Reisen mit Kindern

Aussteigen mit Kind

Ich freue mich, Euch heute einen ersten Gastbeitrag zu präsentieren! Louise vom Blog Zwerggeflüster schreibt, was sich durch ihre Tochter verändert hat und wie sie – vorläufig? – zur Aussteigerin wurde. Der Beitrag macht mich ein bisschen neidisch, schließlich leide ich auch unter permanentem Fernweh und freue mich, es dieses Jahr auch ein mehr ausleben zu können (dazu später mehr), aber ob ich so konsequent wäre wie Louise weiß ich nicht. Aber lest selbst:

Wie unser Kind uns zum aussteigen inspiriert hat

Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal auf einer tropischen Insel mitten im Dschungel mit Kind leben würde. Seit ich klein bin, leide ich an Fernweh, besser gesagt Südweh. Und meine Oma ist die einzige, die das wirklich ernst genommen hat. Ja, in den warmen Süden wollte ich immer… Und aussteigen sowieso. Aber einfach so hätte ich das nie gemacht, dafür fehlte mir der Mut, der richtige Zeitpunkt und ach, das wäre doch alles nie Wirklichkeit geworden!

Kurz, bevor Matilda auf die Welt kam, stand ich an unserem Küchenfenster und wurde auf einmal von einem mächtigen Heulanfall überwältigt! Ich, hochschwanger, realisierte plötzlich folgendes: unser Kind kommt ausgerechnet in so einer Stadt (Mannheim) zur Welt. Wenn ich jemals ein Kind haben sollte, wollte ich alles perfekt dafür machen. Viel Geld ansparen, damit es mal auf eine ausgewählte Schule gehen kann, Hobbies haben und etwas von der Welt sehen kann, einen sicheren Job usw.

No woman no cry

Doch schon kurz nach der Entbindung fing alles an, ganz anders zu werden. Mein Schwiegervater wollte uns aus der Klinik mit dem Auto nach Hause fahren. Ich wollte unbedingt nach Hause laufen, das Äffchen im Tragetuch, damit sein Köpfchen schön rausgucken und alles sehen kann – an der frischen Luft statt eingepfercht in eine Plastikbabyschale in stinkendem Autogeruch.

Stillen. ́Ich stille einfach ein halbes Jahr und danach gehe ich wieder arbeiten.“ Habe ich gedacht. Stattdessen war von nun an immer dieses durchdringende, quälende Weinen, wenn ich mich diesem kleinen Wesen mal entzogen habe, was doch eigentlich am liebsten die ganze Zeit seine Mama samt Milch für sich allein haben wollte. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal zur Ökolangzeitstillmama werde, mich auf einmal nicht mehr schminke, nur noch Baumwolle trage und alles Plastik in der Wohnung gegen Holz austausche.

Unsere Arbeitszeiten waren von Anfang an perfekt. Daniel und ich konnten uns als freiberufliche Musiklehrer immer aussuchen, wann und wie viel wir arbeiten. Montag, Mittwoch er, dienstags und donnerstags ich, beide können arbeiten und zu Hause beim Baby sein, toll! Nur, ein sicherer Job, der viel Geld abwirft, ist das natürlich nicht. Aber lieber weniger Geld, als Baby in der Krippe und weit weg von uns.

Jede Mutter weiß, wovon ich rede. Bei manchen spielen die Hormone schon in der Schwangerschaft total verrückt. Bei mir kam das alles erst hinterher. Back to the roots! Dass ich mal so eine Mutter werde, hätte ich selbst ja auch nie gedacht! Aber die Hormone erfüllen ihren Sinn und spätestens mit der Ankunft des Neulings sieht jede Mama die Welt durch ihre Kinderaugen. Bei mir ist es so, dass ich manchmal glaube, das Kind selbst zu sein. Und ich glaube auch daran, dass sich das Kind seine Eltern aussucht. Ich bin im übrigen nicht religiös! Aber überzeugt davon, dass unser Kind (und jedes andere auch) sich genau so in einen Haushalt inkarniert, dass es genau die Eigenschaften und Herausforderungen mitbringt, an der die jeweilige Familie wachsen kann und soll. Unser Kind lehrt uns, wir selbst zu sein, frei zu sein, denn es möchte selbst ganz frei sein. Und das kann es nur, wenn wir diese Herausforderung annehmen und ihm einen Rahmen dafür bieten.

Flöhe husten, Zwerge flüstern

Obwohl wir von Anfang an unseren eigenen Weg gegangen sind und dabei immer auf unser Bauchgefühl gehört und vieles anders gemacht haben, stellen wir uns unser kurzes Dasein hier auf Planet Erde irgendwie anders vor. Ich möchte nicht 9-to-5 arbeiten gehen, nur um von dem Geld eine Wohnung oder ein Haus zu finanzieren. Ich möchte mein Kind nicht in die Krippe oder den Kindergarten schicken, weil ich arbeiten muss. Wenn schon, dann, weil es dort so toll ist! Und ich möchte auch nicht, dass mein Kind durch die „Erziehung“ in der Schule oder anderen Institutionen wiederum auf dieses spätere, „richtige“ Leben vorbereitet wird. Denn wer sagt eigentlich, dass das das Leben ist? In einer Stadt wohnen, industriell gefertigtes Essen aus dem Supermarkt verzehren, eine bestimmte Wohnausstattung haben, Versicherungen und „Lebenszubehör“ zu finanzieren und für die natürlichsten Dinge wie Wald, Meer oder Küste viel Geld in Form von Urlaub – zur Erholung von dem ganzen Trott – auszugeben? Mein Denken hat sich geändert, zum Glück! So angenehm, wie unser Komfort ist – wir leben (meiner Meinung nach) in einer sehr künstlichen Welt. Und die Verbindung zur „echten“, natürlichen Welt, ist gestört. Telepathie und Gedankenübertragung hat für die meisten Menschen etwas mit Esoterik zu tun. Dabei sind sie genauso real wie Intuition, Bauchgefühl und spontane Einfälle. Wir verstehen das nicht und können dieses Urwissen daher nicht mehr für uns nutzen. Außerdem sind wir zu abgelenkt und geblendet. Statt selber auszusenden und uns zu verbinden, lassen wir iPhone, Tablet & Co. für uns vermitteln.

