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Interviews Feminismus und Mutterschaft

Interview Feminismus & Mutterschaft 11: Nach der Trennung klappts mit 50/50

Ich freue mich heute Sandra als Interviewpartnerin vorstellen zu dürfen, die auf ihrem Blog Aufeinmalfrei über Philosophie, Feminismus & Wirtschaft schreibt!

Dein Name (egal ob klarname, pseudonym, blog…)

Sandra – www.aufeinmalfrei.de

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?

Ich habe einen Sohn, er ist fünf Jahre alt und ich habe ihn während meines Studiums bekommen; es war also nicht ganz geplant.

Rückblickend war es aber ziemlich einfach Kind und Studium zu verbinden und beidem genug Zeit zu widmen.

Sandra von Aufeinmalfrei.de

Sandra vom Blog „Auf einmal frei“

Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)?

Der Papa spielt eine große Rolle. Unser Sohn lebt eine Woche bei ihm und eine Woche bei mir. Außerdem treffen wir uns – mit unseren neuen Partnern – immer sonntags zum Abendessen. Uns ist es wichtig, dass unser Sohn weiß, dass sich Mama und Papa gut verstehen, selbst wenn wir nicht alle in einer Wohnung leben. Zwischen uns hat sich seit der Trennung eine gute Freundschaft entwickelt. Wir waren auch letztes Jahr alle zusammen in Frankreich im Urlaub.

Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?

 Mein neuer Partner kümmert sich ebenfalls um unseren Sohn. Dieses Modell – dass sich mehrere Personen (Papa, Mama, neue Partner, Großeltern etc.) um unser Kind kümmern – ist mir am liebsten, weil so jede_r Vollzeit arbeiten und jede_r seinen/ihren Interessen nachgehen kann. In unserem Frankreich Urlaub konnte ich zum Beispiel ganz entspannt surfen, weil ich wusste es kümmern sich zwei Personen um unseren Sohn und niemand fühlt sich alleine gelassen.

Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?

Seitdem der Papa und ich uns getrennt haben und wir alles 50/50 aufgeteilt haben gibt es keine Verhandlungen mehr. Es war nach der Trennung direkt klar, dass wir es 50/50 aufteilen, sobald ich mit meinem Studium fertig bin. Vor der Trennung gab es viele Diskussionen und Verhandlungen. Ich war mit der Situation überhaupt nicht zufrieden, weil wir durch die Geburt unseres Sohnes in die traditionellen Rollenmuster gefallen sind und ich damit gar nicht klargekommen bin.

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?

 Als unser Sohn klein war, stand mein Mutterdasein und Feminismus in einem starken Konflikt. Ich hatte das Gefühl nicht mehr als Sandra die Studentin, Surferin oder Frau wahrgenommen zu werden, sondern nur noch als Mutter, die nichts Interessantes mehr zu sagen hat. Außerdem haben viele Verwandte, Bekannte und Kita-Erzieherinnen hauptsächlich mich als Hauptbezugsperson gesehen und bestimmte Handlungen und Auskünfte von mir erwartet, während der Papa einfach weiterhin seinen gewohnten Weg gehen konnte.

Seit unser Sohn die Hälfte der Zeit beim Papa wohnt, ist der Konflikt zwischen Mutterschaft und Feminismus kleiner geworden. Ganz weg geht er wohl nie, weil es einfach noch zu viele Menschen gibt, die bestimmte Erwartungen an Mütter haben und einem schnell ein schlechtes Gewissen machen, sobald man diese Erwartungen nicht erfüllt.

Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-SEin” leben zu können? 

 Eigentlich wollte ich immer zwei Kinder haben. Aber dafür müsste sich noch einiges auf dem Arbeitsmarkt und in den Köpfen der Arbeitgeber ändern. Eine Mutter wird noch zu oft als unflexible Arbeitnehmerin stigmatisiert. In meiner Bewerbungsphase musste ich immer wieder erklären, dass sich der Papa auch um unseren Sohn kümmert und auch zuhause bleibt, wenn er krank ist. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass mir nicht geglaubt wird. Ein Vater hätte in einem Bewerbungsgespräch nicht diese Probleme.
Es sollte außerdem akzeptabler sein, dass man als Eltern einen erfüllenden Job hat und sich auch noch um sein Kind kümmert, ohne dass man total gestresst ist. Ich plädiere deswegen für die 35-Stunden Woche. Wenn man nämlich mit Fahrzeiten pro Woche 60 Stunden mit Erwerbsarbeit beschäftig ist, ist es klar, dass viele Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten, kurz vor dem Burn Out stehen. Wir sollten also weg von der 40+ Stunden Arbeitswoche. Eltern sind sehr gut organisiert und ich habe es oft erlebt, dass ich in 35 Stunden genauso viel schaffe wie meine Kolleginnen in 40 Stunden.

Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)

Mir ist es wichtig, dass unser Sohn ein Verständnis für die Gleichstellung von Frauen und Männern bekommt. Ich denke dadurch, dass wir ihm die Gleichstellung mit unserem Modell vorleben und er damit aufwächst, wird er das verinnerlichen. Er interessiert sich auch gleichermaßen für Autos und Prinzessinnen und bekommt von beidem Spielzeug.

Hast Du andere Mütter in Deinem Umfeld, die was mit Feminismus anfangen können? Wo holst Du Dir Unterstützung?

Ich bekomme viel Zuspruch von Freundinnen und Bekannten, die es gut finden, wie wir unsere Familie organsiert haben. Kurz nach der Trennung haben wir uns allerdings oft alleine gefühlt und uns oft gefragt, was die beste Entscheidung ist. Wir fanden kaum funktionierende Beispiele von 50/50 Aufteilungen und harmonischen Patchwork-Familien. Ich habe deswegen auch meinen Blog angefangen, weil ich mir viel „Unterstützung“ im Internet, auf Blogs und in Büchern zusammengesucht habe und unsere konkreten Umsetzungen gerne teilen möchte.

Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?

Mir ist Erwerbstätigkeit sehr wichtig. Ich habe direkt nach dem Studium angefangen zu arbeiten und es wäre für mich nicht in Frage gekommen zuhause zu bleiben. Mir war es in der Elternzeit schon zu langweilig.

Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?

Ich spüre oft das schlechte Gewissen, was einem gemacht wird, wenn ich sage, dass unser Sohn eine Woche beim Papa ist und ich diese Zeit genieße und viele Sachen für mich tun kann. Dann höre ich oft: „Waaaas, eine Woche ist er weg? Also, das könnte ich nicht.“ Auch hier ist es wieder so, dass Väter diese Aussagen nicht hören würden. Es denkt scheinbar niemand, dass Mütter doch genauso weiterhin ihre eigenen Interessen haben. Diese Interessen haben sich doch nicht mit der Geburt des Kindes über Nacht in Luft aufgelöst.

Feminismus

Feministin und Mutter Sein – Müssen nur wollen?

(Edit 27.03.2013: Ich freue mich, diesen Artikel noch bei der Blogparade von BerlinFreckles verlinken zu dürfen – „Jede Mutter zählt“ heißt die und weil das eben so ist mach ich mit)

Wie geht das, Feministin und Muttersein?

Das war für mich vor Minimes Geburt gar keine Frage. Was sollte sich schon ändern? Ich bin Feministin, dann werd ich eben auch noch Mutter. Gehe weiter meiner Karriere in der Wissenschaft (ich hätts ja eher Berufung genannt) nach, liebe ganz bestimmt mein Kind und werde glücklich.
Und ja, mein Bild war schon sehr eingeschränkt. Ich dachte, wer Feministin ist und Mutter, muss genau so denken – Berufstätigkeit unbedingt! Man muss nur genug wollen…
Dann kam das Kind und ich merkte: Wollen und Können sind nicht ein und dasselbe. Deshalb wundert es mich eher, dass nicht alle Mütter Feministinnen sind, oder jedenfalls mehr. Wenig legt die patriarchale Struktur dieser Gesellschaft so offen, wie das Muttersein, find ich.

Um ganz subjektiv ein paar Ereignisse zu schildern: Ich wurde schwanger als ich grade einen Arbeitsvertrag hatte, der anderthalb Jahre lief. Ich ging ein halbes Jahr in Elternzeit und erfuhr währenddessen, das mein Vertrag nicht verlängert würde. Obwohl die Stelle durchaus weiterläuft. Da der Vertrag einfach auslief, und ich nicht mal gekündigt werden musste, gab es weder aussagekräftige Gründe der Arbeitgeberin, noch die Möglichkeit, einen Personalrat einzuschalten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Mitten in der Doktorarbeit in einem anderen Projekt einsteigen? Von vorne anfangen? Dafür in eine andere Stadt, mit befristetem Vertrag? Nein Danke. Will ich also nicht genug?
Ich schrieb Bewerbungen. Wenn ich in der Bewerbung das Kind erwähnte, kam es gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch. Wurde ich zum Vorstellungsgespräch geladen und erwähnte dann mein Kind gab es unverschämte Reaktionen. Letzen Endes bekam ich eine auf vier Monate befristete Teilzeitstelle. Das Gehalt liegt unter dem, was ich an ALG I bekomme. Und so sehr ich auf die naiven Mütter mit ihren Milchmädchenrechnungen geschimpft habe – ich gestehe, dass die Gleichung in der letzten Zeit bei mir immer öfter aufging. Ich werde müde.
Ja, ich hab mich auch auf volle Stellen beworben. Die vollen, unbefristeten Stellen sind ja eher die Nadel im Heuhaufen. Und erst dann hätte es Sinn gemacht, mit meinem Partner über die Reduktion seiner Stunden zu sprechen. Was in seiner Branche immer noch nicht einfach gewesen wäre. Denn Minime wird nur in Teilzeit bei einer Tagesmutter betreut. Was Anderes war hier in Köln nicht zu finden.
Unabhängig davon: Wenn ich schon nicht in der Wissenschaft arbeite, will ich auch gar nicht Vollzeit arbeiten. Von diesem Modell des Gleichheitsfeminismus, der immer vom männlichen Normalarbeitsverhältnis ausgeht, habe ich mich längst verabschiedet.

