrengte. Die Kinder? Der Haushalt? Einkäufe? Ich rannte durch den Tag, ständig in Bewegung, im Kopf tausend Dinge. Abends war ich so müde, dass ich nicht mal mehr in der Lage war, mit Freunden zu telefonieren oder etwas für mich zu tun. Ich funktionierte. Mehr nicht. Das Problem blieb, dass ich nicht in Worte fassen konnte, was nicht stimmte.
Die Krux dabei war: Bekam ich Anerkennung von außen, zum Beispiel in Äußerungen wie: „Toll, wie du das alles schaffst“, fühlte ich mich gut und dachte: „Siehst du, es lohnt sich aber doch auch alles!“. Und so sehr ich mich über dieses Lob freute, desto schwerer fiel es mir zuzugeben, dass ich zwischenzeitlich am Limit war und nicht mehr konnte. Ich hätte die so bitter nötige Anerkennung selbst geschmälert.

Mein Mann bemerkte meine anhaltende Erschöpfung und wir beschlossen, uns anders aufzustellen. Ich habe dazu hier etwas geschrieben.
Dadurch besserte sich vieles. Im Alltag fühlte ich mich strukturiert und entlastet. Eine grundsätzliche Erschöpfung blieb jedoch und ich fing an, diese als normal zu akzeptieren. Sie hatte sich manifestiert. Ich glaube mittlerweile, dass dies der gerade Weg in einen Burnout ist. Diese Alarmzeichen, die ignoriert werden. Einen Ausfall kann man sich schlichtweg nicht leisten. Und mit genau dieser Einstellung ebnet man sich den Weg zum Ausfall.

Wir redeten

Dann kamen mir der Emma-Comic und die dazu passenden Blogartikel von Melanie und DasNuf vor die Augen. Und es machte Klick. Deutlicher konnte gar nicht ausgedrückt werden, was der Kern meiner Erschöpfung war. „Mental load“- Dauerschleife.
Ich schickte genau diese drei Links mit Herzpochen an meinen Mann. Er reagierte prompt: „Lass uns unbedingt darüber reden. Noch heute.“

Am Abend zogen wir Bilanz. Und mein Mann bestätigte all das, ohne dass ich mich selbst zu den Artikeln geäußert hatte. Er, der selbst so großen Wert auf gleichberechtigte Partnerschaft legt, hatte genau diese Sätze geäußert: „Wenn ich was machen soll, sag Bescheid.“ Er hatte sich in eine Bequemlichkeit geflüchtet, eine Zuversicht im Stile von „Sie macht das schon“ und konnte plötzlich selber nicht glauben, dass er sich in dieser Ecke eingerichtet hatte. Er gefiel sich definitiv nicht in der Rolle des „Underling“, viel mehr wollte er mitgestalten, informiert sein und selbstverantwortlich agieren.

Ich selbst hatte meinen Anteil dazugesteuert

Indem ich mit meinem Perfektionismus und den Ansprüchen an mich selbst zu eigen war, um sein Tun einzufordern. Ich rede hier nicht von maternal gatekeeping. Ich rede davon, dass ich schlichtweg nicht den Mund aufgemacht habe. Vielleicht aufgrund meiner Erziehung? Vielleicht, weil ich im Grunde meines Herzens zugeben musste, dass ich doch gerade„nur Hausfrau und Mutter“ war und es mir doch nicht ernsthaft zuviel sein konnte? War diese abschätzige und so grundlegend falsche Haltung doch viel mehr ein Teil meiner Selbst, als ich es mir eingestehen mochte?
Wir installierten noch am selben Abend die Wunderlist auf unseren Handys, um unsere Wochenplanung zu unterstützen.

Wir sprachen konkrete Beispiele im Alltag an, bei denen wir etwas ändern konnten. (Benutztes Geschirr sofort in die Spülmaschine räumen oder die Schmutzwäsche schon mal mit in den Waschkeller nehmen, wenn man sowieso runter muss). Wir besprachen, wer nun für welchen Haushaltsbereich verantwortlich ist (und warum eigentlich?) und ob dies von uns als gerecht empfunden wird oder nicht.
Wir sind nun noch in der Versuchsphase. Eine erste positive Zwischenbilanz ziehe ich trotzdem schon. Es ist so erleichternd, das Gefühl zu haben, dass jemand mitdenkt.

