Feminismus

Tausche Sex gg. Hausarbeit (Wo bitte geht’s hier ins 21. Jahrhundert?)

während man MANCHMAL tatsächlich glauben könnte, frauen und männer seien gleichberechtigt, werden alle geschlechterstereotypen und -klischees neu aufgelegt, sobald man mutter wird oder ist. natürlich wollte auch ich alles über die schwangerschaft lesen, was ich zwischen die finger bekam. und etliche portale* machen es einer einfach und verschicken regelmäßig newsletter via e-mail, wo man die einzelnen schwangerschaftswochen erklärt bekommt. auch eltern.de bringt sowas. auf diesem weg bin ich auf diesen artikel gestoßen: papa sein von anfang an.  nett, dachte ich, endlich mal auch was für die väter in spe. zu früh gefreut:

Schlagen Sie der Partnerin ein Abkommen vor, sobald ihre Geburtswunden geheilt sind: Haushaltsarbeit gegen Sex. Johanna Graf: „Ungewöhnlich. Aber es funktioniert häufig.“

Ich weiß gar nicht, was mir alles dazu einfällt. eine kollegin und ich haben dieses zitat dann folgendermaßen zerlegt:

1. es wird davon ausgegangen, dass männer schnellstmöglichst nach der geburt (wieder) sex haben wollen. frauen natürlich nicht.

2. hinzu kommt die annahme, frauen ließen sich durch eine frisch gewienerte wohnung ganz wuschig machen. diese verführungstechnik kannte ich noch gar nicht…auf unserem kühlschrank hängt eine postkarte, darauf frau und mann im bett – sie: ’schatz, sag mir was schmutziges‘, er: ‚küche‘

3. es wird auch davon ausgegangen, dass hausarbeit frauensache ist, und es total toll ist, wenn der mann mal was macht. so toll, dass siehe punkt 2

4. sex ist also keine sache, die dann statt findet, wenn beide lust haben, sondern wenn man einen deal macht. man zahlt nur nicht mit geld, sondern mit einer dienstleistung (achtung: hausarbeit, nicht sex). klingt nach prostitution? quaaaatsch

– hab ich was übersehen? ach, und natürlich reg ich mich nur darüber auf, weil ich eine frau und humorlose feministin bin, aber: liebe männer, merkt ihr nicht für wie blöd und steinzeitlich man euch hält?

ich will nicht ausschließen, dass ich das zitat falsch verstanden habe, und die frauen mal den haushalt machen sollen, damit die männer endlich wieder lust auf sex haben. wären wir im 21. jahrhundert…

* nur so nebenbei, beliebte abkürzungen in diesen foren und portalen sind z.b. ‚mumu‘ (für muttermund) und ’ss‘ (für schwangerschaft) – muss ich dazu noch was sagen?

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9 Comments

  • Reply Pia 19. Mai 2011 at 12:34

    Ich habe die ersten acht Monate meiner Schwangerschaft geglaubt, Infoportale für werdende Mütter – und Väter – müssten einfach so ätzend sein. Und habe mich einfach konsequent nicht informiert. Vor kurzem hat mir meine Ärztin dann die Seite swissmom.ch empfohlen. Dort bekommt man ohne viel Tamtam die wichtigsten Fragen beantwortet. So z.B. auch, ob man in der 34. Woche noch in ein Konzert gehen kann oder wieviel Tassen Kaffee in Ordnung sind. Solche Infos kann ich besser gebrauchen als antiquierte Hausfrauentipps … 😉

    • Reply gluecklichscheitern 19. Mai 2011 at 22:38

      ach, manchmal würd ja auch mehr bauchgefühl und menschenverstand helfen…weniger ist mehr!

  • Reply Marieken 19. Mai 2011 at 22:24

    Schöne Analyse, der Vorschlag ist natürlich unterirdisch. Aber: GEBURTSWUNDEN? Was das sein? Schlimm? Darüber wünsche ich mir mehr Aufklärung! Ist ja durchaus relevant für die Fortpflanzungsentscheidung…

    • Reply gluecklichscheitern 22. Mai 2011 at 22:22

      hm, vermutlich alles, was frau da so haben kann: das meiste fängt mit „damm-“ an oder hört mit „…narbe“ auf. sooo viel erfahrung hab ich da auch nicht! aber als sei DAS das problem. die frage ist doch eher, wann wie und wo wenn immer und überall das kind da ist…

  • Reply Mädchenmannschaft » Blog Archive » Pornos, Piraten und Quotenfeministinnen: Die Blogschau 28. Mai 2011 at 16:01

    […] den Artikel “Papa sein von Anfang an” gestoßen. Vorsicht, Schnappatmung garantiert: “Tausche Sex gegen Hausarbeit”. Ebenfalls dort: Eine aktuelle linksammlung zu “Stellen, Stipendien, Calls und […]

  • Reply okrinom 31. Mai 2011 at 12:29

    Ich vermute, dass der Hinweis in der Lebensrealität vieler Paare durchaus sinnvoll sein könnte.
    Ich glaube die, zugegebenermaßen unglücklich formulierte, Grundidee ist, dass man sich oft in stressigen Situationen absprechen und organisieren muss um Zeit und Energie für Sex zu haben. Die Aussage aus dem Artikel lässt sich jedenfalls auch so interpretieren: „Der Vater beteiligt sich an nicht traditionellen Aufgaben wie Haushalt, während sich die Mutter von ihrer traditionellen Aufgabe löst und mehr auf Sex einlässt“

    Im Einzelnen noch ein paar Gedanken:

    zu 1. Ich beobachte das Phänomen im Umfeld durchaus häufig
    zu 2. und 3. in vielen Beziehungen ist die Rollenverteilung nach wie vor traditionell, ist vielleicht nicht schön oder gesellschaftlich wünschenswert aber dennoch ist das meine Beobachtung. Ich glaube der Anspruch einer Plattform wie eltern.de ist nicht die gesellschaftlichen Bedingungen zu kritisieren, sondern die Leute in ihrer Realität zu beraten
    4. Sex ist, genau wie jede andere Interaktion zwischen Menschen, immer auch ein Deal. Keiner hat Sex ohne Gegenleistung in irgendeiner Form, die Fälle in dem die Gegenleistung auch einfach nur der Sex selbst ist, sind selten glaube ich.

    Viele Grüße

  • Reply christine 31. Mai 2011 at 13:51

    Gut dass du darüber geschrieben hast! Das ist ja entwürdigend. Wie soll denn bitte so eine Partnerschaft funktionieren? Und wo bleibt da die Würde? Von Liebe gar nicht zu reden.

  • Reply muttis 13. Dezember 2011 at 10:12

    Schließe mich dem allgemeinen Kopfschütteln an. Und nehme hiermit diesen Blog in meine Blog-Roll auf.
    lg Muttis Nähkästchen
    http://muttis.wordpress.com

  • Reply Lea Kittel 4. Dezember 2012 at 23:16

    Nicht zu vergessen die „Verniedlichung“ „Hebi“, die ich immer wieder in einschlägigen Foren lesen muss.
    Ich frage mich dann immer: Welche Frau nennt ihre Ärztin „Ärzi“, ihre Friseurin „Friesi“ oder ihre Schuhverkäuferin „Schuhi“? Warum dann diese grässliche Abkürzung „Hebi“ für Hebamme?

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