Aber wie kann ein anderes Leben aussehen? Kein Handy mehr benutzen, nicht mehr einkaufen und nur noch selbst anbauen, plastikfrei, unschooling, vegan sein & Co.? Eigentlich wollte ich jetzt einen Scherz machen, aber mir fällt gerade auf – ja, ich habe das alles schon ausprobiert. Und es gibt viele Menschen, die ebenso leben und ja, wir fühlen uns damit irgendwie besser. Nein, wir glauben sogar, dass sei die Zukunft, obwohl wir gar keine Ahnung haben, was hier in 30 Jahren mal los ist. Kinder vermitteln uns aber ein Gespür für das wahre, gute, wenn wir es ihnen erlauben.

Im Moment wohnen wir auf einer kleinen Insel knapp unterhalb des Äquators. Hier ist alles ganz anders und irgendwie auch fremd. Alles, was wir von zu Hause her kennen, was auch Matilda kennt, fehlt. Wir können nicht mehr ins Kindertheater gehen, nicht ins Balett, unser Klavier und alle Instrumente sind weit weg, Kinderreiten gibt es hier auch nicht. Aber es gibt viel grün, ja, die Straßen und Wege sind voll von Palmen und saftig-grünen Dschungelpflanzen. Wir verbringen unsere Tage am Strand oder den vielen schönen Wasserfällen und Matilda läuft herum, wie ein kleiner Tarzan und es stört sich niemand daran.

Freiheit ist eine Fiktion

Was mir in Deutschland immer gefehlt hat, ist die Natur. Ich meine, so richtige Urnatur! Und die absolute Freiheit. Und das Geld. An meinen besten Tagen habe ich acht Stunden mit Kind draußen, im freien, verbracht. Aber es gibt trotzdem noch die Briefe der GEZ sowie weiteren deutschbürokratischen Nonsens, Bankwesen usw. Selbst, wenn ich wollte – ich dürfte mir gar nicht meine eigene Hütte im Wald bauen und darin leben! Und mittlerweile verstehe ich Leute, die ihr Business nach Hong Kong oder auf eine steuerfreie Insel verlegen, immerhin haben sie so ihre Ruhe.

Aber zum Stichwort „fehlt“ – das Gras ist doch immer grüner auf der anderen Seite.
Das muss ich auf reisen gerade wieder lernen, zufrieden zu sein. Fast 20 Jahre lang bin ich nie ohne mein Instrument verreist und habe mich dadurch immer eingeengt gefühlt. Und nun fehlt es nicht nur mir, sondern ich trauere sogar darum, dass meine Tochter nicht mehr darauf spielen kann.

Und es ist doch eigentlich verrückt. Jetzt, wo ich mir diese große Freiheit endlich geschaffen habe, völlig losgelöst und zeitlos leben kann, wie, wo und wann ich will, „am reisen“ bin – wünsche ich mir wieder ein eigenes zu Hause, eine kleine Wohnung, ein (bis dahin übrigens noch nie gehabtes) Kinderzimmer.

Ein bisschen näher am Paradies

Heute war es hier sehr heiß. Es ist Anfang Januar und Beginn der Trockenzeit. Die nächsten Monate wird es auf der Insel kaum regnen. Matilda läuft zur Zeit am liebsten nackig herum. Ich habe immer einen Rock für sie dabei, falls wir in einen Shop oder auf den Markt gehen. Alle, die hier leben, sind so vermummt. Die Frauen tragen selbst bei größter Hitze langärmeliges und ihr weites Kopftuch. Aber an dem Nackidei stört sich niemand. Hier gibt es überhaupt so viele Kinder, dass die ganze Insel theoretisch Eltern sein muss. Und man spürt das. So eine Gelassenheit und Ruhe habe ich sonst nirgends erlebt. So fremd mir diese Kultur hier ist, so angenehm finde ich sie auch. Und wenn ich wieder zurück in Deutschland bin, werde ich merken, dass ich genau das immer gesucht habe. Aber deshalb nun ein Leben hier führen? Ich weiß es noch nicht. Matilda wird mich weiter inspirieren.

Louise und ihre Tochter am Strand

Louise und ihre Tochter am Strand

Aussteigen mit Kind? Louise hat es getan

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1 Comment

  • Reply Lau 13. September 2018 at 14:59

    Hey! Das klingt mega toll, steh auch kurz davor mit meinen 2 Kindern das zu machen. Gibt’s da eine Möglichkeit zur Vernetzung? Würde mich sehr freuen!!

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