Beispiel: Meine Freundin hat in Kürze Geburtstag und sich etwas ganz Bestimmtes gewünscht. Ich habe es in die Wunderlist eingetragen. Und ohne, dass ich mich dazu weiter äußern musste, hat mein Mann das Geschenk bestellt, denn er hatte an dem Vormittag kurz Zeit sich an den Rechner zu setzen und war nun informiert, dass Notwendigkeit besteht. Ich bekam eine Benachrichtigung und freute mich sehr. Ein Punkt, um den ich mich nicht kümmern musste. Normalerweise hätte ich nämlich nicht danach gefragt, ob er sich kümmert und er hätte eben auch nicht gefragt, weil es ja meine Freundin ist (Und ja, da gehört ein gewaltiges Fragezeichen hinter!!) und es wäre meine Aufgabe, ohne das jemand von uns beiden es hinterfragt hätte.
Die Kunst ist natürlich nun, das digitale Management beizubehalten um die guten Vorsätze nicht einreißen zu lassen. Wir werden das üben müssen. Es macht mich etwas traurig, dass wir in diese Falle getappt sind und das, obwohl wir beide Wert darauf legen, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Gleichzeitig bin ich froh, dass das Problembewusstsein geweckt wurde.
Ich möchte zuversichtlich sein. Und ich hoffe, dass ganz viele Paare ihre Beziehung auf ihren „mental load“ durchleuchten.

Nachtrag:

Mein Mann hat eben den Text gelesen und sich gewundert, über welches Geschenk ich da geschrieben habe.
„Ich hab nix bestellt. Was meinst du?“
„Du hast doch in der Wunderlist die Erledigung abgehakt.“
„Öh ja, ich dachte es bedeutet, dass ich ihr zum Geburtstag gratulieren sollte.“
„Nein, darunter steht doch, was besorgt werden muss.“
„Oh. Das hab ich nicht gesehen. Warte, ich geh schnell hoch uns bestelle es.“

Ich lasse das mal so stehen. ☺

Feminismus

Familienmanagement

Vor ein paar Tagen sah ich diesen sehr treffenden Comic, in dem es darum geht, was es heißt, sich „alleine“ um alles zu kümmern – trotz Beziehung:

What our partners are really saying, when they ask us to tell them what needs to be done, is that they refuse to take on their share of mental load“

Jedes Mal, wenn ich wieder irgendwo „Maternal Gatekeeping“ höre, werde ich jetzt den Link zu diesem Comic verschicken.

Er macht sehr gut deutlich, dass es beim „mental load“ um weit mehr geht, als Windeln zu wechseln oder die Spülmaschine auszuräumen oder das Kind in den Kindergarten zu bringen.

Es meint daran zu DENKEN, dass die Windeln bald leer sind und für den Kindergarten auch neue mitgebracht werden müssen. Es meint, daran zu denken, dass man neue Spülmaschinentabs braucht und das Kind am nächsten Tag eine halbe Stunde früher im Kindergarten sein sollte als sonst, weil der Verkehrspolizist kommt. Es meint den nächsten Kinderarzttermin auf dem Schirm zu haben, das Geschenk für den Kindergeburtstag und die Nummer der Mama vom Kindergartenfreund, mit der sich das Kind nächste Woche treffen möchte. An den Elternabend zu denken und daran eine Babysitterin für die Einladung am Wochenende zu organisieren.

Kalender

Familienmanagement – ein kleiner Auszug aus unserem Papierkalender. Der ergänzt wird vom GoogleKalender und von Wunderlist

Mental load meint nicht nur, die Wäsche zu waschen und aufzuhängen und einzuräumen. Sondern auch die Kleidergrößen der Kinder im Blick zu haben und neue Anziehsachen zu organisieren sowie die Sachen die zu klein geworden sind einzupacken, zu verkaufen oder zu verschenken.

Was ich sagen will: Während mir auf twitter ein „aktiver Vater“ erklärt, dass er die im Comic dargestellten Rollenbilder total übertrieben findet, er selber natürlich nicht so ein Exemplar ist und auch kein solches kennt und das voll unfair findet wo er grad zwischen Wäsche und Windeln hin und her läuft…da finde ich: Ja, vielleicht ist es übertrieben dargestellt. Aber auch ich habe auf Kindergeburtstagen Väter erlebt, die über irgendwas fachsimpeln, während die anwesenden Mütter Getränke einschütten und aufwischen, Nasen putzen und mit den Kindern aufs Klo gehen.

