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Familie

Kita-Klappern

Ich wohne in einer westdeutschen Großstadt. Das heißt, die Betreuungsplatzsituation für Unterdreijährige ist besch***en. Da der Mann und ich uns die Elternzeit teilen aber danach auch wieder arbeiten wollen brauchen wir eigentlich schon ab nächsten März einen Platz. Aber natürlich wird nur nach den Sommerferien aufgenommen. Wenn man denn einen der heißbegehrten Plätze ergattert. Ist gar nicht so einfach, ich habe jetzt alle in Frage kommenden Einrichtungen abgeklappert (vermutlich hätt ich das schon tun sollen, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin). Das ging ungefähr so:

Städtische Kita.

Erste Hürde: Suche das Downloadformular auf der Homepage des Jugendamtes. Dann finde in der näheren Umgebung (als zumutbar wird nämlich eine Distanz betrachtet, bei der ich mit Hin- und Rückfahrt die Zeit auch gleich zur Betreuung hätte selbst aufbringen können, da komm ich zwischen Hinbringen und Wiederabholen nämlich zu nix) eine Einrichtung, die keine reine Aufbewahrungsanstalt ist und plätze für die Kleinen hat. Dann schicke das Formular ab und hoffe, dass sich eine_r meldet.

Waldorfkita.

Für das Kind bestimmt ne schöne Sache, so alternativ und so. Aber für uns als Eltern? Beim Infoabend sitzen der Mann und ich und staunen. Auf zu kleinen Stühlen zwischen lauter Enddreißigereltern mit Hornbrillen und Wollpullis. Er so freiberuflicher Architekt oder Irgendwasmitmedienprojektetotalcool. Sie so Lehrerin, Heilpraktikerin oder Yogatrainerin, vielleicht auch Ärztin.

Hab ich an sich nix gegen aber so ne Waldorfkita erwartet schon viel Beteiligung der Eltern. Zitat: „Dann sitzen die Mütter beim Weihnachtsplätzchenbacken und die Väter streichen die Gartenlaube neu…“ – Der Mann drückt mir schon fest die Hand, weil er sieht wie mein Gesicht rot anläuft. Er gibt mir auch zu verstehen, dass ich mir auf die Zunge beißen soll, als die Leiterin ihr progressives Erziehungskonzept vorstellt: „Und dann gibt es jeden Tag was anderes zum Frühstück, aber halt jeden Montag das gleiche und jeden Dienstag und so weiter. Damit die Kinder begreifen was ein Wochenrhythmus ist {(das ich die Wochentage auch gelernt habe obwohl es jeden Morgen Käse- oder Wurststulle gab habe ich dann nicht laut gesagt)}. „Und wir legen auch viel wert darauf, dass die Kinder die Natur und den Jahreskreis kennen lernen. Darum gehen wir im Frühling an den Ententeich wo die Küken schwimmen“. Jawoll, Großstadt, Zentrum: Park mit Ententeich = Natur. Nebenbei lässt die Leiterin durchsickern, dass man von der U3-Betreuung eh nicht viel hält, weil die Kinder ja in der Zeit eigentlich noch zur Mama gehören…deshalb sind die Öffnungszeiten für die Kleinsten auch nur von Sieben bis 14 Uhr.

Elterninitiative.

So auf DU so. Auf der Homepage (selfmade) steht die Zeit, zu der man zum Zwecke der Anmeldung anrufen kann: mittwochs zwischen zehn und elf. Nachdem ich diese großzügige Zeitspanne schon drei mal verpennt habe, weil ich entweder neben Minime eingepennt bin oder die Zeit mit füttern und Windeln wechseln verbracht habe, habe ich es heute ENDLICH geschafft. 10.50 Uhr, ich wähle mit feuchten Händen die Nummer. Besetzt. Natürlich. Versuchen ja auch noch 100 andere Mütter einen Platz zu ergattern. 11.01 Uhr: immer noch besetzt. Dann probier ich es halt nächste Woche!

Katholischer Kindergarten

„Ja, wir nehmen ab zwei Jahren auf. Mittwochs zwischen zwei und vier sind unsere Bürozeiten. Kommen sie doch vorbei, dann können sie sich die Einrichtung angucken“ – wie, ich darf vorbei kommen und mir die Einrichtung angucken? Werde nicht direkt am Telefon abgeblockt??? Treffer!

Also Minime um viertel vor Zwei fertig gemacht. Naja, angefangen. Frische Windel drum, frische Windel voll. Nochmal das Ganze. Weil er ja wieder leer ist muss ein Fläschchen wieder rein. Weil er ein Speikind ist, kommt die Hälfte wieder raus. Drittes Lätzchen nass, Nummer vier drum. Mir fällt ein, dass verantwortungsbewusste Mütter ihrem Kind ja bei jedem Wetter ein Mützchen aufsetzen, bei schlechtem Wetter weil es kalt ist, bei Sonne weil eben Sonne ist – gefährlich. Natürlich will ich nicht beim ersten Eindruck ein „unverantwortlich“ hinterlassen und setze ihm ein Mützchen auf. Mützchen findet er doof. Minime ist endlich in der Trage, ich nassgeschwitzt. Hilft ja nix, also los. Die Leiterin nimmt mich begeistert in Empfang und erzählt von ihrem pädagogischen Konzept.

Als wenn mich das noch interessieren würde, ich mein, wer sein Kind vor dem dritten Lebensjahr wegorganisieren will, muss nehmen was sie kriegen kann. Ich höre also brav zu und nicke. „Und ich sag es noch mal, weil es aus dem Namen nicht direkt ersichtlich ist, wir sind eine katholische Kita, nur das sie es wissen. Gehören sie einer religion an?“

Jetzt kann ich mit ‚ich bin Agnostikerin‘ wohl nicht punkten. Also „jaja, ich bin evangelisch. Ich war katholisch und auch in einem katholischen Kindergarten, bin dann aber…“ – hier bleib ich hängen. Ab jetzt würd ich es nur noch schlimmer machen. Was ich von katholischer Kirchenpolitik halte erspar ich der Dame besser. Und das der Papa von Minime gar nix von Konfessionen hält auch. Und das wir nicht verheiratet sind… aber netterweise übergeht sie mein Zögern und legt mir das Anmeldeformular hin.

Glaube, Liebe, Hoffnung – die Hoffnung stirbt zuletzt oder so ähnlich steht es doch in der Bibel.

Ach ja, falls ich es vergessen habe: Jede dieser Einrichtungen hat zwischen vier und sieben Plätze für die Kleinen und eine Warteliste im dreistelligen Bereich. Die Hoffnung stirbt ZULETZT.