Familie

Vergangenheit ist Gegenwart ist Zukunft

„Von 1150 Juden aus meiner Heimat haben 155 überlebt. Vater war mit 54 der Älteste. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass sechs Millionen von uns getötet worden sind. Ich habe die ganze Welt gehasst. Die Täter, weil sie es getan haben. Und den Rest der Welt, weil sie nichts für uns getan haben. 1938 gab es in Evian eine Konferenz, eingeladen waren 32 Länder und der Vatikan.  Es hieß, Hitler will in Deutschland keine Juden mehr haben, wie viele nehmt ihr auf? Stille. Kein Land bot an, Juden aufzunehmen. Die Welt kümmerte sich nicht, die sogenannte Endlösung aufzuhalten.“

(Ted Bolgar, Ausschwitz-Überlebender,2015, im Prozess gegen Oskar Gröning, SS Unteroffizier in Ausschwitz von 1942-1944)

Es sind nicht „die“ Menschen in Clausnitz. Es sind nicht „die“ Politiker, die entscheiden, dass die Grenzen dicht gemacht werden. Es sind nie „die“ gewesen. Es sind all die scheinbar Harmlosen, die genau NICHTS tun.

„Unsere Mandanten leiden jedoch nicht nur an dem Verlust ihrer Liebsten. Sie leiden auch darunter, dass wir in einer Zeit leben, in der die Shoah verharmlost, relativiert oder schlicht bestritten wird. In München findet in unserer Zeit der NSU-Prozess statt. Ich vertrete dort die Familien zweier türkischer Mordopfer, die von Nazis umgebracht worden sind. In München sitzen Antisemiten auf der Anklagebank, die in Schrift und Tat Mordfantasien über Juden und Migranten propagiert haben und zugleich von der >Ausschwitz-Lüge< schwadronieren. Es sind auch Freunde und Bekannte der Angeklagten, die als Zeugen auftreten und ähnlicher Geisteshaltung sind. Machen wir uns nichts vor: Das sind nicht nur traurige Einzelfälle. Wenn in Dresden Tausende auf die Straße gehen, >Bomben-Holocaust< in Zusammenhang mit der Zerstörung der Stadt im Weltkrieg skandieren, was sonst als eine Relativierung der Shoah schreien sie dort in die Nacht? (…) Es liegt an uns Deutschen, diesen Abgrund anzunehmen, der Wahrheit ins Auge zu schauen und daraus Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für uns, für unsere Taten, für die Frage, wie wir heute mit Minderheiten umgehen, wie wir die Schwachen und die Armen in unserer Welt behandeln. In diesen Tagen machen sich Abertausende Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten auf den Weg zu uns nach Europa. Abertausende ertrinken, verhungern und verdursten auf diesem Weg, vor unseren Augen. Wie steht es um unser Menschsein? Was haben wir aus unserer Geschichte gelernt, wenn wir Mauern bauen um unsere Grenzen und um unsere Herzen? Wie sprechen wir denn heute über Sinti und Roma? Wie sprechen wir denn heute über Juden und Muslime? ….“

(Rechtsanwalt Dr. Mehmet Daimagüler, Vertreter einiger Nebenkläger im gleichen Prozess)

Ich hab keine Antworten, ich habe viele Fragen. Viele Ängste, aber die betreffen nicht die, die ankommen, sondern die, die schon da sind.

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