„Man muss halt Bedürfnisse kommunizieren“ hallt es mir dann auf twitter entgegen. Ja, bin ich großer Fan von. ABER: Wer muss kommunizieren? Di_er mit dem Problembewusstsein oder? In dem Comic hat der Vater kein Problem. Und wenn die Mutter dann äußert, dass da was schief läuft, bekommt sie zu hören „Du musst ja nur was sagen“. Genau DAS ist ja das Problem. Das da Jemand keine Notwendigkeit hat, kein Problembewusstsein. Läuft ja alles.

Vergleichen kann man das ganz gut mit der beruflichen Situation, die bestimmt fast jede_r kennt: Die eine Kollegin/der eine Kollege, der die Arbeit einfach nicht „sieht“. Die naheliegendsten Aufgaben, die einfachsten Sachen. Der nicht ans Telefon geht, wenn es klingelt, Infos nicht weitergibt oder im Meeting nicht nachfragt, wenn er was nicht versteht und dann das ganze Projekt verbaselt. Und dann sagt „Hat mir ja keiner gesagt…“.

Ja, der Comic ist verallgemeinernd. Nein, nicht alle Männer sind so. Schon gar nicht von „Natur“ aus.

Familienmanagement like a pro

Dann mal Tacheles, wie das hier läuft: In Sachen Haushalt habe ich keinen Partner der „mithilft“. Ich habe einen, der seinen Teil vom Ganzen macht. Da muss ich nicht auffordern oder ansagen. Wenn er da ist, übernimmt er auch Kinderarzttermine oder das Frühlingsfest. Wenn ich weg fahre koche ich nicht vor oder kaufe ein oder, oder, oder.

Ja, das knirscht manchmal im Getriebe. Denn: Logistisch wäre es oft einfacher, ich übernähme ALLES was an Familienmanagement anfällt. Der Mann ist halt beruflich auch viel abwesend. Aber: Mir ist wichtig, dass er mitDENKT und wenn sich das nur darin äußert, dass er nachfragt: Was kaufen wir Kind1 zum Geburtstag? Soll ich nach der Arbeit noch einkaufen? Was brauchen wir noch für den Urlaub?

Alleine das entlastet schon. Nicht allein verantwortlich zu sein.

Für das Management helfen uns: Der Familienplaner, der neben der Eingangstür hängt. So guckt man beim Rausgehen immer mal wieder drauf. Dann haben wir digitale Kalender. Einen für seine Termine, einen für meine und einen für die Kinder.

Und seit einigen Wochen probieren wir noch die Wunderlist-App. Für Einkaufsliste, To Do Liste (eine allgemein, eine für den Urlaub, eine für das nächste Event (Kindergeburtstag, Einschulung…).

Es klappt, mal mehr mal weniger. Auch wenn einige Aufgaben irgendwie schon organisatorisch an mir hängen bleiben, sich meine Arbeitszeit immer nach den Kinderbetreuungszeiten und den Arbeitszeiten des Mannes richten – Familienmanagement ist Teamwork.

Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus & Mutterschaft 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Ich freue mich heute Sandra als Interviewpartnerin vorstellen zu dürfen, die auf ihrem Blog Aufeinmalfrei über Philosophie, Feminismus & Wirtschaft schreibt!

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Sandra – www.aufeinmalfrei.de

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich habe einen Sohn, er ist fünf Jahre alt und ich habe ihn während meines Studiums bekommen; es war also nicht ganz geplant.

Rückblickend war es aber ziemlich einfach Kind und Studium zu verbinden und beidem genug Zeit zu widmen.