Denn ob man als Mutter feministisch ist, hat nichts (oder meist nur sehr wenig) damit zu tun, ob man als Ehe-/Hausfrau und dreifache Mutti oder als in Vollzeit berufstätige Managerin glücklicher ist. Es hat auch nichts damit zu tun, ob man acht Wochen oder drei Jahre Elternzeit nimmt, ob und wie lange man stillt oder nicht, ob man ein Kind oder fünf Kinder hat. Sofern dies “individuelle” Entscheidungen sind. Vielmehr macht sich das “Feministin und Muttersein” in einem Bewusstsein deutlich, dass es neben individuellen Entscheidungen auch strukturelle Ungleichheiten und Notwendigkeiten gibt, die eine_n daran hindern, so zu leben, so Mutter zu sein, wie man möchte:
Die Eine hätte gerne fünf Kinder. Kann aber keine bekommen, warum auch immer, jedenfalls nicht ‘auf natürlichem Wege’. Adoption steht aber nicht jeder offen. Schon gar nicht, wenn sie Single, Lesbe, Frau mit Behinderung, arm…* ist. Eine Andere wollte nie Kinder, wird ungewollt schwanger und treibt aufgrund des gesellschaftlichen Drucks in ihrem sozialen Umfeld nicht ab.
Die eine wäre gerne Hausfrau, weil aber der Hausbau, das neue Auto, die Hobbies der Kinder oder schlichtweg die Haushaltskasse das nicht zulassen, arbeitet sie in einem unbefriedigendem Job. Die andere hätte gerne weiter ihre Karriere verfolgt. Da sie aber immer nur auf befristeten Projektstellen arbeitet, die Kinderbetreuungssituation schlecht ist und ihr_e Partner_in dagegen den unbefristeten Vollzeitjob hat, bleibt sie länger als geplant zu Hause, findet in ihren alten Job nicht zurück und muss sich beruflich umorientieren. Und da wir hier in Deutschland sind: es mögen doch bitte nur Deutsche Kinder kriegen. Von „den Anderen“ gibts ja eh schon genug, die mögen sich bitte nicht auch noch vermehren (Sarkasmus off).

Drei Punkte, die ich für eine feministische Mutterschaft wichtig finde:

  1.  Sich kein X für ein U vormachen lassen! Man müsse nur genug wollen, so wie auch Frau Schröder gerne jeder weiß machen will, dann klappt das schon, ts. Wahlfreiheit? Das ich nicht lache! Ich kenne viele Mütter, und habe mich manchmal auch so gefühlt, die ihr Scheitern (an den ursprünglichen Plänen fest zu halten) als persönliches Scheitern erleben. Keine Frau oder Mutter scheitert am Wollen. Zwar stellt man manchmal fest, dass man plötzlich etwas anderes will – das ist in Ordnung. Aber in dieser Gesellschaft liegen zwischen dem Wollen und dem Können immer noch mehr strukturkonservative Menschen als man meint.
  2.  Naivität kann sich keine leisten. Denn die Milchmädchenrechnung bleibt eine Milchmädchenrechnung. Es kann ja jede gerne Hausfrau und Vollzeitmutter werden. Aber bitte – wenn möglich – an die eigene Absicherung denken. Vielleicht so, wie Rike das mit ihrem Mann getan hat.
  3.  Statt das eine Muttermodell über das andere zu stellen gemeinsam gegen die politischen und gesellschaftlichen Zustände stellen. Ob man sich dafür in einer Partei organisiert, oder bloß die Parteiprogramme genau durchliest und sein Kreuzchen dementsprechend an der richtigen Stelle macht. Oder einen Verein gründet (ich denke da grade drüber nach. Einen Namen habe ich schon – Wahlverwandtschaft e.V. Wenn ich ein paar ruhige Minuten finde, mehr dazu auf meinem Blog).

Hauptsache gemeinsam, statt gegeneinander!