Deutschland hat so wenige Geburten wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Zahlen für 2025, die das Statistische Bundesamt im Frühjahr 2026 veröffentlicht hat, zeigen, dass es sich nicht um eine kurzfristige Schwankung handelt. Dieser Beitrag fasst zusammen, wie die Lage aussieht und welche Ursachen diskutiert werden.
Die aktuellen Zahlen
Im Jahr 2025 kamen nach vorläufigen Ergebnissen rund 654.300 Kinder zur Welt, 3,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Geburtenzahl sank damit im vierten Jahr in Folge und erreichte den niedrigsten Stand seit 1946. Gleichzeitig überstieg die Zahl der Sterbefälle (rund 1,01 Millionen) die der Geburten um 352.000, das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit.
Auch die Geburtenrate ist weiter gefallen. Die zusammengefasste Geburtenziffer lag 2025 bei 1,32 Kindern je Frau, 2,7 Prozent niedriger als im Vorjahr. Zum Vergleich: Nach einem Zwischenhoch von 1,61 im Jahr 2021 sank der Wert auf 1,49 (2022), 1,38 (2023), 1,35 (2024) und nun 1,32. Für eine stabile Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung wäre eine Rate von etwa 2,1 nötig.
Auch regional gibt es Unterschiede. Die höchste Geburtenrate hatte 2025 Niedersachsen mit 1,38, die niedrigste Sachsen mit 1,16. Im Osten sank die Geburtenzahl mit minus 4,5 Prozent stärker als im Westen mit minus 3,2 Prozent. Den stärksten Rückgang gab es in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Ende des Trends ist bislang nicht in Sicht. Von Januar bis April 2026 wurden 2,5 Prozent weniger Kinder geboren als im Vorjahreszeitraum.
Gründe für den Rückgang
Die Forschung sieht keine einzelne Ursache, sondern ein Bündel von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.
1. Weniger potenzielle Eltern. Die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre bilden heute die Gruppe der Frauen im typischen Familiengründungsalter. Schon weil diese Gruppe kleiner ist, werden weniger Kinder geboren, selbst wenn das Verhalten gleich bliebe. Der Rückgang geht aber über diesen Effekt hinaus, denn die Geburtenrate je Frau sinkt ebenfalls.
2. Unsicherheit und Krisenerfahrung. Als Erklärung für die Entwicklung seit 2022 wird häufig die Häufung von Krisen genannt: Pandemie, Krieg in Europa, Inflation, steigende Energie- und Zinskosten. Analysten gehen davon aus, dass ein Anstieg der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit mit einer Verzögerung von rund 14 Monaten zu einem deutlichen Rückgang der Geburten führt. Wer die eigene Zukunft als unsicher erlebt, schiebt die Entscheidung für ein Kind eher auf.
3. Späte Familiengründung. Das Durchschnittsalter der Mütter lag 2025 bei 31,9 Jahren. Wer später beginnt, hat weniger Zeit für weitere Kinder, und das Aufschieben wird häufiger zum Verzicht. Der Rückgang betrifft vor allem Frauen ab 30 und das erste Kind. Bei den Erstgeburten begann der Rückgang bereits 2017, also früher als bei zweiten und weiteren Kindern.
4. Die Lücke zwischen Kinderwunsch und Realität. Umfragen zeigen laut einer Bundestagsdrucksache, dass der Wunsch nach Kindern in der Bevölkerung weiterhin vorhanden ist. Das Problem liege demnach auch in den Möglichkeiten, diesen Wunsch umzusetzen. Dabei werden oft Wohnkosten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Betreuungsangebote und finanzielle Belastungen genannt. Der Deutsche Familienverband sieht in der niedrigen Geburtenzahl das Ergebnis einer jahrzehntelangen strukturellen Benachteiligung von Familien. Diese Bewertung ist politisch umstritten.
5. Nachholeffekte laufen aus. Ein Teil der Geburten in den Jahren zuvor war offenbar das Nachholen aufgeschobener Kinderwünsche. Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort auf eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, nach der Geburten in den frühen 2000er-Jahren teils aufgeschoben wurden und später nachgeholt werden konnten. Wenn solche Effekte auslaufen, fällt die Geburtenrate wieder auf das niedrigere Grundniveau.
6. Wandel von Lebensentwürfen. Längere Ausbildungszeiten, eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen, spätere stabile Partnerschaften und veränderte Vorstellungen von einem guten Leben tragen langfristig dazu bei, dass Familien später und kleiner gegründet werden.
Ein deutsches Phänomen?
Nein. Auch andere EU-Länder wie Frankreich, Österreich, Italien und Schweden melden für 2025 sinkende Geburtenzahlen. Seit 2019 ist die Geburtenrate in Deutschland und im EU-Durchschnitt um rund 12 Prozent gesunken, und Deutschland liegt im europäischen Mittelfeld. Der Rückgang betrifft zudem alle Gruppen. Bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit lag die Rate 2025 bei 1,20, bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bei 1,78. In beiden Gruppen ist sie rückläufig.
Was bedeutet das für Deutschland?
Weniger Geburten wirken sich erst mit großer zeitlicher Verzögerung aus, dann aber deutlich. Betroffen sind vor allem:
- Rentensystem und Pflege: Weniger Beitragszahler stehen einer wachsenden Zahl älterer Menschen gegenüber.
- Arbeitsmarkt: Der Fachkräftemangel dürfte sich in vielen Branchen verschärfen.
- Infrastruktur vor Ort: Kitas, Schulen und Geburtsstationen geraten besonders in ländlichen Regionen unter Druck.
Zuwanderung kann den Effekt abmildern, aber nicht allein ausgleichen.
Fazit
Der Geburtenrückgang in Deutschland ist das Ergebnis vieler zusammenwirkender Entwicklungen: kleinere Elterngenerationen, wirtschaftliche und politische Unsicherheit, späte Familiengründung und die Lücke zwischen Kinderwunsch und realen Rahmenbedingungen. Welche Rolle politische Maßnahmen wie Kinderbetreuung, Wohnungsbau oder finanzielle Entlastung spielen können, wird kontrovers diskutiert. Klar ist nur, dass die Entwicklung gesellschaftlich und wirtschaftlich weitreichende Folgen haben wird.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Geburten aktuell
- Ärzte Zeitung, Zahl der Geburten sinkt 2025 auf niedrigsten Stand der Nachkriegszeit
- Pharmazeutische Zeitung, Geburtenrate auf niedrigstem Stand seit fast 20 Jahren
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/1350, Deutlich sinkende Geburtenzahlen seit 2022
- Experten.de, Deutschlands Geburtenrate fällt auf den tiefsten Stand seit fast drei Jahrzehnten
- Dr. Web, Geburtenrate Deutschland
Hinweis: Die Zahlen für 2025 sind vorläufig und können sich bei späteren Auswertungen noch leicht ändern.