Sandra von Aufeinmalfrei.de

Sandra vom Blog „Auf einmal frei“

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Der Papa spielt eine große Rolle. Unser Sohn lebt eine Woche bei ihm und eine Woche bei mir. Außerdem treffen wir uns – mit unseren neuen Partnern – immer sonntags zum Abendessen. Uns ist es wichtig, dass unser Sohn weiß, dass sich Mama und Papa gut verstehen, selbst wenn wir nicht alle in einer Wohnung leben. Zwischen uns hat sich seit der Trennung eine gute Freundschaft entwickelt. Wir waren auch letztes Jahr alle zusammen in Frankreich im Urlaub.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

 Mein neuer Partner kümmert sich ebenfalls um unseren Sohn. Dieses Modell – dass sich mehrere Personen (Papa, Mama, neue Partner, Großeltern etc.) um unser Kind kümmern – ist mir am liebsten, weil so jede_r Vollzeit arbeiten und jede_r seinen/ihren Interessen nachgehen kann. In unserem Frankreich Urlaub konnte ich zum Beispiel ganz entspannt surfen, weil ich wusste es kümmern sich zwei Personen um unseren Sohn und niemand fühlt sich alleine gelassen.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Seitdem der Papa und ich uns getrennt haben und wir alles 50/50 aufgeteilt haben gibt es keine Verhandlungen mehr. Es war nach der Trennung direkt klar, dass wir es 50/50 aufteilen, sobald ich mit meinem Studium fertig bin. Vor der Trennung gab es viele Diskussionen und Verhandlungen. Ich war mit der Situation überhaupt nicht zufrieden, weil wir durch die Geburt unseres Sohnes in die traditionellen Rollenmuster gefallen sind und ich damit gar nicht klargekommen bin.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

 Als unser Sohn klein war, stand mein Mutterdasein und Feminismus in einem starken Konflikt. Ich hatte das Gefühl nicht mehr als Sandra die Studentin, Surferin oder Frau wahrgenommen zu werden, sondern nur noch als Mutter, die nichts Interessantes mehr zu sagen hat. Außerdem haben viele Verwandte, Bekannte und Kita-Erzieherinnen hauptsächlich mich als Hauptbezugsperson gesehen und bestimmte Handlungen und Auskünfte von mir erwartet, während der Papa einfach weiterhin seinen gewohnten Weg gehen konnte.

Seit unser Sohn die Hälfte der Zeit beim Papa wohnt, ist der Konflikt zwischen Mutterschaft und Feminismus kleiner geworden. Ganz weg geht er wohl nie, weil es einfach noch zu viele Menschen gibt, die bestimmte Erwartungen an Mütter haben und einem schnell ein schlechtes Gewissen machen, sobald man diese Erwartungen nicht erfüllt.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können? 

 Eigentlich wollte ich immer zwei Kinder haben. Aber dafür müsste sich noch einiges auf dem Arbeitsmarkt und in den Köpfen der Arbeitgeber ändern. Eine Mutter wird noch zu oft als unflexible Arbeitnehmerin stigmatisiert. In meiner Bewerbungsphase musste ich immer wieder erklären, dass sich der Papa auch um unseren Sohn kümmert und auch zuhause bleibt, wenn er krank ist. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass mir nicht geglaubt wird. Ein Vater hätte in einem Bewerbungsgespräch nicht diese Probleme.
Es sollte außerdem akzeptabler sein, dass man als Eltern einen erfüllenden Job hat und sich auch noch um sein Kind kümmert, ohne dass man total gestresst ist. Ich plädiere deswegen für die 35-Stunden Woche. Wenn man nämlich mit Fahrzeiten pro Woche 60 Stunden mit Erwerbsarbeit beschäftig ist, ist es klar, dass viele Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten, kurz vor dem Burn Out stehen. Wir sollten also weg von der 40+ Stunden Arbeitswoche. Eltern sind sehr gut organisiert und ich habe es oft erlebt, dass ich in 35 Stunden genauso viel schaffe wie meine Kolleginnen in 40 Stunden.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Mir ist es wichtig, dass unser Sohn ein Verständnis für die Gleichstellung von Frauen und Männern bekommt. Ich denke dadurch, dass wir ihm die Gleichstellung mit unserem Modell vorleben und er damit aufwächst, wird er das verinnerlichen. Er interessiert sich auch gleichermaßen für Autos und Prinzessinnen und bekommt von beidem Spielzeug.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Ich bekomme viel Zuspruch von Freundinnen und Bekannten, die es gut finden, wie wir unsere Familie organsiert haben. Kurz nach der Trennung haben wir uns allerdings oft alleine gefühlt und uns oft gefragt, was die beste Entscheidung ist. Wir fanden kaum funktionierende Beispiele von 50/50 Aufteilungen und harmonischen Patchwork-Familien. Ich habe deswegen auch meinen Blog angefangen, weil ich mir viel „Unterstützung“ im Internet, auf Blogs und in Büchern zusammengesucht habe und unsere konkreten Umsetzungen gerne teilen möchte.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Mir ist Erwerbstätigkeit sehr wichtig. Ich habe direkt nach dem Studium angefangen zu arbeiten und es wäre für mich nicht in Frage gekommen zuhause zu bleiben. Mir war es in der Elternzeit schon zu langweilig.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Ich spüre oft das schlechte Gewissen, was einem gemacht wird, wenn ich sage, dass unser Sohn eine Woche beim Papa ist und ich diese Zeit genieße und viele Sachen für mich tun kann. Dann höre ich oft: „Waaaas, eine Woche ist er weg? Also, das könnte ich nicht.“ Auch hier ist es wieder so, dass Väter diese Aussagen nicht hören würden. Es denkt scheinbar niemand, dass Mütter doch genauso weiterhin ihre eigenen Interessen haben. Diese Interessen haben sich doch nicht mit der Geburt des Kindes über Nacht in Luft aufgelöst.

Feminismus

Das 50/50 Prinzip im Hause glücklich scheitern

Der Mann und ich wollten uns Lohn- und Elternarbeit etwa nach dem 50/50 Prinzip aufteilen. Hätte das von Anfang an geklappt, hätte ich vielleicht auch ein Buch drüber geschrieben. Aus verschiedenen Gründen klappte das nicht so, wie ursprünglich geplant:

Bevor wir Kinder hatten, war der Mann angestellt, was für seinen Arbeitsbereich eher ungewöhnlich war. Der Anteil von Freiberuflern und Selbstständigen ist in seiner Branche sehr hoch. Und die Branche ist sehr männlich dominiert (männlich? von Männern?)

Ich stand am Anfang einer glorreichen Karriere als Wissenschaftlerin. Also dachte ich. Halbe Stelle an der Uni, befristet. Doktorarbeit im Kopf halb fertig. Ich hätte natürlich mit dem Kinderkriegen warten können, bis die Doktorarbeit fertig ist. Wollte ich aber nicht. Bauchmensch halt, was jetzt erst mal nicht nach glorreicher Wissenschaftlerin klingt. Aber auch wenn ich die Doktorarbeit fertig gehabt hätte: An der Uni ist man ja erst „fertig“, wenn man eine Professur hat, und das kann auch mal gut erst mit Mitte 40 sein. So was wie einen guten Zeitpunkt fürs Kinder kriegen hat es da also nicht gegeben. Dann doch lieber früher, bevor ich mit Ende 30 feststelle, dass das mit dem Schwanger werden doch nicht so schnell geht wie gedacht.

Kaffeetassen

In beiden Tassen ist gleich viel Kaffee drin. In seiner ist noch ein Löffel Zucker, in meiner Sojamilch. Beides gleichwertig, wenn auch nicht gleich?

Das 50/50 Prinzip in Theorie und Praxis

Aber ich schweife ab: Ich dachte auch mit Kind(ern) können der Mann und ich gleichberechtigt unsere Karriere verfolgen. Er war dazu bereit Familienarbeit zu übernehmen, ich liebte meine Arbeit sowieso.

Nun ja, eine Schwangerschaft, Geburt und sechs Monate Elternzeit später war mir klar: Was auch immer der Mann und ich vorhatten war ohne die Arbeitswelt geplant worden. Ok, ich hatte vielleicht Pech.

Und ausschließlich befristete Verträge. Maximal 18 Monate und das war schon die seltene Ausnahme.

Der Mann machte sich einige Zeit später selbstständig. Seine Auftragslage ist gut, er ist immer mal wieder ein paar Tage am Stück unterwegs.

Als Kind1 noch Einzelkind war ging das irgendwie, ich arbeitete – bei sehr kurzen Verträgen – mal 20, mal 30, mal 40 Stunden.

Mit zwei Kindern, beide keine Eckenhocker, ist das etwas komplizierter und aufwendiger, zumal ja auch die Tagesmutter im Februar gekündigt hat. Wenn der Mann jetzt beruflich für mehrere Tage unterwegs ist, heißt das:

In der Zeit mach ich  – seit ich Januar im neuen Job begonnen habe – eben alles: Morgens mich und die Kinder fertig und zur Betreuung bringen. Zur Arbeit fahren, oft auch radeln wenn der Mann das Auto hat. Das bedeutet eine Stunde Fahrtzeit pro Stecke, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln würde es genau so lang dauern. Sechs Stunden arbeiten, Feierabend, Kinder abholen, einkaufen etc. Muss ich Euch ja nicht erzählen. Ja, es gibt auch die Tage, an denen der Mann das alles macht, also außer meine Lohnarbeit. Da kann ich durchatmen. Aber nichtsdestotrotz bleibt in seiner Abwesenheit all das an mir hängen.

Wollte ich da Vollzeit arbeiten? Oder mich – für eine wissenschaftliche Karriere nicht unüblich – deutschlandweit, europaweit, weltweit bewerben? Wo würden die Kinder bleiben?

Es gab auch die Phase, in der ich sauer auf den Mann war. Das er einfach so weiter macht wie vor den Kindern. Dass er sich keinen Bürojob sucht, in dem er von 9 bis 5 arbeitet.

Aber dann dachte ich: er macht weiter so, weil er es kann. Weil keiner denkt, dass er alleine für die Kinder zuständig ist. Weil keiner seiner Auftraggeber davon ausgeht, dass Dienstreisen ein Problem sind (sein Job besteht quasi aus Dienstreisen).

Ich dagegen, saß bei einer Personalvermittlung. Bewerbung auf Bürojobs, von Teilzeit im Anschreiben keine Rede. Im Gespräch erwähnte ich dann, dass es nach Möglichkeit eine Stelle in Köln sein sollte, da ich „auch mal“ die Kinder abholen müsste. Das Gegenüber: „Ach so, aber Teilzeit können wir Ihnen nicht anbieten“. Ich bekam von dieser Vermittlung noch zwei Anrufe. Einmal hatten sie eine Stelle für mich, 9 Stunden – die WOCHE! Auf meine Rückmeldung, dass ich ja gar nicht so wenig arbeiten wollte, kam ein paziges „Ich wollte nur entgegenkommend sein“ zurück.

Derweil teilen der Mann und ich uns den Haushalt. Er denkt an Windeln und Klopapier und er kocht lieber als ich. Seit die Tagesmutter gekündigt hat, ist Kind2, wenn er nicht grad arbeitet, den ganzen Tag mit ihm unterwegs. Und seine Aufträge sucht er sich in der Regel danach aus, ob sie allzu lang, allzu weit weg sind. Und lehnt darum auch schon mal ab. Doof nur: hat keine der Stellen interessiert, bei denen ich mich beworben habe. Und wie kriegen Sie die Kinderbetreuung organisiert?

Mein aktueller Job ist in Sachen Vereinbarkeit nicht zu schlagen.

Ich habe jetzt zum Mai von 30 Wochenstunden auf 25 Wochenstunden reduziert. Freitags habe ich dann frei.

Zuerst fühlte es sich wie ein Scheitern an. Denn so werde ich garantiert nicht 50% zum Haushaltseinkommen beitragen. Und das war eigentlich immer mein Minimalziel: 50 Prozent.

Aber da wusste ich noch nicht, dass ich es doppelt so schwer haben würde wie der Mann, nach außen meine „Karrierecredibility“ zu wahren. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Und ich mag grade nicht kämpfen. Der Familienalltag mit zwei kleinen Kindern ist zauberhaft und kräfteraubend gleichzeitig. Und so mag das 50/50-Prinzip vielleicht für bestimmte Paare funktionieren. Für uns funktioniert grade was Anderes.

Und wenn ich sehe, dass Kind2 bald schon seinen zweiten Geburtstag feiert, im August in den Kindergarten kommt und seit zwei Wochen zum Einschlafen nicht mehr auf meinem Bauch liegen will – dann bin ich sicher, dass der Alltag bald weniger kräfteraubend und dafür um so zauberhafter wird. Und dann kann ich ja immer noch schauen, ob mir das mit der Karriere wieder einen Kampf wert ist, oder ich mich an die langen Wochenenden gewöhne…

Und vielleicht heißt bei uns auch 50/50 bei uns, dass wir die Hälfte von Allem nicht gleichzeitig, sondern nacheinander machen.

Wie sieht es bei Euch aus?